Durch die Arbeit in virtuellen Projekträumen lässt sich viel Zeit und Geld sparen. Doch nicht jeder Teilnehmer fühlt sich dabei auch wohl. | Robert Jöst

Menschen einbinden: Für Margrit Lipczinsky entscheiden über den Erfolg virtueller Projekträume nicht nur technische, sondern auch psychologische Faktoren.
Computer haben die Arbeit von Architekten verändert. Genügten über Jahrtausende Papier und Holz, um eine räumliche Vorstellung im Kopf des Planers in ein fertiges Projekt umzusetzen, werden heute aufwendige digitale Bauwerksmodellierungen erstellt. Durch virtuelle Projekträume kommunizieren die Teilnehmer an einem Projekt, ohne sich räumlich am selben Ort zu befinden. Daraus ergeben sich neue Chancen für die Arbeit, aber auch Risiken. Denn die Psyche der Teilnehmer eines virtuellen Projektraumes wird ganz anders belastet als bei der gemeinsamen Arbeit in einem „echten“ Büro.
Margrit Lipczinsky, die eine tiefenpsychologische Wirtschaftsberatung in Konstanz führt, bemüht für eine Antwort das Modell des Tiefenpsychologen Fritz Riemann – bekannt als Riemann-Thomann-Modell. Demnach befindet sich jeder Mensch in einem Spannungsfeld aus vier Grundausrichtungen, die als Ängste von vier Grundimpulsen begleitet werden, die den Menschen antreiben. Die Angst vor Neuem, vor Veränderung und Überraschung gibt es bei vielen Menschen und sie steht mit dem Grundimpuls nach Stabilität und Festhalten an Bewährtem in Verbindung. Auf der anderen Seite findet sich die Offenheit für Wandel und Fortschritt, die mit der Angst vor Starre und Rückschritt einhergeht. Zum Dritten gibt es die Angst vor der Masse und dem dadurch bedingten möglichen Identitätsverlust des Menschen. Sie ist mit dem Grundimpuls nach Freiheit und Unabhängigkeit gekoppelt. Die vierte Angst ist die vor Einsamkeit und Isolation, zu der der Grundimpuls nach sozialer Bezogenheit und Zugehörigkeit gehört.
Ängste überwinden
Teilnehmern an einem virtuellen Planungsprozess wird in gewissem Maße die Überwindung einiger dieser Ängste und die Offenheit, neue Wege zu gehen, abverlangt. Im virtuellen Planungsprozess bleiben die Akteure weitgehend unsichtbar, und ihre Absichten erschließen sich nicht sofort. Die Kommunikation der Teilnehmer ist zwangsläufig eingeschränkt: Räumliche Distanz schafft menschliche Distanz. Die Angst vor Identitätsverlust, sich in einem solchen Prozess als kleines Rad einer riesigen Produktionsmaschinerie zu verlieren, muss überwunden werden. Durch die Arbeit im virtuellen Projektraum kann die Kommunikation auch nicht vollständig durch Telefon und Handy, E-Mail und all die anderen technischen Möglichkeiten ersetzt werden. Ist es nicht manchmal ein Händedruck, ein anerkennendes Schulterklopfen, ein Lob, das Vertrauen zwischen Menschen schafft und sie über sich selbst hinauswachsen lässt? Erschwerend für die Kommunikation kommt gerade bei internationalen Projekten noch die Sprache und Mentalität der anderen Projektteilnehmer hinzu. Konflikte entstehen aber oft durch mangelhafte Kommunikation. Die Beteiligten müssen ein hohes Maß an Selbstmanagement und Selbstmotivation mitbringen.
“Für den anhaltenden Erfolg eines virtuellen Projektteams ist es deshalb nach der Initialphase entscheidend, ein solides Maß an Stabilität und menschlicher Einbindung herzustellen“, erklärt Wirtschaftsberaterin Lipczinsky. Das wurde auf dem 17. Leipziger Bauseminar „Digitale Planung, virtuelle Realität – die Akteure zwischen Akzeptanz und Ablehnung“ Ende vergangenen Jahres in Leipzig deutlich. Die digitale Planung in Verbindung mit virtuellen Projekträumen ermöglicht es, das Wissen und die Erfahrung von global agierenden Teilnehmern zusammenzuführen. Unnötige Doppelarbeit wird vermieden, der „workflow“ ist jederzeit nachvollziehbar und jeder Teilnehmer ist auf dem gleichen Informationsstand. Die Daten bleiben während des ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes erhalten. Die Terminplanung und -verfolgung ist online jederzeit möglich. In Projekthandbüchern sind die Aufgaben und Pflichten der Teilnehmer definiert. Der schnelle Datenzugriff ermöglicht simultanes Arbeiten und die einheitliche Dokumentation verhindert Doppelablage. Keine wertvolle Zeit geht über den Postweg verloren. Das verkürzt Abstimmungszyklen und bedeutet vor allem eins: Arbeitseffizienz und Zeitgewinn.
Fazit: Das Arbeiten in virtuellen Projekträumen erfordert von den Gestaltern des Prozesses eine kontinuierliche Moderation und Steuerung. Es gilt, alle Projektbeteiligten gemeinsam „ins Boot“ zu holen und für die anstehenden Aufgaben zu gewinnen sowie Akzeptanz für den virtuellen Projektraum zu schaffen. Dazu muss Vertrauen aufgebaut werden und Kontakt gehalten werden.
Dipl.-Ing. Robert Jöst arbeitet im Referat Architektur und Bautechnik in der Bundesarchitektenkammer


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