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Leserbrief

Architekturfotografie und architektonische Kälte

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Natürlich geht es in diesem Bericht um die Verwertung und die Vermarktung von Architektur durch Fotografie. Die Richtung wird klar beschrieben: perfekte Fotografie vermittelt ebensolche Architektur als wichtigstes Mittel zur Kommunikation. Gerade deswegen möchte ich einen Standpunkt darstellen, der die Verantwortung der Architektur und der Medien aus einem andern Blickwinkel beleuchtet.

Beide Abbildungen verdeutlichen exemplarisch und fast tragisch eine Art von Sehen und Denken, einen Sinnesprozess, der sich fest in die Abhängigkeit der Materie begeben hat und nur die äußere Form mit dem reflektierenden Verstand oder dem emotionalen Gemüt beurteilt. Es ist ein intellektuelles Denken, eine akademische Planungskultur, die in ihrer Tendenz bekannt ist, diskutiert wird und deren Ergebnisse sich trefflich in Veröffentlichungen verfolgen lässt. Die Abhängigkeit von der äußeren Sinneswelt produziert eine Architektur, die auch im kleinen spektakulär sein möchte und in der Faszination sich selber gefällt. Sie entrückt sich der natürlichen Sinnesempfindung des Menschen, der die Baukultur als Teil seines Lebens berühren und spüren möchte, der mit seinen Sinnen angeregt werden möchte und eine dauerhafte, erbauende Ausstrahlung von den Bauwerken sich im innersten seines Herzens in Form einer Sehnsucht erhofft.

Die aktuelle Planungskultur bedient sich so gerne ganzheitlicher Begriffe, kann sie aber nicht wirklich empfinden. „Erlebbarer Raum, Einfamilienhaus in Deutschland…“ so die Beschreibung des 2. Bildes. Jeder Raum ist erlebbar, aber wie, was empfindet eine Seele wirklich wenn sie solche Räume betritt und wie wirken sie auf das Gemüt? Das Erwachsenengehirn platziert einen kleinen Jungen ins hinterste Eck, damit man überhaupt eine Begrenzung spürt, apathisch und sonderlich steril wirkt das Kind. Wo ist das Feuer in der Architektur, wo sind die Formen die das Kind inspirieren, das Interesse des Jungen entzünden, Neugierde für weitere, lebendige Aktionen schafft und selbst gewählte Lebensräume offen läst. Das Bild dokumentiert ein stilles, sich langsam vollziehendes Drama bei unseren Kindern, hervorgerufen durch Architektur, das sich in vielen Schulen und öffentlichen Bauwerken tausendfach wiederholt.

Der ausschließlich rechte Winkel wirkt mächtig und Allerorten, verherrlicht die Großform, verdreht sich machmal spektakulär und bleibt dennoch sprachloser Kasten. Der „stimmungsvolle Blick zum Tegernsee“, das 2. Bild, aus der Breitbild Kastenperspektive. Man erliegt den schönen Angeboten, den Fotos, für kurze Momente blickt man in die Natur und bleibt doch ausgegrenzt von ihr. Die Architektur hilft mit Ausgrenzung zum Alltag werden zu lassen. Fest im Schlepptau des kollektiven Zeitstromes setzt das liegende Rechteck seinen Siegeszug auf der ganzen Welt fort. Wie wirkt das liegende Rechteck auf das Gemüt? Wie spricht es auf die innere Haltung des Menschen? Die Seele berührt nicht wirklich oder nur sehr reduziert die aktuellen Formen des Bauens. Sie wird hinweg gerissen von der Sensation oder verbleibt in alter Gewohnheit und damit mit ihrer Sehnsucht allein. Der Junge im hintersten Eck „in einem Einfamilienhaus in Deutschland“ gibt ein beredtes Beispiel.

Die warme Ästhetik wird die große Zukunftsaufgabe der Planer und der Mediengestalter sein. Sie wird die heutige Diskussion um Klimawandel, Energieeffizienz usw. in ein neues Licht stellen. Eine Ästhetik, eine Baukultur die Selbstverliebtheit in der Planung nicht braucht und damit frei sich den Bewohnern und Betrachtern wieder zuwenden kann und sie in ihren Sinnen berührt. In dieser Baukultur wird die Kraft der Formen, die Sprache des Materials und die Stimmung der Farbe aus einem Wissen entnommen, das die Bewohner und Betrachter wíeder erreichen wird. Architektur entzündet dann einen kontinuierlich aufsteigenden Empfindungsprozess, der wirklich zu größerer menschlicher Freiheit führt, da er die drei Seelenkräfte des lichten Gedankens, des reinen Fühlens und des entschiedenen Handelns anzuregen weis und damit den absteigenden Prozess der materiellen Abhängigkeit, der heute noch durch die Architektur gegeben ist, zum Stoppen bringt.

Walter Buckel, Architekt, Burgbernheim

Dieser Brief bezieht sich auf den Bericht über Architekturfotografie in Ausgabe 5/10, Seite 28

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