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Leserbrief

Denkmalbrief

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Sehr geehrter Herr Schmid, lieber Kollege,

im Ausschuß für Denkmalschutz und Denkmalpflege der Architektenkammer Berlin hat Ihre Mitteilung Verwunderung ausgelöst und die Frage aufgeworfen, ob Ihre Meinung ohne Abstimmung mit den Kammern der Länder unter Bundesarchitektenkammer korrekt firmiert ist. Ihr Vorschlag hat zudem keinen Zuspruch gefunden, und, es wird angenommen, daß er wohl kaum die Auffassung der in den Kammern der Republik gelisteten Architekten wiedergeben dürfte.

Der Deutsche Pavillon ist ein historisches Bauwerk, das unter Denkmalschutz steht. Ohne die Begründung der italienischen Sopraintendenza zu recherchieren, aber in Analogie zu den Gründen, die nach deutschen und anderen europäischen Gesetzen zu diesem Schutztatbestand führen, dürfte davon auszugehen sein, daß die Unterschutzstellung wohlbegründet ist. – Bis hierhin sind wir uns wohl einig.

Der Bau ist 1909 nach einem Entwurf des italienischen Kollegen Daniele Donghi errichtet worden, wurde mehrfach verändert und 1938 nach einem Entwurf von dem deutschen Architekten Ernst Haiger modifiziert. Der bis heute überkommene Bau ist geprägt durch Bauideologie des deutschen Nationalsozialismus zur Zeit des italienischen Faschismus. – Der Umbau modifizierte den Bau vom Villen-Typus (Donghi) zum Palazzo-Typus (Haiger); diese Art von Transformation ist in Zeiten politischer Restauration ein häufig in der Geschichte der Architektur eingesetztes Mittel. Im Berlin des Kaiserreiches zum Beispiel wurde die Technische Hochschule zu Charlottenburg als Villen- Typus entworfen (Lucae), die Ausführung einige Jahre später erfolgte als Palazzo-Typus (Hitzig) mit einer hohen Attika, die sich letztlich vom Helm römischer Ligatoren herleitet (Semper). – Mit anderen Worten: Ein Bau, der während eines totalitären Regimes errichtet oder modifiziert wird, ist kein totalitärer Bau. Bau und Politik stehen selten in einem direkten Spiegelungsverhältnis. Den Parteizentralen im Regierungssitz Bonn konnte man auch nicht ohne weiteres ansehen, ob darin die rechts oder die links im Parlament Sitzenden arbeiten (Durth). Ihre begriffliche Dichotomie der gebauten Welt, „neuer moderner Pavillon“ gegen „ausgeprägt nationalsozialistische Monumentalität“ greift zu kurz und hilft nicht weiter. Sie finden heute zahlreiche Bauten aus jener Zeit, die moderner sind heutige monumental aufgemachte. Geschichte ist komplexer und widersprüchlicher als Ihr hier angesetztes Schema, und, sie ist differenzierter zu betrachten.

Einem „demokratischen Staatsverständnis“ entspricht nach hiesiger Auffassung, ein differenzierter Denkmalschutz und die Denkmalpflege. Besonders Architektur – als Städtebau und als einzelner Bau – dient als Gedächtnis und Erinnerung des Gemeinwesens und ist zu wahren.

Zahlreiche namhafte Künstler haben seit Jahrzehnten einen Umgang mit dem Ort und dem Bau, also mit einem geschichtlichen Gegenstand, den Sie beseitigt sehen wollen, gefunden. Paul Klees Engel der Geschichte treibt mit aufgerissen Augen angesichts des Grauens, angesichts des Scheiterhaufens an Geschichtlichem, der sich vor im auftürmt, rückwärts in die Zukunft. Jenes Bild von Klee ist Ausdruck der Moderne der letzten einhundert Jahre; Ihre Phantasie, die das sprichwörtliche Kind mit dem Bade ausschüttet, ist antigeschichtlich. – Was müssten wir nicht alles beseitigen wollen in den Städten und Ländern Deutschlands, wenn wir Ihrer Auffassung folgten ?!

Nicht zuletzt: Es ist wohl sehr zu bezweifeln, daß sich das „heutige Deutschland … zeitgemäß präsentieren kann“, wenn ein Reinigungsakt, wie Sie ihn vorschlagen, durchgeführt wird. Das „heutige Deutschland“ kennt allerdings zahlreiche Umbauten von Baudenkmälern, die heutige Ansprüche an einen „modernen Pavillon“ mit einem überkommenen Monument vereinen; eine Vorgehensweise, die übrigens auch keine „unüberwindliche Hürde“ bei den Freunden der Zivilität in Italien aufwerfen dürfte; dort kennt man jene auch. Die Mitglieder des Ausschusses wünschen, daß ein solch gewichtiger Vorschlag in den Kammern der Länder diskutiert wird, bevor in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, man lese die Auffassung der Architekten in Deutschland.

Mit besten kollegialen Grüßen

Frank Augustin für die Mitglieder im Ausschuß für Denkmalschutz und Denkamlpflege der Architektenkammer Berlin

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