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Auftragslage

Dickeres Polster

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Das Auftragspolster freier Architekten ist etwas dicker geworden – vor allem dank staatlicher Projekte | Von Erich Gluch

Die Reichweite der Auftragsbestände verlängerte sich nach der vierteljährlichen Umfrage des ifo Instituts bei freischaffenden Architekten. Zum 30. September 2010 wiesen die befragten Architekten Auftragsreserven in Höhe von durchschnittlich 5,6 Monaten auf. Dies waren zwar nur unwesentlich mehr als vor einem Jahr, aber volle 2 Monate mehr als vor 7 Jahren. Deutlich unter dem Durchschnittswert für alle Bundesländer lagen die durchschnittlichen Auftragsbestände der freischaffenden Architekten in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen. In Bayern und im Saarland erreichten die durchschnittlichen Auftragspolster sogar 7 bzw. über 7 Monate.

Nach der Umfrage hat sich das Geschäftsklima zu Beginn des 4. Quartals 2010 erneut etwas eingetrübt. Es kann aber weiterhin als gut bezeichnet werden. Deutlich günstiger als im Bundesdurchschnitt ist weiterhin das Klima bei den Architekten in Schleswig-Holstein, Hamburg und im Saarland sowie – vor allem in Bayern.

Zu Beginn des Berichtsquartals überwogen bei den befragten Architekten – wie bereits seit eineinhalb Jahren – die positiven Urteile zur Geschäftslage. Der Anteil der Testteilnehmer, die ihre aktuelle Lage als „gut“ bezeichneten, verringerte sich aber  von 36 auf 35 Prozent; der Anteil der „schlecht“ – Meldungen kletterte sogar von 23 auf 27 Prozent. Während in Bayern noch rund die Hälfte der befragten Architekten mit ihrer Geschäftslage zufrieden war, äußerten sich in Berlin zwei von drei skeptisch.

Die Perspektiven trübten sich erneut ein – wenngleich lediglich in bescheidenem Umfang. Die Geschäftserwartungen der Architekten sind damit sichtlich zurückhaltender als noch zu Beginn des Jahres. So ging im Berichtsquartal nur noch jeder siebente Testteilnehmer (Vorquartal: 15 Prozent) von einer „eher günstigeren“ Auftragssituation in etwa einem halben Jahr aus. Der Anteil der Architekten, die eine „eher ungünstigere“ Entwicklung erwarteten, verharrte gleichzeitig bei 27 Prozent. Überwiegend optimistisch hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung äußerten sich nur noch die Architekten in Schleswig-Holstein, Hamburg, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Der Anteil der freischaffenden Architekten, die im Verlauf des 3. Quartals 2010 neue Verträge abschließen konnten, betrug 49 Prozent. Damit wurde erstmals seit 6 Quartalen wieder die 50 Prozent-Marke unterschritten. Berücksichtigt man allerdings, dass die Auftragseingänge im 3. Quartal – bedingt durch die geringere Akquisitionstätigkeit der Architekten in den bevorzugten Urlaubsmonaten Juli und August – tendenziell schwächer ausfallen, so sollte der Rückgang nicht überbewertet werden. Deutlich über dem Durchschnittswert liegende Abschlussquoten wiesen die Architekten in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen auf.

Das geschätzte Bauvolumen aus den neu abgeschlossenen Verträgen (Neubauten ohne Planungsleistungen im Bestand) lag im Durchschnitt aller Bundesländer im 3. Quartal 2010 gut 10 Prozent unter dem Niveau des Vorquartals. Dabei stand einem spürbaren Rückgang im Wohnungsbau um gut ein Viertel ein Anstieg um knapp 5 Prozent im Nichtwohnbau gegenüber.

Die Ordertätigkeit öffentlicher Auftraggeber weitete sich aus. Die Akquisitionsergebnisse der 3 vorangegangenen Quartale waren aber auch überaus schwach. Besonders erfreulich verlief die Entwicklung in Nordhein-Westfalen – und abermals in Bayern. Lediglich in der Großregion Mitte (Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland) sowie in Baden-Württemberg war eine deutlich unterdurchschnittliche Entwicklung zu verzeichnen.

Im Wohnungsbau war die Nachfrage nach Planungsleistungen für Ein- und Zweifamilienhäuser rückläufig (-7 Prozent). Die nahezu kontinuierliche Belebung, die seit Anfang 2009 zu beobachten war, erhielt damit einen Dämpfer, wenngleich der Aufwärtstrend noch nicht gebrochen sein dürfte. Der Umfang der Planungsaufträge verringerte sich in fast allen Bundesländern. Lediglich in Bayern war das Volumen der Planungsaufträge in diesem Teilsegment etwas größer als im Vorquartal. Demgegenüber brach die Vergabe von Planungsleistungen zum Bau von Mehrfamiliengebäuden merklich ein. Die kräftige Erhöhung der neu akquirierten Aufträge im Verlauf des letzten halben Jahres wurde damit fast wieder gänzlich zurückgenommen. Besonders betroffen von dieser ungünstigen Entwicklung waren die Architekten in Nordrhein-Westfalen sowie in Ostdeutschland.

Nach dem scharfen Einbruch der Planungsaufträge von gewerblichen Auftraggebern im Verlauf des 2. Halbjahrs 2008 erfolgte – nach einer Konsolidierung auf niedrigem Niveau – bereits im 4. Quartal 2009 eine neuerliche Belebung der Nachfrage. Nach 2 weiteren Quartalen mit einer positiven Entwicklung konnten die Auftragseingänge im Berichtsquartal allerdings nicht ganz das Niveau des Vorquartals erreichen. Eine vergleichsweise günstige Entwicklung zeichnete sich dabei bei den Architekten in Bayern und – mit leichten Abstrichen – auch in Nordrhein-Westfalen ab. Hier lagen die Volumina der Auftragseingänge im Durchschnitt deutlich über dem Mittelwert der letzten 2 Jahre.

Erich Gluch ist Wissenschaftler am ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München

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