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Architekturskizzen

Mit dem Bleistift überzeugen

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Die Handzeichnung hat auch im CAD-Zeitalter nicht ausgedient. Wer seine Ideen und Vorstellungen schnell mit dem Stift skizzieren kann, spart viel Zeit und wird Bauherren leichter überzeugen. | Fred Wagner

Optisches Gedächtnis: Das Skizzen- buch ist ein ständiger ­Be­gleiter für das ­Ent­werfen und Festhalten ­unterwegs.

„Die erste Idee kommt immer noch von der Hand, egal wie viele Computer auf dem Tisch stehen“, sagt der Berliner Architekt Dirk Bertuleit. Handskizzen, die im Beisein eines potenziellen Bauherrn entstehen, seien viel individueller und einzigartig im Vergleich zu einer Computerzeichnung.

Dieser Meinung ist auch Daniela Kouefo, Architektin und freie Zeichenlehrerin. „Wer seine Gedanken und Entwürfe skizzieren kann, ist erfolgreicher, innerlich sicherer und hat eine ganz andere Ausstrahlung gegenüber dem Kunden“, erklärt die 45-jährige Berlinerin.

Auch den aktuellen Trend zur 3-D-Visualisierung kann die Handskizze unterstützen. Für jemanden, der gut mit einem 3-D-Programm wie AutoCad, ArchiCad oder 3D Studio MAX am Computer umgehen möchte, ist das Zeichnen eine wichtige Grundlage. „Nur wer gut zeichnen kann, ist auch am Computer gut“, sagt Kouefo.


Schnelle Skizzen ersparen Zeit und Fehler

Unterwegs: Anregungen zum Zeichnen ­findet man überall. Flüchtig festgehaltene Eindrücke werden zu ästhetischen und strukturellen Informa­tionen.

Wer professionell und schnell skizziert, überzeugt Bau­herren leichter. Als Laie kann sich ein Bauherr anhand abstrakter Grundrisse nicht sehr viel vorstellen. Kouefo: „Viel plastischer wird eine Raumsituation, wenn sie als dreidimensionaler Ausschnitt ausskizziert wird.“ Selbst für die Bauausführenden werden viele Dinge besser verständlich, wenn sie neben den technischen Zeichnungen auch noch eine dreidimensionale Skizze sehen. Das erleichtert die Ausführung; Fehlern und Missverständnissen kann vorgebeugt werden.

Auch für Wolfram Richter gehört die Freihandskizze zu einem mächtigen Werkzeug des Architekten. „Der Planer spricht mit einer Skizze“, sagt der Dresdner Architekt. „Er ist auch ein Verkäufer, der im Konstruktions- und Verkaufsgespräch unterwegs ist. Wer da beim Sprechen seine Gedanken skizzieren kann, hat eine unwahrscheinlich hohe Zeitersparnis.“ Das komme beim Kunden natürlich gut an, wenn jemand in kürzester Zeit Dinge klarmachen kann. „Wenn der Kunde dann noch selbst zum Stift greift und etwas hineinskizziert, dann hat man ihn gewonnen“, sagt der 55-Jährige.

Skizzen sind auch ein hervorragendes Protokollmittel, wenn man zum Beispiel über die Baustelle geht. Richter: „Das erlebt man immer wieder, dass sich der Bauherr später an nichts mehr erinnert.“ Mit einer Skizze als Protokoll plus Datum und Unterschrift könne man dem mit ganz einfachen Mitteln vorbeugen.


Kammern bieten auch Zeichenkurse an

Leider könnten viele junge Architekten nicht mehr so schnell mit der Skizze umgehen, weil sie es nicht mehr lernten. Richter: „Viele Professoren beklagen sich darüber, dass ­diese Ausbildung aus finanziellen Gründen gestrichen wurde und der Schwerpunkt auf die Ausbildung am Computer gelegt wird.“

Wer das Freihandskizzieren erlernen oder vertiefen will, kann sich bei einem Zeichenkurs für Architekten anmelden. In vielen Fällen werden die Kurse von der Kammer oder den angeschlossenen Weiterbildungseinrichtungen organisiert. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von Anbietern, die man über das Internet findet. Bekannt sind zum Beispiel die Seminare von Gerd Reinhardt, der das Institut La Linea in Maulbronn leitet (www.la-linea.net). Die Seminare werden in Kooperation mit den Architektenkammern Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz durchgeführt.

Auch Daniela Kouefo unterrichtet seit drei Jahren Berufsanfänger und gestandene Planer in der Kunst des Zeichnens. Die Teilnehmer an ihren Kursen, die unter anderem von der Berliner Kammer veranstaltet werden, haben unterschiedliche Vorkenntnisse. Kouefo: „Es geht darum, die ­innere Vorstellung und das dreidimensionale Denken zu schulen. Dadurch wird das Entwerfen um ein Vielfaches erleichtert.“ Das Anfertigen von Handskizzen funktioniere nicht wie Trial and Error am Computer, bei dem man irgendwelche Versatzstücke zusammenbastelt. Wenn man et-
was zeichnen wolle, dann müsse man es sich selbst vor­stellen können.

Um das zu erlernen, werden in den Kursen zunächst
das Sehen und das Zeichnen am Objekt trainiert. Als nächste Stufe erfolgt dann das Skizzieren eines vorgestellten ­Objektes aus dem Gedächtnis. Schon nach wenigen Übungsstunden, verspricht die Berlinerin, seien deutliche Erfolge sichtbar.

Wolfram Richter in Dresden veranstaltet seit über zehn Jahren Zeichenseminare für Architekten (www.architektur-perspektive.de). Die Veranstaltungen gehen in der Regel über drei Tage und kosten rund 170 Euro. Die Themen sind Architektur im Außenraum, Innenarchitektur, Landschaftsräume, Bewegungen und figürliches Zeichnen sowie extreme Perspektiven. Ein Anfänger erhält in dieser Zeit wichtige Grundlagen und gute Tipps, wie er seine Fähigkeiten verbessern kann. Als fertiger Zeichner verlässt er so ein Seminar jedoch nicht. Richter: „Zeichnen zu lernen ist wie Hochleistung im Sport zu trainieren. Das schafft man nicht übers Wochenende.“


Die Skizze ist ein Denkwerkzeug

Der Hochschullehrer Eberhard Holder über den Sinn des Zeichnens und sein „Sketch and Scrap Book“

Prof. Eberhard Holder lehrt Entwerfen, Gestaltung und zeichnerische Darstellung an der Hochschule für Technik in Stuttgart.

Welche Bedeutung hat die Handskizze für den Architekten im CAD-Zeitalter?
Eigentlich sind für mich zwei Dinge wichtig: Ich finde die Computerzeichnung und ihre Möglichkeiten wunderbar, etwa das professionelle Rendern von Entwürfen oder das Arbeiten mit Licht und Schatten. Die Skizze jedoch ist ein Denkwerkzeug. So ähnlich wie sich beim Sprechen die Gedanken formulieren, so visualisieren sich diese beim Skizzieren. Dazu kommt ein Faktor, der etwas mit Intuition zu tun hat: Während der Stift über das Blatt tanzt, wird die erzeugte Figur im Gehirn verarbeitet, korrigiert, kritisiert und ausgewählt. Dieser Dialog des intuitiven, flüssigen Visualisierens macht die Stärke einer Skizze aus. Ein weiterer Vorteil ist die Offenheit. Eine gute Skizze formuliert die Dinge, sie ist aber nie in sich geschlossen. So wird der Betrachter miteinbezogen und fängt an, mitzudenken.

Warum haben Sie dieses Buch geschrieben? Gibt es nicht genügend Ratgeber zu

Scrap Book: In dieser besonderen Form des Skizzenbuches werden alle möglichen Dinge mit einer bildnerischen Aussage montiert. Das können auch Blätter von einem Waldspaziergang sein (Mitte).

diesem Thema?
Das Buch ist mehr als nur eine Anleitung zum Zeichnen. Wenn Menschen zeichnen wollen, dann wollen sie meistens sehr schön zeichnen. Das behindert sie oft in der Phase des Denkens. Mithilfe des „Sketch and Scrap Book“ soll man lernen, seine bildnerische Sprache weiterzuentwickeln, um die Freuden des spontanen Zeichnens und Collagierens zu genießen. Scrap, wie es im Titel des Buches heißt, bedeutet ja Abfall, Schrott oder Poesiealbum. Aus dieser Begrifflichkeit heraus habe ich eine Form gefunden, nicht mehr schön zu zeichnen, sondern alles das zuzulassen, was aus mir herausfließt. Ich möchte dem Leser Lust machen am Skizzieren, Collagieren und Gedankenvisualisieren. Es geht nicht darum, schön zu zeichnen, sondern um das Wahrnehmen. Ein Scrapbook ist sehr persönlich gestaltet, mit spontanen Eindrücken, nicht ausgereiften Gedankensplittern, Erlebnissen, Stimmungen und Gefühlen.

Lernen Ihre Studenten noch das Zeichnen?
Bei uns beginnen die Studenten im ersten Semester noch nicht mit dem Entwurf am Computer, sondern zeichnen frei mit der Hand. Das ist heute an vielen Universitäten und Hochschulen nicht mehr selbstverständlich. Wir versuchen, diesen Entwurfsprozess und die Analyse des Sammelns von Ideen bei den Studenten zu kultivieren. Natürlich müssen diese heute auch CAD können. Doch das Interesse am Freihandzeichnen ist sehr groß, die Kurse sind immer voll.


Zeichnen lernen: zehn Bücher für Einsteiger

  • Kreativ zeichnen, von Brian Bagnall und Ursula Bagnall, Bassermann Verlag
  • Perspektive – Zeichnen Schritt für Schritt, von Doug DuBosque, Taschen Verlag
  • Ideen visualisieren: Scribble – Layout – Storyboard, von Gregor Krisztian und Nesrin Schlempp-Ülker, Verlag Schmidt (Hermann)
  • Die Architekturzeichnung. Vom barocken Idealplan zur Axonometrie, von Winfried Nerdinger, Prestel Verlag
  • Intensivkurs Zeichnen. In 500 Übungen, von Bruce Robertson, Verlag ­Bechtermünz
  • Darstellungsmethodik, von Rudolf Schricker, Deutsche Verlags-Anstalt DVA
  • Grundlagen der Zeichnung, von Maria Fernanda Canal, Edition Fischer
  • Zeichnen ist lernbar, von Christina Jeschke, TU München,
  • Zeichnen in München: München in Zeichnungen, von Christina Jeschke, TU München
  • Zeichnen und Skizzieren: das komplette Set für Einsteiger, von Angela Gair und Anthony Colbert, Verlag 7hill Publishing

Auswahl: Wolfram Richter, www.architektur-perspektive.de. Hinweis: Einige der oben genannten Titel sind „neu“ leider nicht mehr lieferbar, können jedoch als gebrauchtes ­Exemplare über das Internet bestellt werden.

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