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Innen und außen

Gemeinsam geht besser

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Hochbau- und Innenarchitekten sehen sich allzu oft als Konkurrenten. Doch miteinander haben sie mehr Erfolg. | Fred Wagner

Einblicke und Ausblicke: Die Zentrale des Leasing-Unternehmens LHI in Pullach wurde von den Münchener Büros Mann & Partner (Hochbau) sowie Landau + Kindelbacher geplant. Das 11 500-Quadratmeter-Objekt für 300 Beschäftigte besteht aus sechs Gebäudeteilen; Durchlässigkeit spielt eine besondere Rolle.

Die einen denken, sie kommen ohne die anderen aus, die anderen klagen darüber, dass sie viel zu spät in das Projekt einbezogen werden. Viele Architekten und Innenarchitekten sind noch immer der Meinung: Zusammen geht es irgendwie nicht. Dabei könnten sich beide Seiten wunderbar ergänzen und völlig neue Ideen hervorbringen.

Davon sind auch der Hochbauarchitekt Tim Driedger und die Innenarchitektin Christine Weinmann überzeugt, deren Büro in_design in Frankfurt am Main Dienstleistungen aus den Gebieten Innenarchitektur und Architektur anbietet. Driedger: „Gerade beim Bauen im Bestand sind Bauherren über diese Allianz sehr erfreut, weil es meist Projekte sind, die man von beiden Seiten nicht einfach mal mitmachen kann. Da sind beiderseits tief gehende Kenntnisse wichtig.“ Bei Neuanstellungen achten Driedger und Weinmann immer auf ein „ausgewogenes Verhältnis“ beider Fraktionen.

Christine Weinmann: „Bei Innenarchitekten allein bezweifeln viele Bauherren die Kompetenz, wenn es darum geht, zum Beispiel Bauanträge zu stellen, eine Statik zu berechnen, Fassaden zu planen, energetische Fragen zu beantworten oder auch bei Energieoptimierungen und Anbauten.“ Oft treffe das nicht zu, aber Partnerschaft helfe. Bei der Entwurfsdiskussion sehe ein Hochbauarchitekt von außen nach innen, ein Innenarchitekt dagegen von innen nach außen. Weinmann: „Auf diese Weise kommt für den Bauherrn das Beste heraus.“

„Gerade private Bauherren nehmen die planerische Doppelbesetzung sehr gerne in Anspruch“, erklärt ihr Büro­partner Driedger. Aber auch im Gewerbe- und Industriebau könne er im ­Bauherrengespräch sehr glaubhaft darlegen, dass das Gebäude von der Fassade bis zum Empfangs­tresen eine ­gestalterische Handschrift tragen wird. Driedger: „Ein alleinstehender Hochbauarchitekt kann so etwas nur schwer vermitteln.“

Das Innere der Zentrale des Leasing-Unternehmens LHI in Pullach ist dem Firmendesign des Unternehmens unaufdringlich angepasst. Die Deckenelemente sind von der Lichtdesignfirma The Walking House.

Als ein besonders gutes Beispiel für eine gelungene Kooperation nennt Driedger ein Einfamilienhaus in Mühlheim am Main, das von seinem Büro zu einem Mehrgenerationenhaus weiterentwickelt wurde und bei dem vom Garten bis zu den Möbeln alles geplant wurde. Ausgangspunkt war ein Bestandsgebäude, das von innen komplett saniert wurde. Von außen kam ein repräsentativer Anbau aus Sichtbeton dazu. Die Planungsarbeiten innen und außen liefen Hand in Hand, was man dem fertigen Projekt auch ansehen kann. Weinmann: „Nach Möglichkeit arbeiten bei uns beide Büropartner gemeinsam an einem Projekt, was in den meisten Fällen auch möglich ist.“Driedger kann sich noch gut an seinen alten Professor erinnern. Dem wurde damals die Frage gestellt: Entwickelt man nun ein Haus von außen nach innen oder von innen nach außen? Der Professor antwortetet: Immer beides! Driedger: „Genau diese Philosophie haben wir uns auf die Fahne geschrieben und haben damit seit Jahren Erfolg.


Bauherren wollen innere Werte

Die enge Verzahnung von Architektur und Innenarchitektur gehört auch zur Bürostrategie des Münchener Büros Landau + Kindelbacher. „Wir sind natürlich schon durch unsere Bürogröße mit fast 40 Mitarbeitern so aufgestellt, dass bei uns Hochbau- und Innenarchitekten arbeiten. Dadurch können wir in beiden Disziplinen die gleich hohe Qualität gewähr­leisten“, erklärt Ludwig Kindelbacher, der nach einem Innenarchitekturstudium an der FH Rosenheim auch noch das Diplom der Architektur an der FH München ablegte. Kindelbacher: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Innenarchitektur den Bauherren in den vergangenen Jahren wesentlich wichtiger geworden ist und dass diese immer öfter auch die Einbeziehung eines Innenarchitekten bei der Ausstattung der Gebäude wünschen.“ Mit dieser Entwicklung haben natürlich auch die Innenarchitekten selbst zu tun, die durch eine gesteigerte Qualität heutzutage ein ganz anderes Auftreten haben. Kindelbacher: „Unser Ziel ist es, dass durch die enge Zusammenarbeit beider Fraktionen am Schluss ein möglichst einheitliches Projekt entsteht.“

Kubencollage: Das Wohnhaus an ihrem Bürostandort Neumarkt beschreiben Gudrun und Johannes Berschneider als „Collage aus kubischen Elementen. Die Planung ist streng reduziert – von den Elementen des Baukörpers bis hin zu den Einbauten und allen Details. So sind auch die Möbel sehr reduziert und tauchen meist nicht als solche auf. Schränke, Türen und die ganze Küche liegen bündig in den Wänden, teils unauffällig als weiße Fläche, teils als markanter Akzent in betonten Materialien. Auch die Wahl der Materialien ist sehr reduziert, alles wirkt sehr cool. Spachtelboden im ganzen Haus.“

Wie so ein Gebäude aus einem Guss entwickelt werden kann, beweisen auch Peggy Kastl und Heiko Kastl vom baustudio melchert + kastl in Rostock. Das erklärte Büroprofil der Innenarchitektin und des Architekten: Verbindung von Hochbau- und Innenarchitektur für den privaten und öffentlichen Bereich.

Kastl: „Für uns ist es wichtig, dass beide Seiten gleich behandelt werden. Das schafft man aber nur, wenn man als Innenarchitekt den kompletten Hochbau von Anfang an oder Teile davon mitplant.“ Am besten gehe das natürlich mit der Verschmelzung in einem Büro. Aber auch Kooperationen und Büropartnerschaften könnten das leisten. Kastl: „Das ist eher eine Frage der Menschen, ob die miteinander klarkommen. Unsere Projekte bekommen wir vorrangig über unsere Innenarchitektur, weil diese eine andere Qualität hat. Guten Hochbau können relativ viele Leute. Wenn Bauherren dann in unser Büro kommen und sehen, dass wir beides machen, können wir viele davon überzeugen, den Hochbau auch mit uns zu realisieren.“ Ein gutes Beispiel dafür sei das Einfamilienhaus in Zingst, das von Anfang an als eine Einheit betrachtet wurde.

Auch für Bauherren zahle sich diese Herangehensweise unter dem Strich aus. „Weil wir von vornherein wissen, was wir im Innenausbau machen wollen, können wir im Hochbau an bestimmten Punkten optimieren, weil einige Eigenschaften am Ende für die Nutzerqualitäten gar nicht so entscheidend sind. Da spielen dann ganz andere Dinge eine Rolle, zum Beispiel Stauräume.“ Kastl: „Unsere Erfahrungen sehen so aus: Oft sieht ein von einem Hochbauarchitekten geplanter Bau so lange toll aus, wie da kein Möbel drinsteht. Wir dagegen planen von vornherein die Nutzung mit ein, dadurch lässt sich Platz sparen und es ist natürlich auch eine funktionelle ­Geschichte.“ Das erfordere jedoch einen speziellen Abstimmungsprozess mit dem Auftraggeber. Je fester die Nutzung und je spezieller die Abstimmung ist, umso besser könne die ­dafür zugeschnittene Lösung sein. Kastl: „Wir wollen nicht an einer bestimmten Grenze ­haltmachen.“

Nicht an der Haustür aufhören

Erde und Himmel: Das Wohnhaus mit Büro im Ostseebad Zingst vom Rostocker Büro baustudio melchert + kastl zeigt sich außen mit erdverbunden anmutendem Holz und himmelskühl wirkendem Zink. Die klare Struktur und die Kombination von warmen und kühlen Materialien setzt sich im Inneren fort. Der knappe Raum ist ökonomisch ausgenutzt, etwa mit Einbauschränken im Bad und unter der Treppe zum Obergeschoss.

Die Grenze von Architektur und Innenarchitektur zu überwinden, ist auch für Berschneider + Berschneider aus Pilsach bei Neumarkt in der Oberpfalz ein Ziel. „Für uns ist das ein wichtiges Merkmal für unseren Erfolg. Ohne den Innenausbau hätten wir nicht diesen Zulauf“, sagt Johannes Berschneider stolz, der das Büro zusammen mit seiner Frau Gudrun leitet. Beide haben Innenarchitektur und Hochbau studiert und entwerfen ihre Gebäude von innen nach außen. „Unsere Bauherren bestätigen uns immer wieder, dass sie deshalb zu uns kommen, weil sie den Eindruck haben, dass wir Architekten sind, die nicht an der Haustür aufhören.“ So zeichnen Berschneider + Berschneider bis auf die Polstermöbel alle Möbel selbst, entwerfen Fliesenpläne, zeichnen Kamine und planen teilweise sogar die Küchen.Doch was sich so leicht und nachvollziehbar anhört, ist in der Praxis schwer erarbeitet. Bei der Besetzung des Büros würde Berschneider gerne die Seite der Innenarchitekten verstärken, doch bisher hatte er damit keinen Erfolg. Berschneider: „Wir bemühen uns seit Jahren, Innenarchitekten zu finden, die uns unterstützen und entlasten können.“ Leider sei das gar nicht so einfach. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Hochbauarchitekten nach einer einjährigen Einarbeitungszeit eher in der Lage sind, in unserem Büro den Part der Innenarchitektur zu übernehmen, weil sie einfach adäquater ausgebildet sind. Dagegen geht bei der Innenarchitektur die Ausbildung allzu oft in Richtung Designer.“ Prinzipiell sei es natürlich richtig, wenn beide Seiten von Anfang an miteinander kooperieren – in welcher Form auch immer. Nur so könne man von vornherein eine Sprache sprechen. Das gehe nicht, wenn man zuerst den Rohbau hinstellt und danach einen Innenarchitekten sucht. Berschneider: „Die sollten auch von Anfang an im Boot sitzen.“


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