„Bester, du bist Athener [...] und du schämst dich nicht, dich darum zu kümmern, wie du zu Ehre und Ansehen kommst, doch um die Vernunft und die Wahrheit und darum, dass du eine möglichst gute Seele hast, kümmerst und sorgst du dich nicht?“ Sokrates’ Zitat sagt alles aus, was es zu Gunnar Gomberts Thesen anzumerken gibt: Es gibt die Menschen, die unter dem Diktat der Ökonomie die Welt kaputtfinanzoptimieren. Wer das nach der aktuellen Finanzkrise wirklich noch nicht versteht, dem möge der Klimawandel den unreflektierten Standpunkt unter den Füßen wegschwemmen.
Es gibt auf der anderen Seite jene Menschen, die das moderne Projekt der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit noch kennen und deren Sorge um dasselbe sie antreibt, sich um keinen Preis in das im Artikel abgebildete – die Kollegen mögen verzeihen – Horrorkabinett ökonomisch deformierter Architekturbüros einzureihen. Der Widerstreit zwischen diesen Haltungen ist so alt wie die Menschen selbst. Und seit es die Künste und mit ihnen die Architektur gibt, ist klar, welcher Seite diese zuzuordnen sind: Der Seite eben der Vernunft, der Suche nach Wahrheit und des Seelenheils.
Seelenheil? Hört man da nicht schon das Lachen der gewinnbesorgten Kollegen? Einmal wünschte ich diesen Kollegen den Mut, sich über die wirklich lachhaften Dinge unserer Zeit zu amüsieren: deren Selbstverzwergung und Dogma, ein erfülltes Leben mit gut gebräunter Haut, einem satten Bauch und dem endlichen Kauf eines SUVs gleichzusetzen. Solcher Mut aber wäre ganz unkonform, denn wer schwimmt schon gerne gegen den geldführenden Strom der Zeit? Sokrates übrigens tat das ja, sich gegen seine ebenso geistesfeindliche Zeit zu stellen – mit dem bekannten Ausgang. Deshalb ist Sokrates zu bewundern. Positionen aber, die nur schlecht konformistisch das kritische Denken aufgeben, nicht.
PS: Jungen Büros mit „weniger als 100 000 Euro Umsatz im Jahr“ im Übrigen zu unterstellen, sie „agieren häufig als Idealisten mit unklarer Strategie, was auf Kosten von Umsatz und Gewinn geht“, ist wohl auch nur als zynische Sottise zu verstehen in einem von der gesetzten Generation beherrschten Wettbewerbsmarkt, in dem man, um einen Wettbewerbsbeitrag für eine Schule zu leisten, in aller Regel nachzuweisen hat, dass man bereits eine bis drei davon gebaut hat, man also als junges Büro jungfräulich schwanger werden soll – wie amüsant.
Jörn Köppler, Architekt
Diese Meinung bezieht sich auf: Ziellos erschienen in: DAB 08/ 09, Seite 36



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