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Wirtschaft und Baukultur

„Wir werden unser Werk herzeigen“

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Warum Karl Haeusgen, Geschäftsführer und Mitinhaber der HAWE Hydraulik in München, jetzt seinen ersten Wettbewerb ausgelobt hat. | Interview: Roland Stimpel

Industriebauherr: Karl Haeusgen mit dem Wettbewerbsmodell für sein neues Werk in Kaufbeuren

Herr Haeusgen, Ihre Stärke ist die technologisch anspruchsvolle Hydraulik – das klingt eher architekturfern.
Ich habe eine gewisse persönliche Leidenschaft für Architektur, aber wir verfolgen mit ihr auch unternehmerische Ziele. Wir verstehen die Firma als System mit verschiedenen Anspruchsgruppen – Kunden, Geschäftspartner, Mitarbeiter, die Öffentlichkeit und natürlich auch die Menschen an den Standorten, an denen wir tätig sind. Man schuldet doch den Orten Respekt, an denen man sich aufhält. Langfristig können wir nur erfolgreich sein, wenn wir all diese Ansprüche miteinander in Einklang bringen. Und dabei ist die Präsenz des Unternehmens durch Architektur ein ganz wesentlicher Faktor.

In Produktions- und Logistikbranchen ist die Baukultur nicht sehr tief verwurzelt.
Der Industriebau ist ein weites Feld für Architekturverbrechen. Wir kommen ja viel in den Industriegebieten Deutschlands herum. Es ist schon deprimierend, was man dort sieht.

Gerade das Öde gilt als wirtschaftlich.
Wir könnten natürlich billiger bauen; das hat sich gerade bei unserem neuen Werk in Freising gezeigt. Den Wert von guter Gestaltung kann man nicht direkt in Zahlen ausdrücken. Es ist wie mit der Werbung – man muss an die Wirkungszusammenhänge auch glauben. Ich bin aber überzeugt, dass sich die Investition in gute Architektur lohnt, obwohl das schwer nachzuweisen ist. Das beginnt bei den Mitarbeitern, die erkennen: Das Unternehmen bemüht sich um uns. Dabei geht es natürlich nicht um reine Schönheit, sondern um durchdachte Architektur zugunsten der Arbeit und des Wohlbefindens.

Erhöht gute Architektur die Produktivität und Zufriedenheit?
Da bin ich ganz sicher. Auch wenn sie bei uns gelegentlich ein umstrittenes Thema ist. In der Firmenzentrale aus den 90er-Jahren, in der wir hier sitzen, hatte die Form in mancher Hinsicht Vorrang vor der Funktion. Das hat bei vielen Mitarbeitern sogar zu einer skeptischen Haltung gegenüber anspruchsvoller Architektur geführt. Als „Palastbewohner“ wurden die Beschäftigten hier im Verwaltungsgebäude früher von Kollegen in der Produktion bezeichnet – weil die Architektur zunächst eine Zweiteilung verfestigte, die wir doch gerade überwinden wollten.

Eine Frage des Neides?
Nicht unbedingt. Bei Architektur und Gestaltung gehen die Vorlieben oft weit auseinander. Wir haben das gerade in Freising bei der neuen Kantine erlebt. Da ist vielen der schöne Schieferboden zu aufwendig und nicht funktional genug und die Designerstühle sind ihnen zu unbequem. So etwas verstehen einige Leute einfach nicht. Manche finden Wirtshausstühle, Blumentöpfe und Lüftlmalerei gemütlicher.

Aber das übergehen Sie?
Man muss doch aufpassen, dass man nicht überheblich wird. Die Mitarbeiter sind schließlich die intensivsten Nutzer der Architektur; sie sind ihr am stärksten ausgesetzt. Wir können sie natürlich nicht ignorieren, sondern wollen sie im Gegenteil mitnehmen und für Architektur öffnen!

Wie gehen Sie auf die Mitarbeiter ein?
Für die Büros am Standort Freising ließen wir etwa unterschiedliche Grundrisslösungen entwerfen, Kombi- und Gruppenbüros und was es da alles gibt. Aber die Mitarbeiter wollten es ganz konventionell: einen Flur, Einzelbüros zum konzentrierten Arbeiten. Das haben wir dann gemacht.

Gibt es bei HAWE so etwas wie eine Firmenarchitektur – oder soll es sie geben?
Beim Thema Corporate Architecture gibt es zwei extreme Ansätze. Beim einen hat eine Firma einen typischen Architekturstil. Der Maschinenbaukonzern Liebherr beispielsweise baut auf der ganzen Welt gleich. Das andere Extrem ist der Büromöbelhersteller Vitra, der in seiner Firmenzentrale in Weil konträre Stararchitekten aufeinander prallen lässt. Uns ist etwas anderes wichtig: Wir wollen mit der Architektur unser Selbstverständnis ausdrücken, aber auch dem jeweiligen Umfeld gerecht werden. Wir würden daher nicht in Shanghai-Pudong genauso bauen wie in Kaufbeuren vor dem Alpenpanorama. Wir wollen auch keine autonomen, vor allem über sich selbst sprechenden Baukunstwerke, sondern eine stimmige Architektur zu unseren Produktmerkmalen wie Qualität, Professionalität, Materialgerechtigkeit, Lebensdauer und Nachhaltigkeit. All das kann man durch Gebäude kommunizieren; sie sind auch ein Marketinginstrument.

Könnten Sie zur Not darauf verzichten?
Nein. Man kann Produkte, die man als hochwertig vermarktet, nicht in irgendwelchen Wellblechhütten herstellen.

In Kaufbeuren entsteht Ihr neues und größtes Werk. Sie lobten erstmals einen Wettbewerb aus. Warum?
Es war die Größenordnung. Unsere vorigen Projekte fanden wir noch zu klein für Wettbewerbe. Wir dachten uns: Wenn wir sieben Büros wegen so einer Kiste ansprechen, dann nehmen die uns ja nicht ernst. Für unser Projekt in Freising hatten sich drei vorgestellt; wir haben dann eins davon ausgewählt. Das Kaufbeurener Projekt hat ein Bauvolumen von über 40 Millionen Euro. Es ist groß genug für arrivierte Architekten und natürlich sehr spannend für Newcomer.

Was haben Sie sich vom Wettbewerb versprochen?
Wir erzeugen Konkurrenz. Dadurch werden gestalterische Ideen noch stärker unter Kostengesichtspunkten gesehen.

Es ging ums Sparen?
Wir haben uns nicht für den günstigsten Entwurf entschieden – sein Urheber war nicht einmal unter den drei Preisträgern. Aber ausschlaggebend sind natürlich nicht nur die Bau- sondern auch die Betriebskosten, etwa für Instandhaltung, Reinigung oder auch die Frage, wie die Fassade wohl in zehn Jahren aussieht.

Wie haben Sie den Wettbewerbsteilnehmern die Anforderungen Ihrer Produktion vermittelt?
Wir haben da sehr, sehr präzise Vorgaben gemacht – an die Größe und Zuordnung der einzelnen Produktionsbereiche, an die Quadratmeter der Einzelbereiche – und wir haben Materialflussdiagramme erstellt. All das sind Themen, die die Architekten natürlich nicht selbst gestalten können, sondern bei denen die Entwürfe unsere Vorgaben umsetzen müssen.

Und haben Sie es geschafft?
Die Funktionen waren in allen gut erfüllt, und das bei einer großen Bandbreite der Entwürfe. Mich hat überrascht und gefreut, dass sie für die Aufgaben in unserem detaillierten 45-Seiten-Papier so unterschiedliche Lösungen gefunden haben – eben mehr als reine Kisten. Das war auch für uns ungemein bereichernd. Es hat uns auch weiter gebracht, einmal gegenüber „Laien“ unsere eigenen Programme erläutern zu müssen, all die Zusammenhänge im Materialfluss zum Beispiel.

Also alles eitel Sonnenschein im Verhältnis zu den  Architekten?
Beim Entwurf durchaus. In der Vergangenheit haben wir aber darunter gelitten, dass auch gute Architekten an der Vereinbarkeit von Kosten und Qualität gescheitert sind. Wir sind sehr gespannt, ob es diesmal gelingt. Außerdem suchen wir noch nach der optimalen Organisationsform für das Bau management. In der Vergangenheit haben sich Architekten mal mit der Bauleitung geprügelt und mal mit uns. Da sind wir in der Experimentierphase und verfolgen interessiert, dass jedes der drei prämierten Büros einen völlig anderen Ansatz verfolgt. Das eine besteht für sich auf allen Leis tungsphasen, das zweite will nur die künst lerische Oberleitung. Wir erwarten aber, dass uns Architekten mehr Ideen und Konzepte für die Umsetzung des Projektes an die Hand geben. Ein paar Folien mit Allgemein plätzen reichen da nicht.

Denken Sie auch schon an den nächsten Wettbewerb?
Wenn wir wieder einmal eine entsprechende Bauaufgabe haben, sofort. Trotz des ungefähr ein Drittel größeren Zeitaufwands bei uns im Vergleich zu einer Direktvergabe.

Was wird in ein paar Jahren Ihre Firmenprospekte zieren – Ihr neues Werk oder Ihre Produkte?
Sicherlich beides. Wir werden unser Werk herzeigen – und ich glaube, wir können es mit Stolz tun.

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