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Oldenburg

Geruhsame Gangart

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Ein Weg durch das niedersächsische Oldenburg mit Umgehungshäusern, wohnlichen Hundehütten und langsamen Veränderungen. | Nils Hille

Ein Hauch von maritimem Leben: An Wochenenden im Sommer führen Bootsrundfahrten durch Oldenburgs Hafen. Die Tour geht unter anderem an der von Gerkan, Marg und Partner entworfenen Arbeitsagentur (rechts) vorbei.

„Alles ist wunderbar zu Fuß zu erreichen“, ist einer der ersten Sätze von Holm Kleinmann auf seiner Führung durch Oldenburg, wo er an der Fachhochschule Städtebau, Entwerfen und Modellbau lehrt. Am Bahnhof der niedersächsischen Stadt geht es los, gleich mit dem Hinweis, dass „von Osten die Landschaft reinkommt“. Das ist gut zu erkennen. Während vor uns die Stadt liegt, sieht man links, parallel zum Fluss Hunte, mehr Natur als Bebauung.
Kleinmann wählt für seine Stadt-Sicht-Tour „trotz kurzer Wege“ das Auto, um möglichst viel zu zeigen. Zum Beispiel das Bahnhofsviertel, das er nun durchquert. Hier liegen drei Theater. Sie sind zwar klein, aber der ganze Stolz Oldenburger Kulturliebhaber, zu denen Kleinmann gehört. Denn die Spielstätten haben teilweise internationale Bedeutung. So wurden Künstler und Produktionen schon nach Japan und Israel eingeladen.

Der Weg führt direkt weiter zum Yachthafen. Hier liegt der künstliche „Stattstrand“ mit bestem Blick aufs Wasser und das Restaurant „Schwan“, das der Professor empfiehlt (siehe „Kulinarisch“). Daneben steht ein kleiner Kran, mit dem eine Anekdote verbunden ist. Kleinmann erzählt: „Gerkan, Marg und Partner hatten den Wettbewerb für den Bau des Arbeitsamtes ein Stück weiter an der Promenade gewonnen. Meinhard von Gerkan forderte: ‚Nur wenn der Kran dort stehen darf, bauen wir auch das Gebäude.‘ Und er hat sich durchgesetzt.“ Ein Stück weiter am Wasser entlang, neben der Eisenbahnbrücke, steht noch so ein Symbol – ein Wasserturm, den die Bahn eigentlich abreißen wollte. Nachdem die Bürger sich für seine Rettung eingesetzt hatten, konnte unter anderem das Büro „Architektinnen im Wasserturm“ einziehen.


Grüne Anziehungskraft

Nicht weit von der Hafenpromenade entfernt, ganz am Rande der Altstadt, liegt das Oldenburger Schloss, das bis Anfang des 17. Jahrhunderts noch die Wasserburg „Aldenburg“ war. Nach dem Umbau diente es den Grafen und Großherzögen der Stadt als Residenz. Heute bietet es dem Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte einen würdigen Platz. Leider jenseits des viel befahrenen Schlosswalls liegt der rund 16 Hektar große Schlossgarten. Der im Stil eines englischen Landschaftsgartens angelegte Park ist mit seinen uralten Bäumen, prächtigen Rhododendren und Wasserzügen ein wichtiges Naherholungsgebiet der Oldenburger. Es reizt auch internationales Publikum, wie Kleinmann feststellen konnte: „Bei dem ersten von mir organisierten internationalen Workshop bin ich bei einem Stadtrundgang mit den Professoren hier Tretboot gefahren. Die waren alle begeistert.“

Auch das südlich daran grenzende Viertel lohnt den Besuch. Es ist eine der teuersten Wohnlagen im sonst preisgünstigen Oldenburg. Ein Gericht und erst recht das Gefängnis strechen zwischen Park und Hunte heraus.
Das angrenzende Dobbenviertel wurde im ehemaligen Überschwemmungsgebiet des Flusses Haaren erbaut. Daher auch der Name, denn mit „Dobben“ werden sumpfige Gelände mit Tümpeln und Wasserläufen bezeichnet. Eigentlich könnte das nach Kleinmann „innerstädtisch schönste Wohnen“ auch Doggenviertel heißen, denn die giebelständigen Häuser werden von den Bürgern gerne als „Oldenburger Hundehütte“ bezeichnet. „Durch die wenigen Architekten, die von 1866 bis 1880 das Viertel bebauten, ist eine große Geschlossenheit zu erkennen“, erklärt Kleinmann. Die Häuser sind hochflexibel. Da die Treppen vor den Wohnräumen liegen, können die Etagen auch einzeln vermietet werden. Und jeder kommt in den Garten: Meist stehen die Häuser hier nicht in Reihe, sondern frei, aber nur mit einer schmalen Lücke zum Nachbarbau, „um, wie man hier sagt, ‚umgehen‘ zu können“, so Kleinmann.

Altstadt: Das Schloss am Rande der historischen Mitte.

Über den Wall führt der Weg in die Altstadt, die im Krieg nicht zerstört wurde. Die Engländer wollten Oldenburg zu ihrem Hauptquartier machen. Doch wo ist eigentlich das Zentrum, die gefühlte Mitte der Stadt? Größter Platz ist der Markt mit Lambertikirche und Rathaus, doch der liegt eher am Rand. „Die radialen Straßen führen auf eine ominöse Mitte zu. Es gab schon einige Versuche, ringförmig zu arbeiten. Das würde einen gemäßigteren, sinnlicheren Charakter schaffen als nur eine Fußgängerzone“, meint Kleinmann. Zum Teil geht es aber schon sehr besinnlich zu, wie in der Bergstraße. Sie ist von einem mittelalterlichen, kleinen Haustypus geprägt. Und die Kunsthandwerksläden darin versprühen zusätzlichen Charme. „Dazu kommt die geschickte Umwandlung eines 60er-Jahre-Baus, der so fast gar nicht mehr stört“, erklärt Kleinmann. Sein Spezialtipp schließt sich an diesen Weg aber erst an: der ehemals geschlossene Nikolaigang, der mit der Espressobar „Kaffeekunst“ das wohl schönste Café der Stadt versteckt. In einem Innenhof gelegen, zwischen Pflanzen und mit viel Sonneneinstrahlung, ruhen sich die Oldenburger hier vom Einkaufen aus.
Nach einem Milchkaffee geht es weiter durch die Altstadt. Einfach mal kreuz und quer zu laufen, lohnt sich hier. An einigen Stellen sind so genannte „Traumgärten“ eingerichtet – kleine Blumenoasen mitten in der Stadt, meist mit Bänken oder Stühlen, um sich wie in dem eigenen Garten zu setzen. Kleinmann ist wie viele Oldenburger von dem schon im dritten Jahr laufenden Projekt begeistert: „Das Grüne ist ein sehr starkes Thema der Stadt. Die Gärten kommen bei der Bevölkerung unglaublich gut an.“


Neu und bedacht

Neubaugebiet: Die Basketballarena hinter dem Hauptbahnhof von ASP aus Stuttgart

Weiter geht es zu einem wichtigen Symbol für die Oldenburger Stadtentwicklung. Kleinmann fährt aus der Altstadt heraus, wieder am Bahnhof vorbei und durch einen Tunnel, der erst vor einigen Jahren entstanden ist. Dieser verbindet die Stadt direkt mit dem Gebiet hinter der Station. „Früher wusste niemand so richtig, was sich da hinten tut. Es war alles nur Gelände der Bahn. Mittlerweile hat sich einiges für Oldenburg getan“, sagt Kleinmann. Und es tut sich weiterhin etwas. Gegenüber der 2005 in Betrieb genommenen Basketballarena (ASP, Stuttgart) lässt die Landessparkasse zu Oldenburg gerade ihre neue Zentrale bauen (RKW, Düsseldorf).

Eine einheitliche architektonische Linie kann man bei kleineren Büro- und Wohngebäuden des Viertels allerdings nicht ausmachen. „Es ist diese Heimeligkeit und Kleinteiligkeit als Oldenburger Maßstab, die immer wieder diskutiert wird“, sagt Kleinmann. So sei der örtliche Energieanbieter auch leider nicht auf die Idee gekommen, einen Wettbewerb für sein Verwaltungsgebäude auszuschreiben, „was man deutlich sieht“, wie Kleinmann es formuliert. Da die Investoren trotz des Bevölkerungswachstums, nicht gerade Schlange stehen, scheint vieles auch einfach hingenommen zu werden – Hauptsache, jemand bringt Geld mit. Kleinmann klagt: „Es gibt auch in der Bevölkerung einen leichten Hang zur Mittelmäßigkeit. Nur bei fünf Prozent kommt moderne Architektur an, die anderen tun sich schwer.“ Die Bürger wollten oft aus Vorgängen und Entwicklungen eher das Tempo herausnehmen, aber trotzdem etwas Besonderes. Schwer tun sich die gebürtigen Oldenburger auch mit Zugezogenen, die höhere Ämter, zum Beispiel in der Stadtverwaltung, anstreben: „Wer nicht mindestens drei Generationen Oldenburger in der Familie hat, der fasst nicht so leicht Fuß. Das ist nicht böse gemeint, sondern das ist einfach so“, sagt Kleinmann, der seit über 25 Jahren in der Stadt lebt. Genauso sei es beim Schließen von Freundschaften: „Erst muss man sie ankurbeln, aber wenn sie einmal da sind, bleiben sie für ewig.“


Kulinarisch

Der Schwan Brasserie direkt an der Hunte mit Blick auf den Yachthafen. Großer Biergarten.

Espressobar Kaffeekunst Mitten in der Altstadt. Gut versteckt im ehemals geschlossenen Nikolaigang.

Café Klinge Traditionscafé seit 1884, bekannt für die gebackene Nusstorte. Wintergarten und Veranda bieten Blick auf Wallanlage und Wasser.


Kulturell

Horst-Janssen-Museum Dauerausstellung zu Leben und Werk des Künstlers Horst Janssen mit Zeichnungen, Aquarellen,
Holzschnitten, Radierungen und Lithografien. Museumsbau der Architekten Peter Reinig, Meike Dreyer und Carl Deters.

Edith-Ruß-Haus für Medienkunst Ausstellungshaus von Carsten Meyer-Bohlering allein für die Kunst der neuen Medien. Wechselnde Schauen, die sich mit der zunehmenden Digitalisierung und Virtualisierung beschäftigen.

Stadtmuseum Aus der privaten Kunst- und Geschichtssammlung des Kunstliebhabers und Mäzens Theodor Francksen entstanden. Zwei Villen mit bürgerlicher Wohnkultur vom 17. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Museumsgarten mit Skulpturen und Plastiken. Ausstellungen zu Kunst, Kultur und Stadtgeschichte.


Entspannend

Acara Hotel Direkt in der City. Zimmer mit unterschiedlichen Farbkonzepten.

Altera Hotel Die einzige 4-Sterne-Herberge der Stadt. Designhotel mit Restaurant.

Hotel Bavaria Moderne, komfortable Zimmer. Familiengeführtes Haus mit neuem Relaxbereich.

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