Welche Folgen für die Urbanität hat das „Einhausen“ des Einzelhandels in großen, monolithischen Baukomplexen? Dies wurde an zehn Berliner Beispielen in unterschiedlichen Quartieren untersucht: in historisch geprägten Gebieten kleinstädtischen Charakters, innerstädtischen multifunktionalen Stadtquartieren des 19. Jahrhunderts, in peripheren Großsiedlungen der Nachkriegsjahrzehnte und Cityarealen. Das Ergebnis: Traditionelle und geschichtsträchtige Stadtstrukturen verändern sich. Die Kleinteiligkeit wird durch mächtige, kompakte Baukörper ersetzt, der kleine Einzelhandel wird verdrängt, die Multifunktionalität der alten Stadtstraßen geht verloren, die städtischen Mitten drohen in reine Geschäftsgebiete umzukippen. Umfassende Areale dieser Baukomplexe werden durch Parkebenen eingenommen, die mit den Zufahrten für die Anlieferung der Waren geschlossene und abweisende Fassaden bilden. Nur eine Seite öffnet sich mit auffallendem Eingangsdesign dem Stadtraum. In den monofunktionalen, peripheren Großsiedlungen, die in den 1960er- bis 1980er-Jahren entstanden, bilden die Einkaufszentren allerdings eine funktionale Bereicherung und fügen sich in die großen Wohnkomplexe maßstäblich ein. Ein baukünstlerischer Blickfang sind sie aber auch dort nicht. Doch die neuen Einrichtungen des Handels erfreuen sich hoher Beliebtheit bei Kunden und Kundinnen.
Die Architektur dieses Bautyps folgt in Berlin dem „Alcatraz-Prinzip“ – strenge, symmetrische, übersichtliche Aufreihung der Geschäfte an der mittleren Durchwegung – oder dem „Basarprinzip“, das durch Wegenetze mit Pavillons in den Knotenpunkten gekennzeichnet ist. Um die Lust am Konsumieren zu erhöhen, sind die Innenräume atmosphärisch aufgeladen. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt werden hineingelockt und zum Verweilen verführt. Dies bedroht die Urbanität im öffentlichen Raum, die ja mehr ist als Konsum und ein dichtes Gewimmel, sondern eine offene, wahlfreie, selbstbestimmte und vielfältige Stadtkultur.
Prof. Kerstin Dörhöfer lehrte Architektur/Urbanistik an der Universität der Künste, Berlin. Von Kerstin Dörhöfer ist zum Thema das Buch „Shopping Malls und neue Einkaufszentren. Urbaner Wandel in Berlin“ erschienen. 29,90 Euro, 200 Seiten, Reimer Verlag Berlin
Diese Meinung bezieht sich auf: Baukultur für den Konsum erschienen in: DAB 12/08


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