Glänzende Outfits und intensive Farben sind nicht nur in der Mode aktuell – der Trend hat auch Außenputze erfasst. | Marion Goldmann
Die Kollektionen pastöser Putze auf Wärmedämm- Verbundsystemen werden immer breiter. Mit neuen und modifizierten Produkten wollen die Hersteller dem negativen Image der künstlichen Thermohaut entgegenwirken und zu mehr Individualität anspornen. Das entspricht den Wünschen vieler Anwender, die auch aus Trendanalysen der Bereiche Architektur, Möbel und Fliesen hervorgehen. So gibt es mittlerweile Putze mit in die Oberfläche eingedrückten oder eingeblasenen Effektsanden, Glas- oder Glimmerpartikeln. Neben der glamourösen Richtung sind intensivere Farben, aber auch wieder rustikalere Strukturen angesagt.

Putz-Spiele: Die Fassade der Waldorfschule in Villingen-Schwenningen gliedert ein Wechsel der Putztechnik. Die Hauptflächen erhielten eine Kellenwurfoptik, die besonders intensive Licht-Schatten-Effekte entwickelt und sich von glatten Flächen deutlich absetzt. Architekten: Lederer Ragnarsdóttir Oei
Noch bis in die 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein warenPutzfassaden meist sehr hell und pastellfarben. Gern setzte man damals auch mit blauen bis blauroten Farbtönen an einzelnen Flächen oder Details Akzente. Es folgte eine Ära mit dunkleren und tief gesättigten Farben, zum Beispiel dem heute noch beliebten Rot. Oft erreicht ein Trend erst den Innenbereich und kommt viel später und meist abgeschwächt an der Fassade an. Kurzlebige Strömungen schaffen es gar nicht erst bis dorthin. „Gold“ sieht die Leiterin des Farbdesignstudios von Caparol, Margit Vollmert, als aktuelle Modefarbe im Außenbereich. „Aber auch Schwarz-Weiß ist beliebt“, wird aber eher über die Kontraste definiert und geht in Richtung Retrofuturismus“ – also die Ästhetik von „Orion 7“ oder „Raumschiff Enterprise“. Erzielen lässt sich diese Wahrnehmung mit bläulichem Anthrazit und grünstichigem Hellgrau, alles wohl abgestimmte und fein nuancierte Farbtöne. Die Wirkung von Gold werde dagegen durch die Kombination bestimmt, so die Designerin. Gearbeitet wird hier unter anderem mit Lasuren, die durch Auftragsart und gewählten Glanzgrad weitere kreative Spielräume bieten. Ebenso wie Effektmaterialien leben solche Flächen aber letztendlich von den unterschiedlichen Lichtverhältnissen im Tagesverlauf.
Einmischen und mitmischen
Ein neuer Trend bahnt sich auch bei den Oberflächenstrukturen an. Uwe Koos, Leiter StoDesign International: „Seit etwa zwei Jahren zeichnet sich eine Abkehr von den glatten hin zu raueren Putzfassaden ab.“ Auch der „Handschlag“ des Putzers ist wieder gefragt. Selbst die noch bis vor kurzem als Schönheitsfehler empfundenen Schattierungen, zu denen dunkle Putzfassaden neigen, seien heute in gewissen Grenzen wegen ihrer Lebendigkeit sogar so gewollt. Ausgangspunkt dieser Entwicklungen ist der Wunsch nach einem individuellen Endprodukt, das sich klar von industrieller Standardware abhebt. Margit Vollmert: „Materialien, die Varianzen ermöglichen, helfen davon wegzukommen.“ Um individuelle Qualität zu erreichen, hat sie gemeinsam mit Architekten schon viele Gestaltungskonzepte für Fassaden erstellt. Unterstützung erhalten Interessierte auch in der Kreativwerkstatt von Sto. Neben völlig neuen Produkten, die hier entstehen, dürfte für Architekten besonders das Prototyping interessant sein. Die Basis bilden bereits bauaufsichtlich zugelassene Standardprodukte. Dennoch bestehen innerhalb dieser Vorgaben Spielräume für weitere Variationen. Uwe Koos: „Diese auszuloten ist für Architekten ein Erlebnis.“ Es darf also „mitgemischt“ werden. Viele haben hier schon bis zu den Ellenbogen in Putzmischungen gesteckt, um ihre Vorstellungen unter fachkundiger Anleitung zu realisieren.
Erreichte man früher grobe Oberflächenstrukturen mit groben Körnungen, so erzielt man ähnliche Effekte heute durch entsprechende Spritztechnik ebenso wie durch die Wahl der Kornstrukturen und Sieblinien. Dadurch entsteht eine große Vielfalt an Möglichkeiten, die sich nicht ausschließlich anhand der Mustertafeln der Hersteller demonstrieren lässt. Ausprobieren ist hier der bessere Weg. Inzwischen ist auch für den von Architekten häufig bemängelten Bruch der Strukturen vom Gebäudeinneren zur Wärmedämmfassade mit der Fleckspachtelung eine Lösung gefunden. Diese schon lange aus der Innenarchitektur bekannte Ausführungstechnik ist jetzt auch mit einer WDVS-Endbeschichtung (Sto) möglich.
Farbintensive Lichtblicke

Gewollt betont: Um den banalen Siedlungsbau mit seiner stereotypen Lochfassade architektonisch aufzuwerten, hat man mit den asymmetrisch angeordneten Fensterfaschen ein altes Thema neu interpretiert.
Dem bereits vor einigen Jahren eingeläuteten Trend zu dunkleren, intensiven Farbtönen kommt die Industrie ebenfalls entgegen. Bekanntlich sind wärmegedämmten Fassaden hier technische Grenzen gesetzt. Die Systeme müssen die Spannungen rissfrei abfangen, die aufgrund der hohen Temperaturdifferenzen bei Sonneneinstrahlung zwischen Dämmstoff und Endbeschichtung entstehen. Erst wenn dieser Nachweis erbracht ist, wird die bauaufsichtliche Zulassung erteilt. Das Dr. Robert-Murjahn-Institut führt solche Prüfungen schon seit über 25 Jahren durch. Aus dieser Zeit stammt noch eine frei bewitterte Prüfwand auf dem Gelände. So hat man zum Beispiel am 15. Januar 1982 bei minus acht Grad Celsius Lufttemperatur an einer braunen Putzfassade binnen weniger Minuten einen Temperaturanstieg um 30 Grad Celsius gemessen, als die Sonne hervorkam. Franz Xaver Neuer, Leiter der Caparol-Technik: „Die Messergebnisse waren damals der Grund, weshalb sich die gesamte Branche auf eine Begrenzung des Hellbezugswertes bei dunklen Fassaden auf 20 Prozent verständigt hat.“ Und viele Jahre war dieser Wert als Stand der Technik akzeptiert. Der Hellbezugswert gibt an, wie weit der Reflexionsgrad eines Farbtones vom Schwarzpunkt 0 und dem Weißpunkt 100 entfernt ist.
Inzwischen erlauben es realitätsnähere Prüfkennwerte, modifizierte Inhaltsstoffe der dispersionsgebundenen Beschichtungen sowie die langjährigen Erfahrungen, diesen historischen Wert zu unterzuschreiten. Zum Beispiel werden weiße Fassaden heute nur noch bei Temperaturen von 50 Grad Celsius geprüft und farbige bei 60. Früher waren es 70 bis 80 Grad. Zum rissfreien Ausgleich der Spannungen nutzt Caparol Karbonfasern zur Verstärkung der Putz- und Spachtelmassen. Je nach Art des Dämmstoffs werden damit Hellbezugswerte von zehn bis 15 Prozent möglich. Mittlerweile wagen sich die Hersteller im Einzelfall und in Abstimmung aller am Bau Beteiligten sogar in den Fünf-Prozent-Bereich hinein. Es versteht sich von selbst, dass das Risiko die Partner dann gemeinsam tragen. Deshalb wird von derartigen Extremen auch eher abgeraten. Schließlich sind dem kreativen Freiraum allein mit den Standardprodukten kaum Grenzen gesetzt.
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