Artikel drucken Artikel versenden

Wettbewerb

„In den sauren Apfel beißen?“

Diesen Artikel teilen:

Gibt es mehr offene Wettbewerbe, wenn Auslober Anreize wie Teilnahmegebühren oder Subventionen erhalten? Die Wettbewerbsexpertin Angelika Fittkau über Alternativen. | Interview: Roland Stimpel

Offenheit tut not: Angelika Fittkau sucht nach unorthodoxen Wegen aus der Wettbewerbsmise

Wie steht es denn um die offenen Wettbewerbe in Deutschland?
Wir sehen eine leichte Verbesserung im letzten Jahr, aber die Situation ist immer noch unbefriedigend. Bei den meisten Wettbewerben ist der Zugang durch ein vorgeschaltetes Bewerbungsverfahren beschränkt. Junge und kleine Büros haben selten eine Chance, mitzumachen.

Warum sind die Auslober so lustlos?
Lust auf einen offenen Wettbewerb hätten viele schon. Aber sie fürchten den großen Aufwand und wollen Kontrolle über den Verlauf. Also machen sie lieber beschränkte Wettbewerbe und Verhandlungsverfahren.

Wieso fürchten sie den Aufwand? Eine gute Jury kann doch recht schnell die Spreu vom Weizen trennen.
Wenn die Jurysitzung stattfindet, ist der größte Aufwand schon längst angefallen, nämlich bei der Vorprüfung. Eine qualifizierte Kraft kann einen ganzen Tag benötigen, um eine Arbeit zu erfassen, zu prüfen und schließlich dem Preisgericht zu präsentieren. Bei so vielen Wettbewerbsarbeiten braucht man außerdem turnhallengroße Räume, viele Stelltafeln und Personal. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob 30 oder 300 Entwürfe geprüft werden müssen.

Setzen die Auslober nicht auf den ganz großen Kreativitätsschub?
Im Gegenteil. Sie fürchten, dass in einem Riesenwett­bewerb gerade die umworbenen etablierten Büros nicht mitmachen. Solche Büros haben in der momentanen Konjunktur gut zu tun und nehmen allenfalls an Einladungswettbewerben teil.

Was kann man da für mehr offene Wettbewerbe tun?
Bloßes Appellieren bringt nicht viel. Stattdessen sollte man Mittel finden, mit denen Auslober die Kosten und Abläufe besser in den Griff bekommen. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten; ich fange mit der unpopulärsten an: einer Teilnahmegebühr, die nicht zurückgezahlt wird.

Ist das nicht ein Widerspruch? Architekten dürfen Ideen produzieren und sollen dafür auch noch Geld bezahlen?
Eine ärgerliche Vorstellung, die mir auch nicht besonders gut gefällt. Aber es wäre eine einfache und pragmatische Lösung – zumindest für das Kostenproblem. Ich denke nicht an Riesensummen, sondern an Beträge um etwa 150 Euro. Das ist wenig im Verhältnis zum Aufwand, den eine Teilnahme ohnehin macht.

Aber was bekämen die Teilnehmer für diese Zusatzkosten?
Wenn es funktioniert, können Teilnahmegebühren zu mehr offenen Wettbewerben führen. Denn einige Auslober wären eher zu einem offenen Wettbewerb bereit, wenn sie ­einen Teil der Mehrkosten erstattet bekämen, die er gegenüber einem beschränkten Wettbewerb kostet. Da diese Überlegung speziell den jungen und kleinen Büros helfen soll, habe ich einige nach ihrer Meinung gefragt. Fast alle lehnen Teilnahmegebühren im ersten Augenblick kategorisch ab, denn gerade diese Büros haben nicht viel Geld und finden es unmoralisch. Auf den zweiten Blick erkennen sie aber auch die Chancen auf mehr Wettbewerbsteilnahmen. Sie würden vielleicht eher in den sauren Apfel beißen und die Teilnahmegebühren zahlen, als bei beschränkten Wettbewerben ständig aussortiert zu werden.

Sind das nicht theoretische Gedanken?
Ja stimmt, es hat niemand ausprobiert. Ich habe aber mehrere öffentliche Auslober in Groß- und Kleinstädten gefragt. Die meisten sagen: Wir würden sofort mehr Wettbewerbe öffnen, wenn Kosten und Aufwand überschaubar blieben. Und zwar auch bei kleineren Projekten, die für kleine ­Büros optimal wären.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Auslober an den Wettbewerben verdienen wollen?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Dazu müsste die Teilnahmegebühr weit höher sein. Um das auszuschließen, könnte man die Teilnahmegebühren deckeln und nur bei kleineren Projekten einführen. Denn bei großen Projekten spielt dieses Geld kaum eine Rolle und sollte auch nicht von den Architekten bezahlt werden. Ich weiß aber noch nicht, wie die Mehrzahl der Architekten hierüber denkt. Dazu veranstalten wir eine Umfrage im Internet.

Gibt es eigentlich nur die Alternative: offener Wettbewerb mit Teilnahmegebühr oder beschränkter Wettbewerb?
Denkbar wäre auch, dass sich Dritte an den Mehrkosten offener Wettbewerbe beteiligen. Eine Stiftung oder ein staatliches Förderprogramm könnten mit relativ wenig Geld die ganze Wettbewerbskultur verändern. Für alle Wettbewerbe ginge das sicher nicht. Aber mit nur einer Million Euro könnte man zum Beispiel jedes Jahr 50 Wettbewerbe für kleinere Bauprojekte mit jeweils 20 000 Euro unterstützen. Diese geförderten offenen Wettbewerbe würden Vorbildcharakter für die nicht geförderten großen haben. Denn wenn schon für kleine Projekte wie Schulen oder Kitas offene Wettbewerbe laufen, wollen hoffentlich die großen Bauherren nicht hinterherhinken und für ihre Riesenprojekte beschränkte Wettbewerbe veranstalten. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Zahl der offenen Wettbewerbe auf einen Schlag vervielfacht: Junge und kleine Büros bekämen eine Chance. Vor allem würden wieder die besten Ideen gewinnen und nicht die Umsatzzahlen der Büros oder die Anzahl der Mitarbeiter, wie sie in Teilnahmewettbewerben abgefragt werden. Wäre das nicht genau das, was alle Seiten proklamieren?

Wie soll das in die Tat umgesetzt werden?
Zunächst wünsche ich mir eine ergebnisoffene und vorbehaltlose Diskussion über das Kostenproblem offener Wettbewerbe. Dem dient auch unsere Umfrage. Ich möchte außerdem die Förderidee über eine Stiftung oder die Politik anregen. Und ich setze darauf, dass kreative Architekten weitere Ideen haben.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.