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Leserbrief

Größenwahn und Selbstverherrlichung

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Eckart Leipprand und Karl Wallasch zum Dossier „Hochhäuser“

Die leicht ironische Kritik am Hochhaus ist gut, meiner Meinung nach aber zu nachsichtig.

Dass Hochhäuser weder aus wirtschaftlichen noch aus praktischen Gründen, weder aus Raumnot noch aus städtebaulicher Enge entstehen, ist wichtig voranzustellen. Dass sich im Hochhaus vielmehr Größenwahn und Selbstverherrlichung, Phalluskult und Herrschaftsgesten ausdrücken, dass mit dem Hochhaus eine Konkurrenz in „Höhenrausch“ und „Formenrausch“, in Wichtigkeit und Überlegenheit ausgetragen wird – und zwar nicht etwa von Gemeinschaften, Nationen, Demokratien, sondern von Privatgesellschaften oder Einzelpersonen, die wie frühere Monarchen den öffentlichen Lebensraum usurpieren und dominieren, ohne dass die Gesellschaft ihnen Einhalt gebietet, – das alles ist schon eine wenig schmeichelhafte Begründung für das Hochhaus und macht es scheinbar zu einem wichtigen architektonisch/städtebaulichen Thema. Doch das Hochhaus ist leider nicht nur private Wichtigtuerei, ist nicht nur auffällige Architektur, als Bauprogramm meist unsinnig und dazu unvorstellbar teuer, sondern wird zugleich und zusätzlich missbraucht, um darin mit Menschen Geld zu verdienen. Deshalb ist vor allem anderen seine soziale Seite zu kritisieren.

Gründe, die eigene Größe hervorzuheben gab es immer, Signale wurden zu allen Zeiten gebaut, aber sie mit Menschen zu füllen ist neu und zynisch, mit Menschen, die in dem Fall mit dem Motiv des Hochhauses nicht das geringste zu tun haben. Wenn die Egomanen ihr Signale als Signale bauen würden, ohne Menschen darin und so extravagant wie sie nur irgend wollen, so wäre darüber demokratisch zu befinden, aber wenn sich ein Signal auch noch „rechnen“ muss durch Geld erwirtschaftende Menschen darin, dann kommt die sozialpolitische Komponente als das schwerwiegendste Problem des Hochhauses ans Licht.

Nach dem 2. Weltkrieg kam die Kunde, dass es in Amerika „Wolkenkratzer“ gäbe und man erschauerte vor Ehrfurcht, fügte aber sogleich hinzu, dass man selbst auf keinen Fall in einem Wolkenkratzer würde arbeiten oder wohnen wollen. Warum? Aus ursprünglicher Angst vor dem Fremdsystem; in dem Falle, weil man bei einem Fliegeralarm nicht rechtzeitig heraus käme. Der Mensch begibt sich nicht freiwillig in Fremdsysteme, Flugzeug, Schiff, Untertagebergbau, Hochhaus, Aufzug, U-Boot, Seilbahn, es sei denn, er hat besondere Gründe oder steht unter Zwängen. Und auch dann sieht der normal empfindende Mensch zu, dass er so schnell wie möglich wieder heraus kommt und sein Leben in seinem selbst bestimmbaren Umfeld fortsetzen kann. Hochhäuser sind Fremdsysteme, in denen der Einzelne nicht frei ist zu entscheiden, was er tun will. Er mag sich nach Abwägung von Gründen oder Zwängen in eine solche Abhängigkeit begeben (müssen), und wir haben uns inzwischen mehr oder weniger an das Hochhaus, das Flugzeug, das Schiff, den Aufzug gewöhnt, haben unsere natürlichen Vorbehalte einfach übersprungen, aber instinktiv spürt jeder bei Benützung eines solchen Fremdsystems, dass er sich in Abhängigkeit begibt. Architekten wie Politiker wie Auftraggeber sollten für die Selbstbestimmung der Menschen eintreten und nicht zur massenhaften Fremdbestimmung beitragen, sosehr Verdienst und Kuriosität und vordergründiger Prestigegewinn solcher Bauaufgaben auch reizen mögen.

Das weitere Argument für das Hochhaus, den „Leuten ab und zu einen Überblick ermöglichen“, ist eine wohlwollende Begründung. Für einen Überblick genügt ein Aufenthalt von ein oder zwei Stunden. Die Büromenschen oder Bewohner eines Hochhaus sind nicht wegen des Überblicks darinnen.

Das „Konzentrieren von Bauflächen“ als Begründung für Hochhäuser stimmt auch nur in ganz wenigen Fällen, etwa in Sao Paulo. Dort sind alle Häuser „Hochhäuser“. Die Paulistas arbeiten und wohnen darin, weil es (fast) nichts anderes gibt, aber man beachte bitte, dass in Sao Paulo 99% der Hochhäuser in keiner Weise Signale sein wollen, „Wahrzeichen“ oder „Egomanismen“ oder Symbole für was auch immer, sondern nüchtern und trivial ihren reinen kapitalistischen Silozweck verkünden und sonst nichts!
Anders ist das noch in Shanghai etwa, wo das Hochhaus mit gründerzeitähnlichen pathetischen Prestigewerten behaftet ist und „angebetet“ wird, weil man stolz ist über fließendes Wasser und funktionierende Heizung. Fremdbestimmung ist dort ohnehin eingeübt.

Man sollte einen Blick nach Phönix in Arizona werfen, der Stadt im Westen Amerikas, in der Weltfirmen an der Weltspitze arbeiten, also Grund hätten, anzugeben; deren arbeitende und wohnende Bevölkerung ihre Kraft jedoch nicht verschwendet für Wichtigtuerei und Selbstunterwerfung unter Fremdsysteme, sondern – mit wenigen Ausnahmen – souverän auf dem Boden bleibt in drei bis vier Geschoßen. Da kann man jederzeit mal schnell an die Luft gehen und die Füße vertreten oder eine Erledigung machen; jedenfalls kommen und gehen als freier Mensch. Eine ähnliche Philosophie praktiziert Oman, das sich der Hochhauskonkurrenz konsequent entzieht, obwohl es in der Lage wäre mitzuhalten und genügend größenwahnsinnige aber eben nicht nachahmenswerte Nachbarn um sich hat, sondern jedem seiner Einwohner Selbstbestimmung auf der Erdoberfläche einräumt. Das geht, weil dort ein charakterfester Monarch weniger an sein Prestige als an das Wohlergehen seiner Landsleute denkt.

„Orientierungszeichen setzen“ als städtebauliche Begründung für Hochhäuser ist zynisch, wenn Einzelpersonen dies tun und nicht die demokratische Gemeinschaft. Orientierungszeichen setzt die Gesellschaft an wenigen gemeinsam definierten Standorten, z. B. als Kirchturm oder Stadttor, Brücke oder Uhrturm an städtebaulich richtiger Stelle (ohne Menschen darin). Wer käme auf die Idee, den Eiffelturm oder den Arc de triomphe mit Arbeitsplätzen oder Wohnungen zu füllen.

Eckart Leipprand, Stadtplaner, Trier


Nach Redaktionsschluss des gedruckten Hefts erreichte uns ein weiterer Brief zum Thema:

Ich finde das Thema sehr spannend und kann nur bestätigen, dass selbe Diskussionen hier in Großbritannien geführt werden. Von der Autorin wurde richtig genannt, dass das Gebäude Murray Grove von Waugh Thistleton ein „beacon“-Projekt im Hinblick auf die konsequente Verwendung von Holz ist. Auch in Großbritannien wurde genau dieses fertiggestellte Projekt mit Preisen für die vorbildliche und zukunftsweisende Baukonstruktion geehrt. Jedoch möchte ich einen wichtigen Sachverhalt nennen, der aus dem Artikel falsch verstanden werden kann. Obwohl das Murray Grove Gebäude eine Gebäudehöhe von ca. 29m hat (und somit größer als 22m ist) wird das Gebäude nach englischem Baurecht nicht als Hochhaus eingestuft. Die Hochhausgrenze in England und Wales ist ab einer Bauhöhe von 30m festgelegt. Das Gebäude wäre mit Sicherheit nicht aus Holz möglich, wenn es eine Bauhöhe von über 30 Metern hätte. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade die Leser aus Deutschland, die nicht mit dem englischen Baurecht vertraut sind, diesen wichtigen Sachverhalt falsch verstehen könnten. Sie könnten den Eindruck gewinnen, dass in England / Wales ein Hochhaus als Holzbau möglich ist. Dies ist nicht der Fall. Und bisher gibt es kein Hochhaus in England oder Wales in Holzbauweise. Gerade auf Grund der in den letzten Wochen und Monaten statt gefunden Brände in England bei im bau befindlichen Holzgebäuden ist die Diskussion um den Holzbau wieder „entfacht“. Der Autorin kann ich ansonsten nur gratulieren zu dem sehr gelungen Artikel!
Karl Wallasch, Senior Fire Engineer, London


Diese Meinungen beziehen sich auf das Dossier: Hochhäuser erschienen in: DAB 12/09, Seite 10

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