Artikel drucken Artikel versenden

Adrian von Buttlar u.a.

Denkmalpflege statt Attrappenkult

Diesen Artikel teilen:

Denkmal-Don-Quichottes

Don Quichotte sah wenigstens noch echte Windmühlenflügel. Sechs in der Denkmalpflege engagierte Kunsthistoriker stürmen in diesem Buch gegen nicht existierende Mühlen. Die erste ist physisch: der „wilde Boom an Rekonstruktionen“, die „Rekonstruktionssucht“ und eine „höchst problematische Rekonstruktionswelle“, in deren Ozean „für die Rekonstruktionen das Geld nur so fließt“. Aber wie viele wurden eigentlich 2010 in Deutschland fertiggestellt? Hundert? Zwanzig?  Zehn? Nach einiger Recherche fanden wir am Dresdner Neumarkt zwei und in Hildesheim eine. Aber 2011, da tobt die Sucht: an der Rathausfassade von Wesel am Niederrhein. Das Buch widmet sich also dem meistüberschätzten Fast-Nicht-Thema der deutschen Baupraxis.

Zur physischen Pseudo-Windmühle in dem Buch kommt eine geistige: die angeblich von Rekonstrukteuren gewollte „Simulation von Baudenkmälern“. Dass da kein Denkmal im Sinne der herrschenden Fachlehre entsteht, belegen die Autoren ein ums andere Mal. Aber dass eins entstehe, behauptet keiner der Rekonstruierer, denn denen ist ­diese Denkmal-Lehre piepegal. Mit ihr konfrontiert, meinte zum Beispiel Wilhelm von Boddien: „Das mag ja alles sein. Aber ich finde das Schloss schön.“

Natürlich gibt es die beim Thema üblichen Pöbeleien und Polemiken. Wer anders als die Verfasser denkt, ist „dümmlich“ und „gefährlich“, betreibt „nationalen Revanchismus“, „erkenntnistheoretische Pseudophilosophien“ sowie „architektonischen Mummenschanz“ und ist „in der Lage, das politische Gewissen unserer Gesellschaft zu vergiften“. Ihr eigenes Verhältnis zu demokratischen Prozessen artikulieren zwei Autoren: Es „glaubte sich der Deutsche Bundestag legitimiert“, über das Berliner Schloss zu entscheiden, wobei „der gesamte Bundestag einer neokonservativen Rekonstruktionsinitiative auf den Leim gegangen ist“. Alle Autoren waren oder sind im Staatsdienst.

Roland Stimpel

Adrian von Buttlar u.a.: Denkmalpflege statt Attrappenkult, 24,80 Euro, 218 Seiten, Birkhäuser

Kommentare

Wir freuen uns über Ihre Beiträge und bitten Sie, die Regeln dieses Forums einzuhalten:

  • Bitte nennen Sie uns Ihren Namen und Ihre e-Mail-Adresse. Anonyme Statements werden nicht veröffentlicht. Ihre e-Mail-Adresse wird selbstverständlich nicht mit veröffentlicht und nur im Falle von Rückfragen durch die Redaktion genutzt.
  • Schreiben Sie zur Sache.
  • Teilen Sie etwas Neues mit.
  • Nennen Sie Argumente.
  • Bitte keine Beleidigungen.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zurückzuweisen.
Texte können erst nach Freischaltung durch die Redaktion erscheinen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.