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Architekten im Fernsehen

Bau-TV

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Nur selten sind Architekten im Fern­sehen zu sehen. Doch wenn, dann können sie ihre Arbeit einer großen Öffentlichkeit erklären. | Nils Hille

Kitschig – so finden viele Architekten den Titel „Traumhäuser“. Das klinge nach der glatten, perfekten Einrichtungswelt in Hochglanzmagazinen, aber nicht nach einer TV-Dokumentationsreihe mit Anspruch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, musste sich Sabine Reeh schon mehrfach anhören. Doch die Leiterin der Redaktion Kulturpolitik des Bayerischen Fernsehens steht zu ihrer Entscheidung: „Der Titel lockt von der Programmzeitschrift an das TV-Gerät. Wir wollen möglichst viele Zuschauer erreichen, nicht nur ein Fachpublikum.“

Wer die Sendung dann sieht, kann sich entspannt zurücklehnen. Den inhaltlichen Anspruch erkennt der Zuschauer trotzdem schnell, auch wenn Reeh ihn mit einer persönlichen Note garniert hat: „Wir stehen zwischen Arte und RTL 2, denn wir bilden nicht analytisch jeden Teil eines Hauses ab, sondern stellen die Menschen in den Mittelpunkt.“ Von der ersten Planung bis zur Schlüsselübergabe begleiten ihre Kamerateams die Architekten und Bauherren. Der Entstehungsprozess wird vermittelt, inklusive Baustellendreck und Frust- wie Freudentränen.

Michael Gumpp aus Lutzingen mit Büro in München ist einer der Planer, die das Bayerische Fernsehen bei der Arbeit filmte. Ein Problem mit dem Titel hat er nicht, wie er sagt. Schon die erste Staffel der „Traumhäuser“ gefiel ihm. Als das Bayerische Fernsehen vor der zweiten zur Bewerbung aufrief, reichte er ein Projekt ein. „Das ist wohl die beste Öffentlichkeitsarbeit, die ich mir als Architekt vorstellen kann. Wer hat sonst schon dreißig Minuten im Fernsehen, um sich und seine Arbeit vorzustellen?“

Sechs Tage drehte der Bayerische Rundfunk mit Architekt Michael Gumpp (3.v.r.) und dem Bauherrn.

Seine Bauherren ließen sich von der Begeisterung anstecken. Dabei half ihm der intensive Kontakt zu seinen meist privaten Auftraggebern, den er ohnehin pflegt. Schließlich schrieben und gestalteten Architekt und Bauherrn sogar die Bewerbung gemeinsam, die dann bei Reeh gleich auf Interesse stieß. „Sie hatte so eine persönliche Note und war originell aufgemacht“, erinnert sich die TV-Journalistin. Auch das Projekt passte: Ein „Traumgrundstück“ in München brachte dem Architekten die Herausforderung und dem Fernsehen den Rahmen der Geschichte.
Energiearme Häuser oder Bauen im Bestand – alle aktuellen Themen sollten durch unterschiedlichste Projekte auch ihren Platz in der TV-Reihe finden. „Wir machen nicht nur das Satteldachhaus am Ortsrand, sondern auch die Nachverdichtung in der Innenstadt zum Thema“, sagt Reeh.

Beidseitiges Interesse

In einem Vorgespräch erklärte die Journalistin den Planern, welche zusätzlichen Belastungen durch die Dreharbeiten hinzukommt. Und dass es, wenn sich Architekt und Bauherr einmal dafür entscheiden, kein Zurück mehr gibt, egal was passiert. „Mir war schon etwas mulmig, weil immer etwas schiefgehen kann und das dann auch gefilmt wird“, sagt Gumpp und ergänzt schmunzelnd: „Das bringt einen enormen Erfolgsdruck, auch zugunsten der Bauherren.“

Reeh muss diese klare Vereinbarung treffen. Sie will authentische Dokumentationen zeigen. Und ab dem ersten Drehtag entstehen hohe Produktionskosten. „Die Architekten stehen in der Verantwortung, uns nicht hängen zu lassen, auch wenn sie kein Geld für den Mehraufwand bekommen.“ Nur sechs Drehtage sind pro Dokumentation vorgesehen. Um die wichtigsten Bauabschnitte filmen zu können, muss die Kommunikation zwischen Architekturbüro und Redaktion perfekt funktionieren. „Wir hatten einmal den Fall, dass ein Holzhaus aufgebaut werden sollte. Alles war abgesprochen, und wir sind um sechs Uhr morgens losgefahren. Als wir um acht auf die Baustelle kamen, stand das Haus schon. Die Handwerker hatten gehört, dass das Bayerische Fernsehen kam und extra früh angefangen, um ‚auch etwas zeigen zu können‘. Für uns war das Projekt damit gestorben, denn der Aufbau war nicht mehr zu filmen.“

Architekten wie Gumpp müssen also eine besonders genaue Absprache mit ihren Partnern auf der Baustelle leisten. „Für mich war die Arbeit mit dem Kamerateam schon viel zusätzliche Arbeit. Ab und zu mussten wir auch Szenen wiederholen. Die besten sind aber die, die sie einfach mitgedreht haben“, sagt der Planer, nachdem er den fertigen Film gesehen hat. Er lernte, wie die „Leute vom Fernsehen“ arbeiten, was ihnen wichtig ist, um genug Material für eine 30-minütige Dokumentation zu haben – und dass man so ehrlich sein sollte, auch Fehler offen zuzugeben. Da das TV-Team auch die Bauherren und Nachbarn einzeln interviewt, kommen die Pannen meist sowieso heraus. „Wir suchen nicht den Skandal, aber eine glatte Geschichte ist eine langweilige. Wir zeigen Momente, die sie persönlich machen“, sagt Reeh. Seien es der Handwerker und die Frau von gegenüber, die mit der Architektur nichts anfangen können. Oder die Katze, die mit hoch erhobenem Kopf voller Eleganz durch das Baustellenchaos streift. Gumpp kann das nachvollziehen. „Er hat das TV-Team arbeiten lassen und sich nicht wie andere als Perfektionist präsentiert, der vermeintlich alles unter Kontrolle hat und der die Gewerke immer zu den Drehterminen unter Druck setzt“, sagt die Redakteurin. Der Architekt ergänzt: „Ich habe mich trotz der Kamera auf meinen Job konzentriert, denn am Ende hafte ich für Baumängel und nicht der Bayerische Rundfunk.“

Vielfach verwertbar

Anfragen potenzieller Bauherren hat Gumpp seit der Ausstrahlung im Oktober noch nicht bekommen. Doch die Dokumentationsreihe verstaubt nicht im Archiv. Sie wird mehrfach auf anderen Sendern wiederholt und auch zu der neuen Staffel ist ein Begleitbuch erschienen (siehe Seite 62). Außerdem nutzen mehrere Architektenkammern die Filme für ihre Bauherrentage. „Selbst Architekturfakultäten von Hochschulen fragen uns immer häufiger an. Sie wollen die Filme als Lehrmaterial verwenden. Und die Münchner Volkshochschule veranstaltet im Frühjahr sogar einen eigenen Kurs zu den Traumhäusern unter der Rubrik ‚Architektur verstehen‘“, so Reeh.

Derzeit können sich bayerische Architekten für die dritte Staffel bewerben (siehe Seite 65). Zu ihr soll es wie zu den beiden ersten Reihen Filmpräsentationen mit anschließender Party in den Städten geben, in denen das Haus gebaut wurde. Auch hier kann der Architekt Kontakte knüpfen.

Kontrastprogramm

Danach sucht der Kasseler Architekt John Kosmalla nicht mehr. Er hat einen Dauerauftrag des Privatsenders RTL 2 und muss die meisten architektonischen Projektanfragen ablehnen. „Wenn ich mal Zeit finde, dann plane und baue ich für Menschen in der näheren Umgebung meines Wohnorts“, sagt er.Das kommt aber nicht sehr häufig vor. Kosmalla baut gemeinsam mit Eva Brenner,

Architekt John Kosmalla (r.) plant bei „Zuhause im Glück“ auf RTL 2 nicht nur mit Eva Brenner (oben, l.) neue Raumverteilungen. Er arbeitet auch auf der Baustelle mit (unten).

Absolventin der Innenarchitektur, fast das gesamte Jahr vor den Linsen der Kameras Häuser um. „Zuhause im Glück“ heißt das Erfolgsformat des Senders, das jeden Dienstag um 20.15 Uhr läuft. Hier „wird nicht der Architekt porträtiert, er ist nur ein Teil“, erklärt Kosmalla seine Rolle. Seine Arbeit wird nicht möglichst eins zu eins abgebildet, die planerische Umsetzung spielt eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt steht das Schicksal einer Familie, die zum Beispiel durch die schwere Krankheit eines Kindes betroffen ist.

Begriffe wie Aufriss oder Grundriss kommen dabei nicht mehr vor. Planungsaspekte, die in der ersten Staffel noch eine Rolle gespielt haben, sind im mittlerweile fünften Jahr kein Thema mehr. „Das versteht der Zuschauer erst einmal nicht“, so Kosmalla. Wenn es nach der Quote geht – und danach geht es ja meistens beim Fernsehen – scheint die Redaktion recht zu haben. Sie ist immer weiter gestiegen. Dass die Abbildung menschlicher Schicksale der eigentliche Aufhänger der Serie ist, stört Kosmalla dabei nicht. „Es ist zwar manchmal schwierig, mit den Emotionen umzugehen, aber wir bekommen so ein tolles Feedback von den Familien, die unsere Arbeit wertschätzen.“

Auf den Punkt

Acht Drehtage am Stück plus einen für die Vorbereitung sind hier eingeplant – für einen Film von 120 Minuten inklusive Werbung. Bevor die Handwerker, Kameraleute und eben Brenner und Kosmalla sich an den Umbau machen, ist die komplette Planung schon in den vier bis sechs Wochen davor gelaufen – ohne Kamera, aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass während des Drehs alle Materialien pünktlich geliefert werden. „Wir gehen auf die Baustelle und legen sofort los, immer mit einem gewissen Zeitdruck“, erklärt der TV-Architekt. Schließlich kommt die Familie nach einer Woche aus einem gesponserten Urlaub zurück und soll ihr umgebautes Heim innen kaum noch wiedererkennen können.

„Ideen zu präsentieren, fiel mir, wie den meisten Architekten, nicht schwer. Das kennen wir aus dem Studium. Aber zu einer anonymen Zuschauermenge durch die Kamera zu sprechen, war erst einmal ungewohnt“, sagt Kosmalla. Mittlerweile spürt er keine Nervosität mehr. Die Kameras, die den Bauprozess dokumentieren, nimmt der Architekt gar nicht mehr wahr. Sie gehören einfach dazu.

Bei „Zuhause im Glück“ trägt auch der Elektriker mal Schutt runter oder der Maurer baut die Küche mit auf. Wer Zeit hat, hilft. Doch der Stress, in kurzer Zeit ansehnliche Veränderungen erzielen zu müssen, lohnt sich: für die Familie, der ein neu gestaltetes und an den Krankheitsbedürfnissen orientiertes Heim geschenkt wird. Für die Handwerker, die durch den Erfolg der Serie feste Jahresverträge haben und somit nicht von der Auftragslage abhängig sind. Und für die beiden Hauptakteure Brenner und Kosmalla, die neben ihrer sicheren Auftragslage auch für die Kollegen werben können: „Wer umbauen muss oder möchte, der sollte auf jeden Fall einen Architekten zurate ziehen.“


TV-Tipp

Traumhäuser
Die Wiederholung der zweiten Staffel läuft auf 3Sat und ARD Digital.


Zuhause im Glück

Dienstags um 20:15 Uhr auf RTL 2.

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