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Leserbrief

Kammerpräsident fordert Abriss des Biennale-Pavillons

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Auch der NS-Klassizismus war, selbst in seiner Kolossalvariante, eben ein Klassizismus, dem letztlich das griechische Ideal zugrunde lag, dem wir – wie jeder weiß – die Grundlagen der modernen Demokratie verdanken. Sowohl geschichtlich gesehen, als auch ideologisch, widersprechen sich Demokratie und klassische bzw. klassizistische Architektur also nicht. Woran soll man nun die Grenzen der Zumutbarkeit eigentlich festmachen? Der Knackpunkt ist die metaphysische Dimension solcher Bauwerke. Wer sich aber darauf einlassen will, muss sich im Klaren sein, dass dann von der deutschen Baugeschichte, von der Baugeschichte überhaupt, außer der „Neuen Sachlichkeit“, nicht viel übrig bleiben wird. Mit der kategorischen (mitunter hysterische Züge annehmenden) Stigmatisierung bestimmter Bauwerke zur Herrschaftsarchitektur wird man dem Problem nicht beikommen. Maß einer Beurteilung kann in einer überwiegend säkularen und materialistischen Gesellschaft letztlich doch nur die künstlerische, funktionale Qualität eines Bauwerks sein, die man – auch in einer Demokratie – letztlich respektieren sollte.

Die Frage der Nutzung ist eine andere. Mit ihr muss man sich sachlich auseinandersetzen. Vergleichsweise bescheidene Gebäude wie der Deutsche Pavillon, mit solchem Säulenportikus, gibt es einige, beispielsweise das Festspielhaus in Dresden-Hellerau (H. Tessenow 1911). Warum kommt aber niemand auf die Idee, dass sich dieser Bau nicht mit unserem demokratischen Staatsverständnis vertragen könnte, obgleich er doch im Krieg von den ­Nazis und nach dem Krieg von den Sowjets vereinnahmt wurde? Weil der Klassizismus ein zeitloses Ideal verkörpert, welches sich in den meisten europäischen Kulturen und Stilrichtungen wiederfindet und welches offenbar einem Bedürfnis in den Gesellschaften entspricht. Von daher sind die Abbruchsargumente nicht schlüssig. Vor allem dann nicht, wenn man auch berücksichtigt, was man mit dem angemahnten sogenannten demokratischen Bauen in den letzten Jahrzehnten angerichtet hat. ­Unzählige Baudenkmale und historische Stadtquartiere sind von Architekten bedenkenlos dem Zeitgeist geopfert worden, ein unermesslicher kultureller wie auch materieller Aderlass.

Dass man ein solches Bauwerk auch für die zeitgenössische Kunst nutzen kann, zeigt besagtes Beispiel des Festspielhauses in Hellerau. Es beherbergt heute das „Europäische Zentrum der Künste Hellerau“. Übrigens ist die Wiederherstellung beziehungsweise Neugestaltung des Gebäudes Ergebnis eines Architektenwettbewerbs. Es kann sich sehen lassen (Ausführung 2006 durch Architekt J. Meier-Scupin). Genau genommen spricht also gar nichts dagegen, mit dem Pavillon in Venedig ebenso zu verfahren. Dass man das Gebäude in einen unseres Landes würdigen Zustand versetzen sollte, darüber wird es wohl kaum Differenzen geben. Hier muss man Herrn Schmid sicher beipflichten.

Ulrich Kopp, Architekt, Heilbronn

Dieser Brief bezieht sich auf den Bericht zum Abriss des Bienale-Pavillons in Ausgabe 7/10 auf Seite 6

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