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Leserbrief

Weiterdenken!

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Berlin ist eine polyzentrale Stadt. Signifikant dafür ist, dass klassische Zentrumsfunktionen hier eben nicht in der Mitte, sondern in vielen Nebenzentren stattfinden. Der Berliner lebt in seinem Kiez. Dafür ist aber der Begriff „Vorstadt“ wenig angebracht. Wer will ernsthaft die Schlagadern von Steglitz oder Wedding, des Prenzelbergs oder Charlottenburgs mit suburbanen Phänomenen vergleichen? Die Berliner Mitte braucht (und hat) Räume und Strukturen, die darüber hinausgehen müssen, die so anderswo gar nicht möglich wären. Sie sollen durchaus Großartigkeit ausstrahlen und Einzigartigkeit bieten, die einer bedeutenden europäischen Hauptstadt würdig sind. Wen in diesen Tagen der Weg über den freigeräumten Schlossplatz führt, der hat einen Panoramablick auf Rotes Rathaus, Fernsehturm, Marienkirche, Dom und vieles mehr. Atemberaubend schön! Großartig! Einmalig! Das ist avantgardistisch! Das ist die „lokale Identifikation“ für Berlin als Ganzes und als Kapitale. Keine noch so ambitionierte Altstadtrekonstruktion egal welcher Couleur könnte das erreichen. Und Ambitionen gibt es viele, doch die „Testentwürfe“ lassen ahnen, dass letztlich bestenfalls wieder nur der mediokre Schnitt erreicht würde, wie man ihn von den jüngeren Beispielen kennt. Eine Imagination der Berliner Bürgerstadt Lessings und Mendelssohns (deren Häuser in der Regel nur drei bis vier Geschosse hatten) bleibt schöne Illusion. Wahrlich, viele würden an dieser Stelle gerne wohnen, arbeiten, etwas unternehmen. Aber tatsächlich umsetzen werden es nur wenige können – aus Platz- wie aus Finanzierungsgründen. Die metropolitane Weite gibt es dagegen gratis und egalitär für alle.

Aber vielleicht ist ja gerade das nicht gewollt? Einige räumlich-gestalterische Mängel werden wohl zu Recht kritisiert. Bei dieser starken Substanz muss der Leitsatz doch aber „Weiterdenken!“ lauten und nicht „Umdenken!“, „Nachsteuern!“ und nicht „Ruder herumreißen!“. Fast könnte man meinen, der Abriss des Palastes hätte ironischerweise einen weiteren Grund sichtbar werden lassen, warum hier kein Schlossblock gebaut werden dürfe, geschweige denn verwinkelte Gassen.

Carsten Thiemann, Architekt


Diese Meinung bezieht sich auf: Zukunft und Mittelalter erschienen in: DAB 08/09, Seite 24

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