Artikel drucken Artikel versenden

Cottbus

Weiter im Wandel

Diesen Artikel teilen:

Ein Pfad durch Cottbus mit vielen umgebauten Platten, einem neuen alten Marktplatz und einer Uni mit Außenwirkung. | Nils Hille

„Reallabor“ nennen die Architekturstudenten und -dozenten gerne ihre Stadt. Die Entwicklung von Cottbus bietet ihnen eine Menge Experimentalpotenzial. Das erzählt einer der Lehrenden, der Architekturpsychologe Riklef Rambow. Er führt durch die brandenburgische Stadt, in der er den Masterstudiengang Architekturvermittlung anbietet. „Rund 150 000 Einwohner haben hier zur Zeit der Wende gelebt. Seit Anfang des Jahres sind es knapp unter 100 000 Menschen, obwohl umliegende Ortschaften eingemeindet wurden“, schildert er die schwierige Situation, während er den langen Weg vom Bahnhofsgebäude zum Hinterausgang antritt.

Dass viele Häuser in Cottbus einfach nicht benötigt werden, hätte Rambow gar nicht erwähnen müssen. In vielen Straßen zwischen Bahnhof und Fußgängerzone stehen heruntergekommene unbewohnte Gebäude. Doch nach ein paar Metern gibt es auch den ersten architektonischen Lichtblick. Bei der Probebühne des Staatstheaters, eine von Zimmermann + Partner umgebaute Lagerhalle, bleibt Rambow stehen: „Das ist keine große Architektur, aber hier, mitten in der ‚Wüste‘, eine kleine Oase. Die Akzentuierung der Fenster ist gelungen, und auch der Nachbarbau ist belebt: In die frühere Kaserne ist die Verwaltung des Theaters eingezogen.“

Avantgarde von 1908: Das markante Staatstheater Cottbus von Bernhard Sehring ist einer der am besten erhaltenen Jugendstilbauten Deutschlands.

Rambow will nun die eigentliche Spielstätte zeigen. Ein paar Straßenecken weiter am Schillerplatz deutet er auf das Staatstheater von Bernhard Sehring aus dem Jahre 1908, außen wie innen Jugendstil in seiner Hochblüte. „Es ist wohl sein markantestes Gebäude, neben dem Berliner Theater des Westens.“ Und die Cottbuser mögen die Kulturstätte und ihr Programm. Sie gehen gerne hin, erzählt der Professor: „Das Theater ist ein Erfolg und wichtig für die Stadt.“Hinter dem Park des Theaters liegt die August-Bebel-Straße, in die Rambow nun führt. Einige Schritte dort entlang bringen ihn zur Bauhausschule – kein Bauhausableger, doch nach dessen Prinzipien 1930 vom damaligen Stadtbaurat Hellmuth Schröder errichtet. Ihre Qualität erregte Aufsehen weit über Cottbus hinaus.
Das Gebäude ist in Stahlbetonskelettbauweise errichtet und als Doppelschule mit zwei Turnhallen konzipiert. Es steht unter Denkmalschutz und wurde Mitte der 1990er-Jahre durch die Cottbuser Architekturbüros Richter Altmann Jyrch sowie wiederum Zimmermann + Partner renoviert. Heute beherbergt es eine Grund- und Sonderschule. „Kinder mit und ohne körperliche Behinderung gehen gemeinsam zur Schule. Hier passen Architektur und Nutzung nun gut zusammen“, lobt Rambow.

Kontrastprogramm: die Glasanbauten der Architekturwerkstatt auf dem Campus der Universität Cottbus (oben) und der Altmarkt (unten)


Platten im Wandel

Die bedeutendste Bildungsstätte der Stadt ist die Brandenburgische Technische Universität. Rambow wählt den Weg  durch die Lessingstraße, die auf einer Seite von einem überdimensionalen, sehr langen Plattenbau begleitet wird. Vor die Balkone wurde eine zusätzliche Glasfassade mit transparenten und grünen Elementen gesetzt. Von den Bauherren war eine klare Linie gewollt, doch die Bewohner hatten andere Vorstellungen. „Wenn Sie mal die gesamte Bandbreite von verfügbaren Rollos und Gardinen erleben wollen, dann sollten sie hier entlanggehen“, sagt Rambow schmunzelnd.
An der Universität zeigt er, was aus den typischen DDR-Gebäuden auch entstehen kann. Auf dem Campus setzte die Architekturwerkstatt Cottbus an zwei H-förmige Gebäude Anbauten aus Glas. Hinter den Scheiben können die Studenten in Ateliers mit guten Lichtverhältnissen arbeiten. „Alle finden dort ihren Platz. Das ist ein großer Standortvorteil“, erklärt er. Die Schwimmhalle direkt daneben, die die Studenten zahlreich nutzten, ist dagegen leider geschlossen.

Ansonsten sind die Lernenden um ihren Campus zu beneiden. Eine gestaltete Achse entstand. Die kleineren Plattenbauten und nun auch das große Hauptgebäude wurden umgebaut. Das junge Berliner Büro Kleyer Koblitz setzte ein Forschungszentrum für Leichtbauwerkstoffe dazu. „Und das Audimax von KSP ist räumlich ganz passend, hätte aber von der Außendarstellung schöner sein können“, meint Rambow. Er führt einmal quer durch das gegenüberliegende Hauptgebäude, das auch von der Architekturwerkstatt erneuert wurde.

Avantgarde von 2004: Das Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum von Herzog und de Meuron steht als Blickfang gegenüber dem Hauptgebäude der Universität.

Als er aus dem Ausgang tritt, bräuchte er gar nicht aufzuzeigen. Der Blick wandert automatisch zu einem grünen Hügel, auf dem der architektonisch wohl die meiste Aufmerksamkeit erregende Bau von Cottbus steht: Das Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum, kurz IKMZ, von Herzog und de Meuron gehört seit vier Jahren durch seine besondere Form und Gestaltung mit zu den Touristenzielen der Stadt. Zahlreiche Preise haben die Baseler für das gewellte Gebäude mit der weiß bemusterten Glasfront bekommen. Während außen die hellen Farbtöne dominieren, erwartet den Besucher innen poppige Neongestaltung mit gelb-grünen Tischen und Stühlen. Eine pinkfarbene Wendeltreppe bohrt sich wie eine überdimensionale Schraube durch das Gebäude.

Rambow erläutert die Bedeutung: „Das IKMZ funktioniert als Symbol der Universität hin zur Stadt. Es verändert sein Erscheinungsbild je nach der Tageszeit. Funktional bin ich mir dagegen nicht so sicher. Für den klassischen Bibliotheksnutzer, der in Ruhe lesen will, ist es im Inneren allzu offen. Das gibt auch akustische Probleme.“


Wirtschaftsmotor Hochschule

Beim Gang zur nächsten Station erzählt er von der Bedeutung der Uni für die Stadt: „Sie strahlt aus – nicht nur indem sie Arbeitsplätze schafft, sondern auch indem die Studenten und Dozenten immer wieder etwas für die Stadt ‚produzieren‘, wie zum Beispiel kleine Gärten.“ Auch ein kleines Studentenviertel mit Bars, Kneipen und Cafés kann dadurch bestehen. Während er durch die Friedrich-Ebert-Straße geht, empfiehlt er zwei Möglichkeiten, die sich dort bieten (siehe „Kulinarisch“): „das ‚Zelig‘, das erst im Inneren mit einem wunderbaren Hof seinen Charme zeigt. Und direkt gegenüber das ‚Edelweiß‘ – einfach eine gute Bar.“

Das Ende der Straße führt zur Stadthalle Cottbus, dem größten überdachten Veranstaltungsort Brandenburgs. Das einheimische Büro Richter Altmann Jyrch hat das Gebäude bis 2001 komplett saniert und modernisiert. „Einmal im Jahr sorgt darin das FilmFestival Cottbus für viel Leben in der Stadt“, erzählt  Rambow (siehe „Erlebenswert“). Zu dem Einkaufszentrum daneben fehlen ihm lobende Worte: „Hier vermisse ich den Charme. Die Fassade sah schon am ersten Tag dreckig aus.“ Hinter einem kleinen Grünbereich deutet Rambow auf ein weiteres Einkaufscenter, das Carl-Blechern-Carré von ECE: „Egal, von wo Sie daraufgucken, es sieht immer wie die Rückseite aus. Da wäre mehr möglich gewesen.“

Nach seiner Kritik findet der Architekturpsychologe aber schnell wieder positive Worte. Er führt in den Kern der Altstadt. Linker Hand liegt das Wendische Viertel. Auf historischem Stadtgrund wurden hier in den 80er-Jahren zwar in Plattenbauweise Gebäude errichtet, diese aber mit altstadttypischen Fassadenstrukturen versehen. „Das ist eine eigene Haltung, die man auch ‚Kleine Cottbuser Schule‘ nennen kann“, kommentiert Rambow und geht wenige Schritte weiter bis zum Altmarkt, wo man scheinbar eine andere Welt betritt. Um den einst wichtigsten ­Handelsplatz der Stadt stehen Bürgerhäuser im sächsischen Barock und klassizistische Traufenhäuser. Die Platzgestaltung verantwortete das Cottbuser Büro Nagler & Partner. Ein gepflastertes Kreuz auf dem Boden symbolisiert seitdem den Standort des alten Rathauses. Und der historisierende achteckige Marktbrunnen mit Mittelsäule von 1991 sprudelt an zentraler Stelle. „Das ganze Ensemble spricht die Menschen an und ­funktioniert erneut als Marktplatz“, sagt Rambow, während er das ­„Coffeelatte“ betritt. Die Architekturabsolventin Doreen Zeumke hat das Konzept dafür entwickelt und es im modernen Kaffeehausstil eingerichtet. „Bis ins Detail ist ein stimmiges Angebot entstanden“, schwärmt der Stadtführer, während er seine Hände am Kaffeebecher wärmt (siehe „Kulinarisch“).


Insel der Gelungenen

Beste Lage: eines der sanierten Gebäude am Goethepark direkt neben der Brücke, die über den Spreearm führt.

Gut gestärkt führt Rambow an der Oberkirche St. Nikolai vorbei, einem spätgotischen dreischiffigen Backsteinbau des 14. Jahrhunderts, dessen Kirchturm einen guten Ausblick über Cottbus bietet. Auch den künstlich aufgeschütteten Schlossberg mit der größten slawischen Burg der Niederlausitz streift er nur kurz. Sein Ziel liegt hinter der kleinen Brücke, die über einen Spreearm führt. Hier auf der Insel am Goethepark mit dem Amtsteich liegen drei sehenswerte Stationen dicht beieinander. Zum einen das noch heute laufende Elektrizitätswerk, das bis 1903 in neugotischer Industriearchitektur errichtet wurde. Gegenüber stehen die Loh- und Weißgerberhäuser, Cottbus’ älteste Bauten. Sie zeigen die drei Entwicklungsphasen des Gerberhandwerks durch je ein Gebäude auf. An ihnen vorbei führt der Weg direkt zur dritten Sehenswürdigkeit, dem Kunstmuseum Dieselkraftwerk (siehe „Kulturell“). Anderhalten Architekten aus Berlin sorgten mit dem Umbau des ehemaligen Kraftwerks für den, so Rambow, „neuen Höhepunkt und gelungenen Abschluss am Amtsteich“ – und für den letzten Höhepunkt der Tour durch das „Reallabor“ Cottbus.


Kulinarisch

Café Zelig Treffpunkt der Studenten in der Friedrich-Ebert-Straße. Restaurant mit gemütlichem Innenhof.

Edelweiß-Bar gegenüber dem Café Zelig in der Passage. Edel eingerichtet und hauptsächlich Cocktails im Angebot.

Coffeelatte Gemütliches Café für alle Altersgruppen am Altmarkt mit leckeren Kaffeespezialitäten und süßen wie herzhaften Snacks.


Kulturell

Staatstheater Cottbus Das Jugendstiltheater am Schillerplatz feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag. Schauspiel, Oper und Ballett bieten an mehreren Spielstätten ein abwechslungsreiches Programm.

Kunstmuseum Dieselkraftwerk Zeitgenössische Kunst vom Dresdener Expressionismus bis zur jüngsten Vergangenheit. Im umgebauten Dieselkraftwerk auf der grünen Mühlen­insel der Spree.

Brandenburgisches Apothekenmuseum Pharmaziehistorische Sammlung und Apothekeneinrichtungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Besichtigung nur mit Führung.


Entspannend

Sorat Hotel Im restaurierten und erweiterten Gründerzeitgebäude am Schlosskirchplatz direkt in der Altstadt. Mit historischem Gewölbekeller und Sommerterrasse mit Boulevardblick.

Hotel am Theater Individuell gestaltete Zimmer im Dreisternehaus direkt am Theater. Mit Konferenzräumen und italienischem Weingarten.

Hotel zur Bleiche Familiengeführtes Hotel mitten im Spreewald, 18 Kilometer von Cottbus entfernt. Nach dem Relax Guide „Deutschlands bestes Wellnesshotel“.


Erlebenswert

Fürst-Pückler-Park Branitz Mehr als 600 Hektar Gartenkunst mit der legendären Grabpyramide. Im spätbarocken Schlossbau wird das aufregende Leben des Fürsten Pückler gezeigt.

Spreeauenpark Seit der Bundesgartenschau 1995 mit Apotheker-, Bauern- und Rosengarten. In Europa einmaliger Tertiärwald, eine lebendige Nachbildung eines Urwalds der Braunkohlezeit.

Festival des osteuropäischen Films Jährlicher repräsentativer Überblick über die aktuelle Spielfilmproduktion des gesamten osteuropäischen Raumes. Eine Woche lang im November.

Passend zum Thema

Kommentare

Wir freuen uns über Ihre Beiträge und bitten Sie, die Regeln dieses Forums einzuhalten:

  • Bitte nennen Sie uns Ihren Namen und Ihre e-Mail-Adresse. Anonyme Statements werden nicht veröffentlicht. Ihre e-Mail-Adresse wird selbstverständlich nicht mit veröffentlicht und nur im Falle von Rückfragen durch die Redaktion genutzt.
  • Schreiben Sie zur Sache.
  • Teilen Sie etwas Neues mit.
  • Nennen Sie Argumente.
  • Bitte keine Beleidigungen.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zurückzuweisen.
Texte können erst nach Freischaltung durch die Redaktion erscheinen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.