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Graz

Partielle Kontraste

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Ein Gang durchs österreichische Graz mit einer beschreibbaren Blase, einem kulinarischen Gipfel und kunstinteressierten Punks. | Nils Hille

Wahrzeichen: Der Uhrturm auf dem Schlossberg mit seinen fünf Meter großen Zifferblättern

Zentral soll es sein und als Anlaufpunkt dienen. Das Haus der Architektur (HDA) Graz hat Anfang des Jahres seinen Sitz von einer Villa am Stadtrand mitten in die City verlegt. Der Umbau des Palais Thinnfeld durch die Berliner Architekten Ifau mit Jesko Fezer IJF schuf Büro und Ausstellungsraum für das HDA im Erdgeschoss. „Planer und andere Interessierte erreichen uns jetzt an zentraler Stelle“, erklärt Fabian Wallmüller stolz. Der Grazer Architekt hat diesen Ort als Start für die Tour gewählt. Er gehört zum Vorstand des HDA und ist diesmal der Stadtführer. Keine ungewöhnliche Rolle für den 33-Jährigen, schließlich ist eine seiner ehrenamtlichen Aufgaben die Architekturvermittlung.

Seit 20 Jahren gibt es das HDA in der Steiermark. „Eine sehr dichte Architektenszene in der Stadt war der damalige Ursprung der Idee, mittlerweile hat sich diese sehr verzweigt“, so Wallmüller. Am neuen Sitz haben auch die Direktion des Landesmuseums Joanneum und der Grazer Kunstverein ihren Platz gefunden. Letzterer bietet etwas versteckt in der zweiten Etage sehenswerte wechselnde Ausstellungen. „Bei allen Umbaumaßnahmen haben sich die Architekten auf das Wesentliche konzentriert“, erklärt Wallmüller. Das war durch den Denkmalschutz und für die Dachlandschaft auch nötig. So waren die Lamellen aus transluzentem Lochblech an den Schaufensteröffnungen schon die größte außen sichtbare Veränderung.

Der Hinterausgang im Erdgeschoss führt direkt zur nächs­ten Station. Doch Wallmüller wählt den Weg außen herum. Er erzählt von einer Initiative der Architekten, die es schon länger als das HDA gibt. Die „Grazer Schule“ betreibt parallel zur Universität Zeichensäle und stellt diese Studenten kostenlos und zur Selbstverwaltung zur Verfügung. „Die Qualität der Hochschulausbildung ist hier so schlecht wie eh und je. Da ist zusätzliche Unterstützung Gold wert.“


Blasenbau

Kunst dran und drin: An der „blauen Blase“, dem Grazer Kunsthaus von Peter Cook und Colin Fournier, können sich Lampen zu Zeichen formieren. Innen sind wechselnde Ausstellungen zu sehen. Im eisernen Nebengebäude von Josef Benedict Withalm (l.) zeigt die Camera Austria Fotografien.

Nicht mit Edelmetall, sondern tiefblau mit dem Kunsthaus von Peter Cook und Colin Fournier geht es weiter. Der optisch spektakulärste moderne Bau der Stadt basiert auf einer stützenfreien Stahlkonstruktion. Die Anziehungskraft macht aber die aus über tausend unterschiedlichen Acrylplatten wie eine organgeformte Hülle aus. „Trotz des Fremdkörpers ist das Kunsthaus geschickt an diesem Standort eingepflanzt“, kommentiert Wallmüller und spielt damit auf das Eiserne Haus an, den denkmalgeschützten Nachbarn von Josef Benedict Withalm aus dem Jahr 1847. Über 900 programmierbare Leuchtstofflampen sind in die Ostseite der blasenartigen Fassade integriert und können so Bilder und Schriften darstellen. Im Inneren wirkt das Kunsthaus, außer im gläsernen Foyer, dagegen vor allem dunkel. Lange Rolltreppen führen wie Himmelsleitern auf die Ausstellungsebenen, auf denen wenig von der spektakulären Außendarstellung  wiedergeben wird. „Für ein Museum ist die Aufteilung problematisch oder eine Herausforderung, je nach Blickwinkel“, so Wallmüller. Von der Blase können die Besucher auch direkt in das Eiserne Haus zur Ausstellung der Camera Austria gehen – einem Raum für besondere Fotografien.Wallmüller führt zurück ins Tageslicht und über die Mur, den stark begrünten Fluss, der die Stadt in zwei Teile trennt. Ihr Bett ist hier so flach, dass Schiffe nicht fahren können. So kann die Murinsel, der zum Kulturhauptstadtjahr 2003 eigentlich temporär errichtete Augenfang des amerikanischen Künstlers Vito Acconci, dauerhaft bleiben. „Auch hier steht die Optik vor der Funktionalität“, kommentiert der Graz-Führer, als er auf der Insel mal wieder ein selbst an diesem sommerlich warmen Tag fast menschenleeres Café vorfindet.  Nach seiner Vorstellung müsste der Fluss baulich zur Stadt hin geöffnet werden. „Momentan haben Graz und Mur nichts miteinander zu tun. Da gibt es ein großes Potenzial.“


Lift im Berg

 

Zur Spitze des Schlossbergs fährt nicht nur eine Bahn, sondern auch ein gläserner Lift.

 

Auf dem Weg zur nächsten Station wägt Wallmüller das Für und Wider des (Architekten-)Lebens in Graz ab. „Es ist schon angenehm in dieser Größe zwischen Klein- und Großstadt. Man kann viele Menschen treffen, sich aber auch aus dem Weg gehen, wenn man das möchte. Beruflich habe ich gemerkt, dass ich einerseits in jungen Jahren etwas bewegen kann, aber dann auch rasch an die Grenzen meiner Möglichkeiten stoße.“ So sieht er auch die Stadtentwicklung: „Einiges geht, große Schritte gibt es nicht.“ An einer Stelle wurden die vorhandenen Möglichkeiten genutzt: Zur Spitze des Schlossbergs, der mitten in der Stadt steht, fährt nicht nur eine Bahn, sondern auch ein gläserner Aufzug, den Architekt Reiner Schmid plante. Fußwege im Berg führen zu zwei Luftschutzstollen aus dem Zweiten Weltkrieg, die ebenfalls von Schmid zu schalldichten Räumen für Veranstaltungen ausgebaut wurden. „Es gibt viel Kultur in der Stadt und hier eine gelungene Location dafür“, sagt Wallmüller.Oben auf dem Schlossberg angekommen, mit Blick über Graz, spricht er weiter über die Stadtplanung. „Das Augenmerk liegt auf der Innenstadt und deren Behandlung. Doch wenn ich drum herum etwas suche, verfahre ich mich regelmäßig. Eine Sektion sieht aus wie die andere. Es gibt keine Vakanzen und kaum Orientierungspunkte. Ich wünsche mir größere Kontraste.“ Wallmüller lässt seinen Blick weiter über die Stadt schweifen, als er im „Aiola upstairs“ (siehe „Kulinarisch“) Platz nimmt. Das von Siegfried Frank und Michael Rieper geplante Café ist die gelungene Verknüpfung eines der besten Standorte der Stadt mit moderner wie funktionaler (Innen-)Architektur. Die raumhohen Glasfronten können per Knopfdruck im Boden versenkt werden und so die Terrassenfläche erweitern. Da lässt die Architektur gemeinsam mit den gelungenen Speisen auch den eher unfreundlichen Service schnell vergessen.


Szenetreff

Die futuristische Mur-Insel

Bergab geht es zu Fuß Richtung Stadtpark, in dem Wallmüller eine Institution für die Grazer Kulturliebhaber präsentiert. Das Forum Stadtpark, vor acht Jahren von Ernst Giselbrecht und Peter Zinganel umgebaut, war früher ein Café und gilt nun als Ausstellungs- und Diskussionsort für die Kunst. Eine scheinbare Erweiterung haben die beiden durch einen prägnant hervorragenden weißen Rahmen geschaffen, der auch einige Bäume umschließt. „Dies ist ein Ort der Kontraste: Vor der Scheibe Richtung Park sitzen immer die Punks, auch bei den Vernissagen, wenn innen die Kulturszene der Stadt zusammenkommt.Diese wird zukünftig wohl auch den Weg zur nächsten Station der Führung finden – ins Mumuth, dem Haus für Musik und Musiktheater, dessen Fertigstellung bald erfolgen soll. Das UN-Studio Ben van Berkel baut das neue Ins­titutsgebäude der Kunstuniversität Graz als Schnittstelle zwischen Hochschule und Öffentlichkeit. Ein großer Saal mit 500 Sitzplätzen bietet den Raum dafür. Innen fällt sofort eine überdimensionale Treppe in Spiralform auf. „Der Entwurf wurde schon vor zehn Jahren angefertigt. Die ersten Pläne mit einer noch viel ambitionierteren spiralförmigen Gebäudekonstruktion wurden gekippt, doch das Thema ist mit der Treppe erhalten geblieben, deren Fertigstellung ein Jahr gebraucht hat“, erklärt Wallmüller. Auch an der Glasfassade ist das gekräuselte Muster wiederzufinden.

Beste Bedingungen: Das Mumuth, das neue Gebäude der Kunstuniversität Graz, soll Studenten hervorragende Probe- wie Vorführmöglichkeiten bieten.

Nicht weit entfernt vom Mumuth, im Innenhof des Literaturhauses in der Elisabethstraße, endet die Tour durch Graz. Hier lohnt es, eine Zeitlang im Orange Bar Café von den heimischen Architekten Riegler Riewe über dem Lesesaal zu verweilen (siehe „Kulinarisch“). „Auf dieser Terrasse wurde ein extrem attraktiver Platz geschaffen“, so Wallmüller. Mit dem Blick nach hinten in einen kleinen Park ist dies für ihn eine gelungene städtebauliche Idee. „Man mag das Café als Kistenbau sehen, aber ich empfinde darin ein harmonisches Ganzes. Es ist an der Grenze zwischen Architektur und Nutzung. Da stören auch die Streifen vom Regen nicht an dem Sichtbeton – damit sieht es eigentlich besser aus als zum Zeitpunkt der Fertigstellung.“


Kulinarisch

Überblick: Vom „Aiola upstairs“ lässt sich ganz Graz von oben betrachten und dabei vorzüglich speisen.

Aiola upstairs Oben auf dem Schlossberg mit traumhafter Sicht über die Stadt. Eine Tischreservierung ist sinnvoll.

Orange Café und Bar mit Veranstaltungsraum, östlich der Innenstadt.

Braun de Praun Zahlreiche steirische Gerichte in der innerstädtischen Morellenfeldgasse.


Kulturell

Kunsthaus Graz Nationale wie internationale Kunst von den 60er-Jahren bis heute in wechselnden Ausstellungen. Unter einem Dach mit der Camera Austria.

Volkskundemuseum Das 2003 neu gestaltete Haus von BEHF Architekten bietet auf 1000 Quadratmetern einen großen Einblick in die Kultur und Lebensweise der Region in der vorindustriellen Zeit.

Literaturhaus Wissenschaftliche Betätigung sowie lebendige Vermittlung des geschriebenen und gesprochenen Wortes über Veranstaltungen und Ausstellungen.


Entspannend

Augarten Art & Design Exklusive Adresse für
Individualisten. Designhotel, fünf Minuten vom Stadtkern entfernt.

Das Weitzer Größtes Hotel, mitten in der Altstadt gelegen. Ein Großteil der Zimmer ist frisch renoviert und im stilvollen Design eingerichtet.

Hotel Daniel Lifestyle- und Designhotel nahe dem Hauptbahnhof. Mit 24-Stunden-Espressobar und Vespavermietung.

Steirischer Herbst Internationales Festival für zeitgenössische Kunst mit hochklassigen Produktionen und Projekten aus allen Sparten. 2. bis 26. Oktober

Berg & Abenteuer Filmfestival Internationaler Film­wett­bewerb um den Grand Prix Graz, begleitet von Aus­stellungen und Vorträgen. 12. bis 15. November

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