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Qualifizierung im Bestandsbauen

Grenzenloser Austausch

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Planen und Bauen im Bestand ist nicht allein ein deutsches Thema. Dies zeigt ein europäisches Kooperationsprojekt der Architektenkammer Baden-Württemberg, aus dem nun ein Studiengang hervorgeht. | Nils Hille

Eindrücke sammeln: Warschau im Bild festgehalten.

Ehrgeizig ist das Pilotprojekt des Instituts Fortbildung Bau, kurz ifbau, der Architektenkammer Baden-Württemberg. Gleich zwei große aktuelle Themen sollten in einem Angebot vereint werden: das Bauen im Bestand und die Arbeit von deutschen Architekten im europäischen Ausland.

Dazu gehörte ein enormer Aufwand, der sich aber auszahlen soll. Schon vor drei Jahren befragte ifbau die Architekten des Bundeslandes nach ihrem Bildungsbedarf. Die zurückgesandten Fragebögen machten deutlich, dass Bestands- und Auslandsbauen die Themen der Zeit sind. „Die Beschäftigungslage kleiner Büros in Deutschland ist nach wie vor nicht gut. Hier bieten sich aber zwei Chancen für die Architekten an“, so Projektleiterin Ramona Falk. Doch mit nur kurzen Kompaktfortbildungen wollten die ifbau-Mitarbeiter diesen Wünschen nicht nachkommen. Etwas Umfassenderes sollte her.

Da die Entwicklung einer weitgreifenden Bildungsmaßnahme eine Menge Zeit und somit Geld kostet, suchte Falk nach einem Förderprogramm. Mit dem EU-Projekt „Leonardo da Vinci“ fand sie das Passende. Viel Papier und zwei Anträge später wurde die Idee als eine von 23 aus knapp 150 Vorschlägen als förderungswürdig eingestuft. Damit war der Startschuss für die eigentliche Arbeit gegeben. Ab nun übernahm der Fördertopf der europäischen Kommission rund drei Viertel der Personal­kosten für die Projektentwicklung.

Ganz oder gar nicht

Prag: Blick auf die „Novotneho lavka“, das Konferenzcenter (r.) und die Karlsbrücke (l.).

Mit zwölf Partnern plante ifbau zuerst die konkreten Ziele und dann den Ablauf des Projektes rund um das feststehende Budget. Auch wenn Leonardo nur die Entwicklung des Projekts und exemplarisch einzelne Module finanzierte, war für die Baden-Württemberger klar, dass sie ein vollständiges Programm anbieten würden. Die interessierten Architekten sollten mit der „europaspezifischen Zusatzqualifikation Planen und Bauen im Bestand“ einen richtigen Abschluss machen können.Die große Resonanz einer Informationsveranstaltung bestätigte die schriftliche Erhebung. 120 interessierte Planer kamen, zwei Drittel von ihnen bewarben sich danach um einen Platz bei dem Angebot, das ein Jahr lang laufen sollte. Um das Seminar klein genug für Arbeit und Besprechungen zu halten, wurden 25 von ihnen ausgewählt. „Wir wollten einen Querschnitt der Architekten erreichen – angestellte wie freie, jüngere und ältere, weibliche und männliche Planer. Wichtig war, dass sie sich alle schon mit dem Bauen im Bestand beschäftigt hatten“, so Falk über die Auswahl.

Internationales Wissens-Update

Vor einem Jahr wurde aus der Theorie dann Praxis: Die Teilnehmer erwarteten 14 zweitägige Unterrichtsblöcke in Stuttgart und mindes­tens ein internationales Blockseminar. In den hiesigen Seminaren lehrten Fachdozenten in sieben Modulen: Konzepterstellung, Baurecht, Stadtplanung mit Städtebau und Landschaftsarchitektur, Denkmalpflege,  Bautechnik, Energie und Ökologie sowie Projektmanagement – alles in Bezug auf das Bauen im Bestand.

Budapest: Die Donau trennt die Stadtteile Buda und Óbuda auf der einen sowie Pest auf der anderen Flussseite.

Von vier Modulen in osteuropäischen Ländern mussten die Architekten mindestens eines belegen. „Das Wissens-Update muss international sein, um sich in der eigenen Konkurrenzsituation bewegen zu können“, so Peter Reinhardt, Leiter von ifbau. Das Programm der Reisen war dabei sehr unterschiedlich. Reinhardt besuchte mit einer Gruppe Budapest. In Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer sowie der Architektenkammer vor Ort erlebten die Deutschen eine Art „Tag der Architektur“. Die Schiffsfahrt über die Donau mit Erläuterung der Stadtentwicklung war dabei nur ein Erlebnis. „Auch die ungarische Hauptstadt sieht das Bauen im Bestand als wichtige Zukunftsaufgabe. Hier liegt viel aus der Gründerzeit brach“, nahm Reinhardt als eine von vielen Erkenntnissen mit. Kollegin Falk reiste mit einigen Planern in die Slowakei. Zum Thema Projektmanagement besuchten sie Dozenten in der Universität von Bratislava. „Sie berichteten von einer Situation, die wir in den 70er-Jahren erlebt haben. Hier werden Wohnhochhäuser an neue große Straßen gesetzt, was die Professoren natürlich kritisieren. Auch im Baurecht gibt es noch viel zu tun“, so Falks Eindruck.Weitere Reisen führten die Architekten nach Warschau und Prag. Bei allen vier Angeboten wurde deutlich, dass das Bauen im Bestand auch in Osteuropa viele Aufträge für Architekten bringen kann. „Der Fokus lag mehr beim Erfahrungsaustausch und weniger bei der Erweiterung des Tätigkeitsfelds für deutsche Architekten. Doch der Markt ist dort sehr stark in Bewegung. In Warschau und Budapest werden momentan die höchsten Renditen auf dem europäischen Immobilienmarkt erzielt“, sagt Reinhardt.

Fortsetzung als Studiengang

Die Horizonterweiterung Richtung (Ost-)Europa soll weitergehen. Schon vor Abschluss des ersten Durchgangs in Form einer finalen öffentlichen Veranstaltung  plant ifbau weiter. Aus der Zusatzqualifikation wird nun ein Master. In Zusammenarbeit mit der Hochschule Biberach entsteht gerade das Curriculum für den Studiengang, der ab dem Wintersemester 2009 regelmäßig angeboten wird. Dabei soll der europaweite Blick auf das Bauen im Bestand den Kern bilden, so Falk: „Mit ihrem Studiengang Internationales Immobilienmanagement hat die Hochschule schon EU-Erfahrungen gesammelt. Bauen im Bestand wird ebenfalls ein berufsbegleitendes Angebot sein, damit die Architekten parallel arbeiten und sich weiterbilden können.“

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