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aac Hamburg

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Die hauseigene Akademie von Gerkan Marg und Partner führt den Nachwuchs an seine Grenzen. | Nils Hille

Die Bewertung, bitte: per Nummerntafeln bewerteten Meinhard von Gerkan und seine Dozentenkollegen die Entwürfe der aac- Studenten, nachdem sie darüber offen diskutiert hatten.

Von morgens bis abends an Projekten arbeiten, dazwischen noch Gastdozenten lauschen und am Abend die begleitenden Veranstaltungen besuchen – sieben Tage die Woche, fünf Wochen am Stück. Irgendwann blickte jeder Student aus müden Augen. Das erste Programm an der aac, der academy for architerctural culture von gmp in Hamburg, hatte ein „wahnsinniges Pensum“, wie selbst Akademieleiter Joachim Otte bestätigt. Die von Volkwin Marg und Meinhard von Gerkan gegründete Fortbildungseinrichtung in Stiftungsform, finanziell ausgestattet durch büroeigene Gewinne und die Vergleichszahlung der Deutschen Bahn im Streit über den Berliner Hauptbahnhof, sollte wohl gmp-typische große Dimensionen annehmen. „Wer grundsätzlich mit so einer Situation nicht klarkommt, der muss sich schon überlegen, in welchem Bereich er arbeiten will. In anspruchsvollen Büros gibt es solche Zeiten“, macht Otte deutlich.

Auch die beiden Stiftungsgründer selbst haben den hohen Anspruchsdruck forciert. Gleich drei Entwurfsaufgaben sollten die 32 Studenten in den Wochen im September und Oktober bearbeiten – zu den Schwerpunkten Nachhaltigkeit, Transformation der Tradition in die Moderne und Icon, Metapher, Identität unter dem Generalthema „Architektur als Kulturexport, Konzeptionen für die globalisierte Welt“. Und das in internationalen Teams, in denen sie sich meist nur auf Englisch verständigen konnten, da je zwei deutsche und zwei asiatische Studenten zusammenarbeiteten. „Wir konnten gut erkennen, wie Gruppendynamik funktioniert. Zuerst mussten sie sich zusammenraufen, aber dann sind gute Ideen aus ihrer Zusammenarbeit entstanden“, so Otte.

Das bestätigt auch Teilnehmer Tev Wilhelmsen aus Hannover: „Die Arbeit in internationalen Gruppen empfand ich auf der einen Seite als schwierig, da sich die Herangehensweise an einen Entwurf zwischen chinesischen und deutschen Studenten unterschied. Andererseits war gerade das interessant, da man zusammen zu einem guten Ergebnis kommen wollte und dieses nur durch eine Konzentration der verschiedenen Kräfte erzielen konnte.“ Gerhard Martin Burs, ebenfalls aus Hannover und aac-Student, ergänzt: „Die knappe Abgabefrist immer vor Augen, war man gezwungen, sich mit den Teammitgliedern direkt auseinanderzusetzen. Eine sehr interessante und lehrreiche Erfahrung.“ Wilhelmsen, Burs und ihre 30 Mitstreiter waren auf Empfehlungen von Hochschuldozenten ausgewählt worden, selbst bewerben konnte man sich nicht.

Wie beim Eiskunstlauf

Auch wenn bereits die Teilnahme an der aac eine „Auszeichnung“ ist, wie auf der Internetseite der Akademie zu lesen ist, und jeder ein Zertifikat bekommt, befanden sich die Studenten zu dem „im Wettbewerb um die Auszeichnung der drei besten Studenten des jeweiligen Jahres“, die zusätzlich eine Urkunde überreicht bekamen. Anhand eines Punkte­systems wurden die Besten ermittelt. Ein Ranking zeigte ihnen während der ganzen Zeit, an welcher Stelle sie stehen. Auch dies übte eine Menge Druck aus.

Vor aller Augen diskutierten die Klassenleiter Gerkan und Marg gemeinsam mit den anderen Tutoren und den „Visiting Professors“ die erstellten Entwürfe. Unter anderem waren Stefan Behling von Foster und Partners sowie die Graft Architekten dabei. Mit den von Sportwettbewerben bekannten Nummerntäfelchen bewerteten sie vor der gesamten Gruppe. „Dabei fällten die Jurymitglieder teilweise ganz unterschiedliche Urteile, was zu weiteren spannenden Diskussionen unter den Dozenten führte“, sagt Otte. Zum Austausch über Ideen und Fragen fanden die Studenten auch sonst immer ein offenes Ohr, so Burs: „Und gerade diese Diskussionen sind es, die in meiner Wahrnehmung das besondere Merkmal der aac ausmachen.“

Keine Kaderschmiede

Wofür all diese Anstrengung vonseiten gmp? Da liegt die Vermutung nahe, dass das Hamburger Büro den hoch qualifizierten und eigens geprobt belastbaren Nachwuchs finden will, was bei all den Investitionen noch nicht einmal verwerflich wäre. Doch Otte dementiert: „Eine Kaderschmiede sollte die aac nie werden. Es steht nicht im Vordergrund, die besten jungen Architekten zu finden. Wenn sich jemand hervortut, ist es natürlich möglich, dass wir ihr oder ihm auch eine Stelle anbieten. Doch das sind alles Menschen, die selbst denken und entscheiden. Sie könnten einfach ‚Nein danke!‘ sagen.“ Wichtig war Marg und von Gerkan eher ein „Lehrbetrieb mit direkter Büroanbindung“. Beide haben jahrzehntelange Erfahrung als Professoren an den Universitäten in Braunschweig und Aachen gesammelt. Sie sehen starken Reformbedarf in der Architektenausbildung, da ihnen die praxisorientierte Vorgehensweise und die Orientierung an internationalen Anforderungen fehlt. Zumindest Letzteres ist nicht verwunderlich, denn der Tätigkeitsschwerpunkt von gmp liegt mittlerweile im asiatischen Raum. „Wir wissen, dass man als Architekt im Ausland nicht einfach vom Himmel fällt und arbeitet. Die Menschen, Gegebenheiten und Traditionen müssen verstanden werden“, so Otte.

Auf englisch, bitte: die Studenten mussten ihre Aufgaben in internationalen Teams von je zwei Deutschen und zwei Asiaten lösen.

Diese Herausforderungen an Architekten bei interna­tionalen Aufträgen sind auch Anlass zur Planung eines neuen Aufbaustudiengangs von gmp gemeinsam mit der ­Hafen City Universität Hamburg. Der „Master of Advanced Studies in Architecture“ soll neben der Ausbildung „umfangreiche Fähigkeiten im Bereich des Managements sowie interkulturelle und sozialpolitische Kompetenzen“ vermitteln, „um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können“, erklärt Otte. Finanziert werden soll das Angebot über Studien­gebühren und die gmp-Stiftung. Der Starttermin ist noch unklar.

Die ersten Kursabsolventen haben beschlossen, ein Netzwerk zu gründen, das „zukünftigen Studenten und anderen die Möglichkeit gibt, sich über das Studium und nicht zuletzt über uns zu informieren“, wie Wilhelmsen berichtet. Und der Kurs wird wahrscheinlich nächstes Jahr für eine neue Nachwuchsrunde in die Wiederholung gehen, erklärt Otte: „Vielleicht würde ich dann eine Woche mehr machen, sodass auch mal die Möglichkeit für freie Tage besteht.“

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