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Bremerhaven

Flussaufwärts

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Eine Runde durch Bremerhaven mit zeitgemäßen Museen, energiesparender Bautechnik und Hoffnung trotz rauem Klima | Nils Hille

Zeichen der Hoffnung: Das Hotel Atlantic Sail City steht ungeachtet seiner umstrittenen Form für die positive Entwicklung der Stadt zu der Weser hin.

„Schön, wieder in heimischen Gewässern zu sein“, liest Silke Grube vor. Der Spruch steht innen an einer Wand des Atlantic Sail City Hotels in Bremerhaven, in dem die Architektin den Gang durch ihre Stadt beginnt. Und er steht stark im Kontrast zum Gebäude, das sich nicht an heimischen Bautypen orientiert, sondern wie ein „kleiner Bruder“ des Luxushotels Burj Al Arab in Dubai dasteht. Die Bremerhavener Variante, die sich mit vier Sternen statt mit sieben zufrieden gibt, steht auch direkt am Wasser – an der Weser. Nur zur Hälfte wird das Gebäude, das Klumpp Architekten aus Bremen planten, allerdings als Hotel genutzt. Ab der siebten Etage bieten Firmen ihren Mitarbeitern Büros mit Weserblick. So gibt es nur 120 hochwertige, schlicht in kalten Farbtönen gestaltete Zimmer in der Herberge. „Es hätte ruhig die ein oder andere Etage für uns mehr sein können“, kommentiert Hotelmitarbeiter Chris­tian Krug, der durch die Räume führt. Ein modernes Kongresszentrum ist für das Hotel die wichtigste Quelle für die nach eigenen Angaben hohe Auslastung. Auch Touristen entdecken das Haus für sich (siehe „Entspannend“). Es dient als Ausgangspunkt für die neuen „Havenwelten“ – das Areal, das in den letzten Jahren rund um das Hotel an der Weser neu gestaltet wurde.

Viel passiert: Durch neue Außenanlagen und den umgebauten „Zoo am Meer“ ist das Hafenareals nun ein sehr attraktives Ziel.

Und auch wer lieber woanders günstiger übernachten möchte, sollte zumindest die öffentliche Dachterrasse in rund 80 Metern Höhe besuchen, zu der Krug nun führt. „Von hier aus hat man einen ganz tollen Blick über die Stadt und die Wesermündung. Das bewegte Bild der Schiffe auf dem Wasser ist immer wieder faszinierend. Das ist das, womit Bremerhaven punkten kann“, ruft Silke Grube begeistert, während sie sich umblickt.

Unten, vor dem Hotel, folgt ihre gemischte Bilanz: „Die Form und Ausarbeitung des Gebäudes sehe ich kritisch. Hier hätte ich mir durchaus mehr Sorgfalt gewünscht. Doch das Hotel bringt viele Leute und somit eine gute Stimmung in unsere Stadt.“ Wer die Situation kennt, kann diese Einstellung nachvollziehen:

Bremerhaven gehört zu Deutschlands Großstädten mit der höchsten Arbeitslosigkeit und ist stark verschuldet. Seit Langem wollten wechselnde Investoren die Brachen an der Weser auf Höhe des Stadtzentrums entwickeln. Immer wieder wurden Pläne geschmiedet und Wettbewerbe durchgeführt, aber die Ergebnisse nie realisiert. Jetzt endlich öffnet sich die Stadt konsequent und voller Hoffnung hin zum Wasser, um auch den Tourismus auszubauen.


Wetterumschwung

Allein 600 000 Besucher pro Jahr sollen den Eingang des neuen „Klimahauses 8 Grad Ost“ nehmen. Das Ende Juni eröffnete, riesige interaktive Museum in Wolkenform haben die Bremer Klumpp Architekten (Entwurf) und agn Niederberghaus und Partner (Ausführung) aus Ibbenbüren gebaut. Für die Hülle wurden 4 700 Glasscheiben individuell angefertigt. Unter ihnen finden 143 Ausstellungsräume auf 115 000 Quadratmetern Platz.

Und nicht nur weil das Gebäude den Namen „Klimahaus“ bekam, sollte eine ganzheitliche Planung greifen. Nach Angaben der Betreiber hat dies funktioniert: „Die Energieversorgung verursacht nahezu keine CO2-Emissionen“, versprechen sie.

Nachgezählt: 4 700 individuelle Glasscheiben formen die Hülle des Klimahauses. Das Innenleben des Museums erlebten allein im ersten Monat 100 000 Besucher.

Grube verschafft sich im Schnelldurchlauf einen ersten Eindruck. Normalerweise sollten Besucher allein für den Weg durch die aufwendige Ausstellungsarchitektur des Hauptbereichs, in dem die Reise auf dem achten Längengrad einmal um die Weltkugel erzählt wird, drei Stunden Zeit einplanen. Alle Räume sind den Stationen der Reise möglichst detailgetreu nachempfunden. Ob Wüste oder Antarktis – es herrscht jeweils das Klima, das der Reisende auch vor Ort erleben würde. Sebastian Lamotte vom Klimahaus erklärt: „Wir wollen dabei nicht mit dem Zeigefinger, sondern durch eine emotionale, informative Tour erklären, dass jeder Mensch Einfluss auf die Entwicklung des Klimas hat.“ Die zusätzliche Perspektiven-Halle, die sich ebenfalls über mehrere Etagen erstreckt, zeigt die Chancen auf, wie der Besucher seine CO2-Bilanz senken kann. Architektin Grube nickt anerkennend: „Ich bin sehr beeindruckt von den unzähligen Exponaten und Möglichkeiten. Auch der Elemente-Bereich, der sich mit Feuer, Erde, Wasser und Luft beschäftigt, ist gelungen aufgearbeitet. Ich komme auf jeden Fall mit meiner Familie wieder.“

Der Ausgang des neuen Museums ist gleichzeitig der Eingang des ebenfalls neuen Einkaufszentrums „Mediterraneo“ von der WGK Planungsgesellschaft aus Hamburg. In Gestalt eines italienischen Dorfs soll die Innenarchitektur daherkommen, doch an vielen Stellen erinnert sie eher an einfache Freizeitparkkulissen. „Warum hier eine mediterrane Kulisse geschaffen werde musste, obwohl wir doch direkt vor der Nase sehr authentisch die Nordsee haben, ist und bleibt mir ein Rätsel“, sagt Grube.

Wieder draußen, zeigt sie stadteinwärts auf das schon in die Jahre gekommene Pendant „Columbus Center“, das Fußgängerzone und Hafen voneinander abgrenzt. Der Komplex mit großer Garage, zahlreichen Läden und Hochhäusern ist in den 1970er-Jahren entstanden. „Bis heute ist der Bau sehr umstritten. Ich denke, die drei Wohntürme sind gut gestaltet, jedoch schottet die innen liegende Einkaufsmall die Innenstadt zu sehr von der Weser ab. Und die breiten Hochhäuser werfen riesige Schatten über die Fußgängerzone.“


Weiter am Wasser

Uneingeschränkt empfiehlt Grube dagegen die Außenanlagen von Latz und Partner (Planung) aus Kranzberg sowie Latz Riehl Partner (Ausschreibung und Bauleitung) aus Kassel, die die neuen touristischen Anziehungspunkte an der Weser gestalterisch verbinden. „Sie sind richtig gut gelungen, passen hier wunderbar hin. Damit ist der Hafen wieder erlebbar und das gibt auch den Bremerhavenern eine neue Stadtqualität“, sagt Grube, die nun auch ein Stück am Fluss entlanggeht. Ihr Ziel ist der kleine Stadtstrand, an dem wegen der starken Strömung der Weser das Baden verboten ist. „Das ist schade! Wir haben schon einmal eine bauliche Lösung vorgeschlagen, die das Schwimmen möglich macht, ohne durch die Strömung abgetrieben zu werden. Vielleicht wird es doch noch eines Tages realisiert. Aber der Besuch dieses Ortes bei Sonnenuntergang lohnt allemal“, sagt Grube.

Schräg gegenüber liegt das Deutsche Schifffahrtsmuseum, das die Architektin ebenfalls empfiehlt: „Der Bau von Hans Scharoun, der an vielen Stellen auf wunderbar subtile Art an Schiffe erinnert, hat eine ganz besondere Qualität. Die Ergänzung von Dietrich Bangert wird kritisch gesehen, aber ich halte sie für durchaus stimmig.“ Nur die ebenfalls von Bangert geplante nochmalige Erweiterung nach Süden sieht sie skeptisch. „Jetzt wird das Museum zu lang und dominiert den Scharoun-Bau“, so Grube.

Stationen der Tour: das Columbus Center, das Deutsche Schifffahrtsmuseum und das Alfred-Wegener-Institut (von links nach rechts

Auf dem Weg zur letzten Station direkt an der Weser spricht sie von dem rauen, starken Wind – und meint nicht nur das physische Klima. Auch bei der Arbeit bekommen ihn die Architekten hier im Norden zu spüren. „Offene Wettbewerbe gibt es in Bremerhaven gar nicht. Für die großen Bauten werden Koryphäen geholt, die auch durchaus gute Marken setzen. Wir hiesigen Architekten kommen bei diesen Verfahren nicht zum Zuge und müssen uns mit Kleinprojekten durchschlagen“, erzählt die Architektin, die der Stadt dennoch seit 20 Jahren die Treue hält.

Und trotz allem lässt sie das Auswandererhaus – ein weiteres interaktives Museum – vom Hamburger Studio Andreas Heller nicht links liegen. Der Besucher bekommt die Rolle eines bestimmten Auswanderers zugeteilt und erlebt dessen Geschichte. Ein kleines Schauspiel, zu dem auch das Gebäude passt. „Das ist eine einprägsame Ausstellung mit einem engagierten Beiprogramm, das stark zum Kulturleben der Stadt beiträgt. Das Gebäude jedoch ist mehr Kulissenbau als Architektur“, kommentiert Grube.


Noch ein Klimahaus

Ein Gebäude abseits der Havenwelten möchte sie gerne noch zeigen, denn auch dies steht für den Fortschritt der Stadt: das Alfred-Wegener-Institut von Steidle und Partner, dessen Bautechnik sehenswert ist. Helmut Schmidt hatte sich persönlich dafür eingesetzt, dass es in Bremerhaven gebaut wird. Die Struktur des Gebäudes ist stark aus seinen Funktionen entstanden und spiegelt das Baufeld deutlich wider. Ein in sich geschlossener Körper wird durch versetzte quadratische Innenhöfe aufgelockert, die aber nur selten genutzt werden. Auf der Dachterrasse der Kantine, die auch zur Kommunikation unter Kollegen dienen soll, klappt das dagegen gut.

Grube interessiert sich vor allem für das Energiekonzept des Instituts. „Erdgas dient als Hauptenergieträger und als Antriebsmittel für das hauseigene Blockheizkraftwerk“, erfährt sie von Architekt und Projektleiter Marcus Janson. Und dass aus der Sonnenenergie mittels Absorptionsanlage auch Kälte erzeugt wird. Die zweischaligen Kastenfenster leisten ebenfalls ihren Beitrag. Je nach Lamellenstellung leiten sie frische Luft ins Gebäude, ohne dass die böigen Winde die Unterlagen vom Schreibtisch wehen können. Nachts kann das Gebäude über Lüftungsschlitze an den Fenstern auskühlen, die selbst einbruch- und regensicher verschlossen sind. Eine zunächst teure, aber langfristig günstige Geschichte, was man hoffentlich bald auch über die ganze neue „Bremerhaven-Welt“ sagen kann.


Kulinarisch

Letzte Kneipe vor New York Originelles Restaurant mitten im Hafen mit viel Hafenkneipenflair und guter (Fisch-)Küche

Geschmackslabor Experimentelle Küche mit ungewöhnlichen Geschmackskomponenten auf der Basis von Gerichten aus aller Welt

Schaufenster Fischereihafen Verschiedene Restaurants und Fischgeschäfte, wie zum Beispiel Fiedler, Kap Hoorn, Hennersdorf im Ratskeller und Krohns Eck


Kulturell

Tif Kleinkunsttheater am Schaufenster Fischereihafen mit fast täglich wechselndem Programm

Stadttheater Dreispartenstätte, von Oskar Kaufmann 1911 gebaut, die im Großen und Kleinen Haus vielfältige Aufführungen bietet

Morgensternmuseum Museum mit einer Ausstellungsarchitektur, die die Stadtgeschichte lebendig und eindrucksvoll vermittelt


Entspannend

Atlantic Sail City Das neue 4-Sterne-Hotel direkt an der Weser im Alten Hafen mit reich­haltigem Frühstücksbuffet

Comfort-Hotel Modernes Haus im Fischerei­hafen. Die Zimmer nach Süden liegen direkt zum touristisch genutzten Hafenbecken.

Atlantic Hotel am Flötenkiel Preisgünstige Herberge etwas abseits des Stadtzentrums und der touristischen Bereiche


Erlebenswert

Phänomenta Interaktive Erlebnisausstellung zu Phänomenen aus Natur und Technik in einer ehemaligen Gewürzhalle am Fischereihafen

Zoo am Meer Direkt an der Weser leben die Wassertiere und einige andere Arten in naturnahen Anlagen.

Thieles Garten Parkanlage auf 20 000 Quadratmetern mit Teichen, exotischen wie heimischen Pflanzen und zahlreichen Skulpturen

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