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Architektinnen im Beruf

Wenn Frauen nicht bauen

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Mehr Frauen als Männer absolvieren ein Architekturstudium. Doch im Beruf sind sie unterrepräsentiert. Woran liegt das? | Von Cornelia Dörries

Es ist seltsam: Obwohl an den Architekturfakultäten dieses Landes inzwischen mehr Frauen als Männer erfolgreich ein Studium absolvieren, ist der Beruf in der öffentlichen Wahrnehmung eine Männerdomäne geblieben. Von den Absolventinnen scheint ein großer Teil auf rätselhafte Art zu verschwinden: Mit einer Frauenquote von 27,2 Prozent ist der Architektenstand nicht gerade ein Vorbild in Sachen beruflicher Gleichberechtigung. Das gilt auch für die Selbstorganisation: Von den 16 Präsidentenstühlen in den Architektenkammern der Länder ist gerade mal einer von einer Frau besetzt – Barbara Ettinger-Brinckmann in Hessen (hier im Interview ). Nach einer Studie des Hommerich-Forschungsinstituts verdienen Architektinnen und Planerinnen im Schnitt 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Aber, so könnte jetzt der Einwand lauten, es gibt doch ganz viele, sogar international erfolgreiche Kolleginnen wie Hilde Léon, Regine Leibinger, Gesine Weinmiller und etliche mehr? Ja, stimmt.

Doch am Geschlechter-Missverhältnis im Architekturberuf ändern diese zweifellos beachtlichen Karrieren nichts. Und sie haben vermutlich auch nur wenig mit den Alltagserfahrungen von Irene Liese zu tun. Die junge Architektin aus Ludwigsburg führt seit 2005 ein kleines Ein-Frau-Büro mit dem Schwerpunkt Einfamilienhausbau. Sie entschied sich nach dem Ende ihres Studiums für den Schritt in die Selbstständigkeit – aus Gründen der Lebensplanung. „Ich hatte in vielen Büros erlebt, dass Architektinnen mit Kindern oft nur halbtags arbeiteten und weniger verantwortungsvolle Aufgaben bekamen. Viele junge Frauen entscheiden sich deshalb nach dem Entweder-oder-Prinzip. Ich wollte berufliche Verantwortung aber mit Familie vereinbaren. Und das ist nur mit einem eigenen Büro möglich“, sagt die 35-Jährige. Dieses eigene Büro ist derzeit noch ein Heimarbeitsplatz in der Ludwigsburger Wohnung, wo Irene Liese zusammen mit ihrem Mann und drei kleinen Kindern lebt. In solchen Zusammenhängen verschwinden die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Familie – sowohl zeitlich als auch räumlich. „Ich arbeite eigentlich immer, manchmal eben auch mit dem Kind auf dem Schoß.“

Was sich wie ein Sinnbild für die Doppelbelastung der berufstätigen Frau ausnimmt, ist für die Architektin jedoch kein Grund zur Klage, sondern schlichtweg die einzige Möglichkeit, ihren Tagesablauf selbstbestimmt und flexibel zu organisieren. Wenn Außentermine oder längere Besprechungen mit den Bauherren oder Handwerksfirmen anstehen, kann, nein, muss sie sich auf die Unterstützung durch Großmütter und Verwandte verlassen. Und es ist auch kein Zufall, dass ihre Bauherren allesamt Privatleute sind, die sich für Baustellentermine und Treffen mit der Architektin lieber dann Zeit nehmen, wenn sie selbst Feierabend haben. Und so hat Irene Liese zwar einen Arbeitsalltag, der keine festen Zeiten kennt, doch sie ist nicht unzufrieden. Denn anders geht es nicht.

Verguckt? Nein, kein Schlips zu sehen. Auf diesem Podium sitzen tatsächlich nur Frauen - und zwar auf der Jahrestagung der Architektinnen in der AK Baden-Württemberg

Am 13. Mai gehörte Irene Liese zu den knapp 120 Architektinnen und Planerinnen, die der Einladung zur landesweiten Tagung der Architektinnen Baden-Württemberg im Stuttgarter Haus der Architekten folgten. Die alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung, organisiert vom Arbeitskreis Architektinnen, ist für viele Teilnehmerinnen ein fester Termin – nicht etwa, weil hier frauenspezifische Themen diskutiert würden, sondern weil sie auf diesen Tagungen Kolleginnen treffen und kennenlernen können und Gelegenheit haben, sich über ihre berufliche Situation auszutauschen. Und sich ganz nebenbei vergewissern, dass nach dem Ende des Studiums doch noch ein paar übrig geblieben sind.

Dieses Jahr widmete sich die Tagung dem Wohnen der Zukunft. Eingeladen waren neben der Kölner Architektin Ute Piroeth und der Landschaftsplanerin Inge Kunath auch zwei fachfremde Referentinnen: die Soziologin Ulla Terlinden und die Schriftstellerin Sudabeh Mohafez. Sie alle umkreisten in ihren Vorträgen das Thema Wohnen, mal in Form von Zahlen und Fakten, mal in atmosphärischen, oft persönlich gehaltenen Schilderungen, illustriert mit Fotos, Plänen und Bildern. Ob es am Thema oder der Art der Vermittlung lag – jedes Referat zog eine lebendige Diskussion nach sich, Sitznachbarinnen kamen ohne viel Aufhebens miteinander ins Gespräch, der ganze Saal schien zu summen.

„Ich erlebe es oft, dass Frauen anders diskutieren, wenn sie unter sich sind. Nicht so zurückhaltend und defensiv, sondern offener und gelöster“, sagt Sarymah Abdul Rahman vom Arbeitskreis Architektinnen. Sie gehört zu den Organisatorinnen der Veranstaltung und ist beim 1989 gegründeten Arbeitskreis seit zwei Jahren dabei. Im Zentrum der regelmäßig stattfindenden Vorträge und Exkursionen stehen vor allem alltags- und berufspraktische Probleme von Frauen in Bauberufen. Die dominieren auch die Gespräche in der Mittagspause. Im Garten hat Irene Liese einen Platz am Tisch von Margrit Götz und Susanne Rath gefunden. Die beiden Architektinnen sind aus Tübingen angereist und wissen nur zu gut, was es heißt, als Frau in diesem Beruf bestehen zu wollen. „Mein Kind geht noch zur Schule“, erzählt Margrit Götz. „Ich gehe jeden Tag gegen zwölf Uhr vom Büro nach Hause, um zu kochen und die Hausaufgaben zu betreuen. Manchmal komme ich nicht vor 16 Uhr wieder zurück an den Schreibtisch. Entsprechend lang sind meine Arbeitstage.“ Die drei Frauen sind sich einig: Die äußeren Umstände, zumal in einem stockkonservativen Land wie Baden-Württemberg mit seinen, freundlich formuliert, defizitären Strukturen der vor- und außerschulischen Kinderbetreuung, sind für berufstätige Mütter eine Katastrophe.

Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder fasste die gesamte Problematik von Frau, Beruf und Familie einst unter dem Sammelbegriff „Gedöns“ zusammen, und so ähnlich empfindet die Ratinger Architektin und Bausachverständige Silke Plumanns die artige Genervtheit in den männlich dominierten Kammern, wenn es mal wieder um Frauen im Architektenberuf, die Unvereinbarkeit von Arbeit und Familie und andere Karrierehindernisse für Architektinnen geht. Plumanns empfindet ihre männlichen Kollegen in den Kammerausschüssen und Gremien alles andere als verständnisvoll oder gar solidarisch. Aber müsste nicht gerade die Standesvertretung sich auf allen Ebenen dafür einsetzen, die Lage der Architektinnen zu verbessern, damit der Zunft nicht weiterhin ein Viertel der Abschlussjahrgänge verloren geht? Plumanns winkt ab. Frauen sind in den Verbänden und den Gremien der Kammern häufig unterrepräsentiert, sodass frauenspezifische und soziale Themen selten thematisiert werden.

Sie ist deshalb in der Architektinnen-Initiative Nordrhein-Westfalen aktiv, einem 1991 gegründeten Zusammenschluss, der sich für die Belange von Planerinnen einsetzt und Aufmerksamkeit für die spezifischen Problemlagen von Frauen in Bauberufen schafft. Solche Netzwerke, zu denen neben der Architektinnen-Initiative in Nordrhein-Westfalen auch das Netzwerk PIA in Hamburg oder der Arbeitskreis Architektinnen in Baden-Württemberg zählen, bieten ihren Mitgliedern nicht nur die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch, zu beruflicher Kooperation oder Weiterbildung, sondern vor allem das Gefühl, nicht allein zu sein in einem von Männern beherrschten Berufsumfeld.

Denn auch Silke Plumanns erlebt, dass die meisten selbstständigen Architektinnen Einzelkämpferinnen sind, die Arbeit und Familie unter einen Hut bringen müssen und mit ihren kleinen Büros zwangsläufig nur die weniger lukrativen, aber beratungsintensiveren Kleinprojekte wie Dachge-schoss­ausbau, Einfamilienhäuser oder Wohnungsmodernisierung bearbeiten können.

„So kommt es auch, dass die Berufsvertretungen von den Kollegen geprägt werden, denen ein großes, gut gehendes Büro und geringe familiäre Verpflichtungen die berufliche Interessenvertretung ermöglichen. Und das prägt auch das Problembewusstsein und die thematische Ausrichtung der Kammern.“ Jüngst ging es um eine Satzungsänderung des Versorgungswerkes, die vor allem schlechter verdienende Architekten zu benachteiligen drohte. Als Plumanns gegen die geplante Änderung protestierte, empfand sie die Reaktion männlicher Kollegen als aggressiv. Gedöns eben.

Die Kölner Architektin Ute Piroeth im Gespräch mit Teilnehmerinnen der Stuttgarter Tagung.

Doch ist es jetzt nicht ein wenig überzogen, die Architektenkammern als letzte Refugien der männlichen Hegemonialherrschaft zu schmähen? Immerhin sitzen auch Frauen in den Gremien und Vorständen. Aber wie viele? Ohne Quote, davon ist die kämpferische Silke Plumanns überzeugt, ändert sich an den schiefen Verhältnissen und der daraus folgenden strategischen Ausrichtung in den Berufsvertretungen nichts. Über diese Frage denken auch die Frauen in Baden-Württemberg nach. Zwar fragt sich Sarymah Abdullah Rahman, die Mit-Organisatorin der Stuttgarter Jahrestagung, ob eine rechtlich festgeschriebene Frauenquote in den Kammern überhaupt realisierbar wäre. Doch auch sie findet es verwunderlich, dass es bei den berufsständischen Organisationen noch keine Untersuchungen über die Gründe gibt, weshalb sich so viele Absolventinnen gegen den Architekturberuf entscheiden und Frauen im ­Beruf auch im Jahr 2011 immer noch über fehlende Kindergartenplätze und die mangelnde Flexibilität am Arbeitsplatz klagen.

Die eingangs erwähnte Hommerich-Studie fand zudem heraus, dass von denen, die zum Zeitpunkt der Befragung „freiwillig“ auf die Ausübung des Architekturberufs verzichteten, 91 Prozent Frauen waren – hoch qualifizierte Planerinnen, die ein langes, kostspieliges Hochschulstudium absolviert haben. Das ist kein Gedöns. Sondern ein volkswirtschaftlicher Schadensfall.

Mehr über die Arbeit und die Ziele unabhängiger Architektinnen-Netzwerke finden Sie unter:

Berlin: www.n-ails.de

Hamburg: www.pia-net.de

NRW: www.architektinnen-initiative.de

Baden-Württemberg: www.architektinnen.akbw.de

Kommentare

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24 Gedanken zu “Wenn Frauen nicht bauen

  1. Der Artikel kommt mir gerade recht, Frau Dörries spricht mir aus der Seele. Ich hatte schon zu Studienzeiten mein erstes Kind und musste also schon das so zeitintensive Architekturstudium mit der Betreuung meines Sohnes vereinbaren.
    Nach dem (sehr guten) Abschluss fand ich sogar einen Halbtagsjob, sehe aber heute, dass dies der Einstieg in die Einfrau-Bürowelt mit Dachaufbauten und Kleinsanierungen war. Nach nunmehr 12 Jahren Berufserfahrung, wünsche ich mir verantwortungsvollere Aufgaben. Meine Kinder sind inzwischen soweit, dass ich mehr arbeiten könnte, jedoch ist meine Berufserfahrung zwangsläufig lückenhaft. Hier aufzuholen erweist sich als schwierig, weil Fortbildungen sehr kostenintensiv sind. Vom Arbeitsamt gibt es in meinem Fall kaum Unterstützung. Für Einarbeitungszeiten in Büros bin ich anscheinend nicht mehr jung genug, jedenfalls bin ich bis jetzt noch nicht auf ein Büro gestoßen, das meinen grandiosen Vorteil erkennt: Ich werde nicht mehr schwangerschaftsbedingt ausfallen, meine Arbeitszeiten und -leistungen können sich problemlos in den nächsten Jahren steigern.
    Ich würde mir wünschen, dass es mehr Fortbildungsangebote speziell für Wiedereinsteigerinnen bzw. “Halbtagsarchitektinnen” gäbe.

  2. Liebe Kolleginnen, endlich rührt sich mal etwas in unserer Berufstraegerschaft. Seit meinem ersten Praktikum in 1991 verfolge ich das Engagement von Frauen im Berufsleben als Architektin. Nach dem Studium an der TU Dresden, 3 Kindern und privater Neuorientierung arbeite ich seit nunmehr 8 Jahren in den Bereichen Architektur (Schwerpunkt: Bauleitung im Wohnbau), Film und Kunst. Letztes Jahr hatte ich zu meinem 40. Geburtstag meine erste Personalausstellung und ebenso letztes Jahr hat der MDR zum ersten Mal einen Film von mir angekauft. Was will ich damit sagen??? Erstens braucht man fuer Kinder den richtigen Mann – der mir leider erst vor 8 Jahren über den Weg gelaufen ist aber immerhin IST er mir über den Weg gelaufen! Zweitens braucht alles seine Zeit – beruflicher Erfolg fällt nicht vom Himmel, nur weil einem gerade danach ist. Drittens habe ich als Vorsitzende des Wahlkomitees vor ca. 2 Jahren bekannt geben dürfen, dass in der Architektenkammer Sachsen eine Frau zum Vize ernannt wurde – meine Freude darüber habe ich auch klar zum Ausdruck gebracht. Warum also larmoyant lamentieren? Die Sache sieht doch gut aus! Weiter handeln, weiter vernetzen, weiter miteinander reden – nur so geht es voran. http://www.naito.eu

  3. Was soll dieses ganze Gejammere? Wenn Frau so gut in Schule und Studium ist, warum schafft sie es dann nicht zur Architektin? Kann sie sich nicht durchsetzen?
    Selbst Schuld, das Leben ist nun mal hart.
    Vielleicht denkt Frau beim Arbeiten zu sehr ans Privat-telefonieren oder an die Raucherpause, oder ob ihr das Rosa Kleid auch steht…
    Es scheint, als würden harte Fakten, Kompetenz und Eier in der Hose im Bauwesen eher gebraucht als Soft Skills und die Fähigkeit, unliebsame Kollegen wegzumobben und sich hochzuschlafen….

  4. Ich habe mich in diesem Bericht wiedergefunden. Es ist mir im Studium schon klar gewesen, dass mit einer Selbstständigkeit zunächst von zu hause aus, die Kinderbetreueung am besten möglich ist. Anfangs war auch mein Umsatz nicht so groß, dass die Anmietung von Räumen und Personal denkbar gewesen wäre. Das ist der Unterschied zum Mann, der macht unter Umständen doch eher Schulden für eine Existenzgründung. Aber auch ich hatte Glück, dass mein Mann diese Entscheidungen und Entwicklungen unterstützt, vor allem seit der Job nicht mehr nur halbtags zu erledigen ist. Bei uns hat sich gezeigt eine plötzliche lebensbedrohende Erkrankung des Partners besser zu verkraften ist, wenn er sich nicht um die Zukunft der Familie sorgen muss, da auch die Frau ihren Beitrag leisten kann.
    Auch habe ich erfahren, je weniger Privates in die Erstgepräche kommt, um so leichter ist es einen Auftrag zu generieren. Schade nur dass dabei die Grundlage unsere Gesellschaft (Familie zu haben) unter den Tisch fällt. Inzwischen sind meine Töchter 15 und 17 Jahre alt und fangen an zu verstehen, wie wichtig der Job auch der Mutter ist. Erschreckend nur das im Freundeskreis der Töchter noch Jungen erzogen werden, die Meinungen haben, wie unsere Großeltern.
    Auf dem Bau ansich ist es immer noch für die Handwerker nicht normal mit Frauen in der Bauleitung klar zu kommen, mit geügend Selbstbewußtsein nach mehr als 20 Jahren Berufserfahrung schreckt mich fast nichts mehr. In verschiedenen Fachgremien auf örtlicher Ebene ist man doch immer mal die Quotenfrau. Meine Bauherrschaften sind aber auch oft weiblich und das macht dann richtig Spaß. Meine Praktikantinnen sind gerne bei mir und ich versuche ihnen den Schrecken Männerwelt zu nehmen.
    Es ist dringend Zeit weiter dieses Thema zu beleuchten, denn auch die männlichen Kollegen glauben noch nicht an unsere Fähigkeiten.

  5. Den Kommentar von Merzacker finde ich gelinde gesagt zum Erbrechen, und ich verstehe nicht, weshalb in der Einleitung zu den Kommentaren zwar steht, dass die Redaktion sich vorbehält, Kommentare zurückzuweisen, einen solchen Beitrag aber akzeptiert. Solange in der männlich dominierten Architektenwelt solche Meinungen kommentarlos hin genommen werden, wird sich auch wenig für die Frauen ändern.
    Kristine Bauer

  6. Anmerkung der Redaktion zu den Kommentaren von Merzacker und Bauer

    Wir haben selbst überlegt, ob wir den Kommentar von Merzacker freischalten sollten. Schließlich haben wir es getan, weil auch solche Ansichten nun mal existieren. Wenn wir sie unterdrücken, verschwinden sie nicht. Nur ihre Kenntnis macht es möglich, sich damit auseinanderzusetzen. Was ja Kristine Bauer jetzt getan hat.

    Roland Stimpel

  7. Mit mittlerweile 18-jähriger Berufserfahrung und nachdem das mit den Kindern nicht wie gewünscht geklappt hat, kann ich sagen: es liegt nicht nur an den Anderen, sondern auch an einem selbst. Bei vielen Frauen habe ich die Erfahrung gemacht, daß sie nach drei Jahren Berufstätigkeit, wenn der erste Frust eintritt, ganz gern in die Mutterrolle abtauchen und oft auch gar nicht planen, sofort nach dem Mutterschutz wieder anzufangen. Frauen gehen oft nicht so offensiv vor wie Männer und wollen sich mehr absichern. Natürlich hat mich die Zeit des “vielleicht kriege ich ja noch ein Kind” beruflich gehemmt. Aber die Unmöglichkeit, mich in dieser Situation in ein neues Angestelltenverhältnis zu bewerben hat mir den Mut gegeben, es mal mit der Selbstständigkeit zu versuchen. Nach sechs Jahren des “Ein-Frau-Büros” mit freier Mitarbeit bei anderen und auch einigen eigenen Projekten bin ich wieder in´s Angestellten-Verhältnis zurück gegangen, da ich keine Einzel-kämpferin sondern ein Team-Player bin. Hier bin ich seit nunmehr vier Jahren sehr glücklich. Die Projektgröße war dabei nicht so entscheidend. Ich bin gleich bei einem großen Behördenbau in der Ausführungsplanung eingestiegen. Bei den Planungsrunden sitze ich jedoch nach wie vor als einzige Frau dabei. Es ist also nicht nur ein reines Architektenproblem – sondern nach wie vor ein gesellschaftliches. Wir können nur den jungen Kolleginnen den Mut geben, ihren eigenen Weg zu gehen. Bei Frauen ist er oft eben etwas geschwungener…

  8. Dieser Artikel beschreibt meines Erachtens die Realität einer Architektin mit Familie: es ist meine Realität seit 30 Jahren.
    Darum ist es wichtig, wenn wir Architektinnen, auch Architektinnen mit Familien, weiter daran arbeiten, die momentanen beruflichen Gegebenheiten so zu ändern, dass wir unsere Qualifikationen und Kompetenzen leben und nutzen dürfen.
    Es muss selbstverständlich werden, sowohl für unsere Kollegen und besonders für uns, dass Familie und Beruf ohne Abstriche auch in unserem Beruf vereinbar sind.
    Dafür müssen wir uns an der Kammerarbeit stärker beteiligen und weiterhin für unsere Belange eintreten.

  9. Sehr geehrte Damen und Herren,

    die beiden Artikel “Wenn Frauen nicht bauen” und “Ein Konflikt wird bleiben” zeigen für mich sehr deutlich, in welchem Spannungsfeld sich Frauen als Architektinnen bewegen.
    Meine beruflichenErfahrungen waren, daß es in der Architekur und Innenarchitektur kaum Halbtagsstellen gibt, die wenn- mit Sonderkonditionen verbunden sind.
    Ich habe großes Interesse an einem Informationsaustausch zu den Themen: Wiedereinstieg, verwandte Berufsfelder und Fortbildungsmöglichkeiten.

    Mit ferundlichen Grüßen,
    Geva Hector

  10. Ich bin freischaffende Architektin geworden, wegen Selbstausbeutung (aus Liebe zum Beruf) in Büros ohne Perspektive auf Festanstellung sowie mäßige Vergütung.

    Freischaffende Architektin zu sein bedeutete für mich (wie blauäugig!!!):
    - Selbstbestimmtheit
    - abwechslungsreiche, verantwortungsvolle Arbeit
    - flexible Organisation der alltäglichen Dinge in Familie (2 Kinder) und Haushalt

    Meine Realität nach 10 Jahren Selbständigkeit und Einzelkämpfertum in einer Kleinstadt sieht so aus:
    - Leistungen als Architektin werden im Umfeld kaum wahrgenommen (keine optische Präsenz des Büros und der Bauprojekte)
    - Männer entscheiden und bestimmen Baugeschehen
    - jede Menge Bauträgerhäuser, Eigenleistler, Pseudofachleute … und männliche Architekten
    - zeitintensive Wettbewerbe, Öffentlichkeitsarbeit und ehrenamtliches Engagement
    - Erkenntnis, dass man Aufträge über Stammtisch und Schützenvereine etc. bekommt und nicht über Leistung
    - HOAI mit Aufschlägen bei privaten Bauherren kaum zu vermitteln
    - das Honorarangebot entscheidet, ob man selbst oder der Kollege den Auftrag bekommt
    - nur beratungs- und betreuungsintensive Kleinaufträge, wenn überhaupt
    - das Gefühl, immer mindestens 150 % leisten zu müssen (man muss ja besser sein?!)
    - unwirtschaftliches Arbeiten (selbst wenn man nach HOAI arbeitet), da durch wenig Praxis häufig die Routine fehlt und das Wissen, die Gesetze und Verordnungen nur eine kurze Halbwertzeit haben
    - keine Wertschätzung und Unterstützung durch männliche Architekturkollegen
    - als Kollegin wird man nur gefragt, wenn Mann sich dadurch einen Vorteil erhofft (z.B. bei Wettbewerben, CAD-Zeichnerin)
    - teure Fortbildungen und kurzlebige Software, die man nicht einsetzen kann
    - Fixkosten ohne Einnahmen
    - aus Freude und Leidenschaft am Beruf wird Dauerfrustration
    - kaum noch eine Chance in anderen Büros mit Anfang 50
    - Gefahr von Altersarmut

    Wenn das nicht echte „Leidenschaft“ ist? – Ohne Unterstützung meines Partners hätte ich schon längst aufgeben müssen.

    In den Köpfen der Gesellschaft muss sich noch viel ändern. Einerseits sind die Kammern und Verbände verstärkt gefordert, die Qualitäten und Leistungen der Architektinnen in der Öffentlichkeit zu kommunizieren und sich verstärkt mit frauenspezifischen Aspekten auseinandersetzen. Andererseits würde meines Erachtens eine verbindliche, nicht verhandelbare HOAI vielen selbständigen Architektinnen, aber auch Architekten in Kleinbüros zu einem besseren wirtschaftlichen Auskommen verhelfen.

  11. Dieser Artikel spiegelt genau meine Realität als 37 jährige Architektin mit 2 kleinen Kindern wieder.

    Ich zahle dafür “arbeiten zu dürfen”, indem ich privat Betreuung für meine Kinder organisiere und jedes noch so kleines Angebote annehme mich unterstützen zu lassen. Dieses ist sehr zeit- und kostenintensiv.
    Von öffentlicher Seite werden maximal 6 Stunden täglich als regelmäßige und günstige Kinderbetreuung angeboten, was zu wenig ist.

    Von meinem unsicheren Einkommen bleibt dadurch nur wenig übrig. Alleinerziehend könnte ich dieses Arbeitesmodell aus wirtschaftlichen Gründen nicht durchführen!!

    Für Kammerarbeit bleibt dabei keine Zeit und auch das Fortbildungsangebot der AKH ist mit dem Standort Wiesbaden viel zu weit für mich entfernt. Dieses habe ich der Kammer schon ehrfach kommuniziert, jedoch immer nur abschlägige Antworten erhalten: dezentrale Fortbildungen seinen zu teuer.
    Ich nehme nur noch Fortbildungen von Anbietern in meiner Nähe in Anspruch.

    Es ist traurig zu sehen, wie das Potential der ArchitektInnen mit Kindern von öffentlicher Seite so wenig gefördert wird.
    Kinder sind offensichtlich ein Privatvergnügen und meine Berufstätigkeit muss ich als Mutter teuer erkaufen.

    Dagmar Zinn, Grebenheim

  12. Ich freue mich, endlich, endlich mal einen Artikel aus Frauensicht im Architektenblatt zu lesen. Ich war immer vollzeit dabei, hab aber auch nicht gebaut. Nach dem Studium 1985 fand ich keinen Platz in einem freien Büro, sondern bin seit dem im öffentlichen Dienst. Auch Männerdomäne. 1995 noch die erste Ingenieurin im Bezirk eines Bauamtes. Ein Klima wie im Bauwagen, Pizza aus dem Karton. Heute hab ich mich eingearbeitet, mit Überblick und Respekt verschafft. Aber da ich mich ja nicht für Brandschutz interessiere, werden die Sonderbaustellen an neu dazu gekommene jüngere Männer vergeben, auch mal eben ohne Ausschreibung. In 16 Jahren nicht weiter gekommen. Nur gelernt, dass Fachkompetenz nicht alles ist.

    Jetzt habe ich eine top aktuelle Zusatzqualifikation im Barrierefreien Bauen erworben, und seit 1 Jahr hole ich mir eine Absage nach der anderen. Nachhaltig bauen interessiert im öffentlichen Dienst scheinbar niemand.

    Zwei halbe Sachbearbeiterinnen leisten zusammen 33 % mehr als 1 Vollzeitkraft! Wo ist das Geld??? Und das unter den bereits beschriebenen Bedingungen. Kein Lärmschutz, Sachbearbeitung und Beratung zu zweit in 1 Zimmer, ständige Hetze und Zeitdruck, Stellen, die 1 Jahr nicht besetzt werden.

    Jetzt will ich Amtsleiterin werden, um einiges besser zu machen.

  13. Endlich wird der Focus im Architektenblatt mal auf den Alltag der Architekten und speziell der Architektinnen vor Ort gerichtet. Seit Jahren habe ich den Eindruck, wir sind alle Stararchitekten die nur zwei Probleme haben: wie baue ich in China oder Singapur und wo bekomme ich gutes Personal her? Inzwischen gibt es sogar die Fortbildung zum Wettbewerbsrichter: scheint auch so ein drängendes Problem zu sein.
    Ich arbeite – wie meine Kolleginnen vorher für sich beschrieben haben- als 1-Frau-Büro und ich kann es mir für mich nicht anders vorstellen. Ich konnte die Familienzeit und das Arbeiten unter einen Hut bringen. Allerdings zu welchem Preis: Der Streß, mit zwei Kindern im Kindergartenalter einen Wettbewerb zu machen, hat mir vor Jahren trotz Oma-Einsatzes nachhaltige Herzprobleme berschert. Ohne zwischenzeitlichen freie Mitarbeit mit dortigem Einstieg in die CAD-Ära wäre ich an der Reisschiene hängen geblieben. Das teure CAD-Programm ging nur, weil ich einen Ehemann habe, der mich mitfinanziert. Fazit: Ohne persönlich immensen Einsatz und eisernen Willen, einer Portion Selbstbewusstsein und einer Familie die unterstützt ist das Arbeiten als Architektin mit Familie denkbar schwierig. Dazu kommt tatsächlich das schlechte Gewissen männlichen Kollegen vor Ort, die von ihrer Arbeit mehr schlecht als recht ihre Familie ernähren die Arbeit wegzunehmen. Ich bin aus diesem Grund schon von einem Auftrag zurückgetreten. Die Aufträge kommen durch Empfehlung, ich verkneife mir jede Werbung. Wie bei allen Architekten in der Kleinstadt ist es oft zuviel und manchmal auch zu wenig Arbeit. Die Gründung eines Netzwerkes, das von mir zum Ausgleich solcher Zeiten initiiert wurde, wurde von den männlichen Kollegen boykottiert.
    @ Herr Merzacker: meine Bauleitungserfahrung zeigt, dass rumschreiende Machos, wie sie offensichtlich einer sind, keineswegs gut ankommen. Es geht auch mit exakter Vorbereitung, guter Planung, Fingerspitzengefühl und Wissen. Schade, dass Männer wie sie unseren Berufsstand immer wieder in Verruf bringen. Vielleicht denken sie mal drüber nach ;)

    Christine Uhl, Moos-Banholzen

  14. Dieser Artikel und die Kommentare zeigen überdeutlich, dass das Kernthema des anhaltenden Missverhältnisses der Geschlechter in Architekturbüros die Un-Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist. Ich hoffe, dass dieser Artikel Anstoß für eine ernsthaft geführte Auseinandersetzung bei Architektinnen und Architekten gibt. Ohne eine offene Auseinandersetzung ändert sich nichts.
    In vielen Branchen ist eine Vereinbarkeit mittlerweile möglich, insbesondere, dank des politischen Willens, bei der öffentlichen Hand, aber in der Baubranche geht es immer noch zu wie im Mittelalter. Letztendlich geht es auch nicht um Frauen sondern um die Kinder und deren Betreuung. Beim Versuch der Umsetzung einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden die Betroffenen in vielen Punkten von der Gesellschaft alleine gelassen, sind durch Beruf, Kinder und Haushalt überlastet und werden zudem oft nur belächelt. Auch kommt es leider immer noch vor das Frauen Probleme bei der Suche nach Arbeit haben und aufgrund einer Schwangerschaft oder wegen der Kinder, und der Angst vor erhöhten Ausfallzeiten, gekündigt werden. Und Teilzeitangebote sind in Architekturbüros noch eine Seltenheit. Gäbe es mehr Männer die ihr „Familienunternehmen“ hauptverantwortlich leiten wollten, erginge es ihnen genauso und das Thema würde nicht so einseitig und überwiegend von Frauen diskutiert.

    Der Versuch sich über die Selbstständigkeit einen flexiblen Alltag zu schaffen ist nahe liegend und mag auch funktionieren, der Aufbau eines erfolgreichen Architekturbüros ist aber eher unwahrscheinlich. Gerade die Selbstständigkeit erfordert ein erhöhtes Maß an Zeit- und Arbeitsaufwand und ist ohne eine unterstützende Organisationsstruktur, im Alltag und Berufsleben, nicht möglich, wie im vorherigen Kommentar sehr deutlich und realitätsnah beschrieben. Man/frau braucht ein geeignetes Arbeitsumfeld mit kooperativen Partnern, Kinderbetreuung und Haushaltshilfen. Der demografische Wandel ist ein Ausdruck der unzureichenden Rahmenbedinungen, wenn sich hier nichts ändert ist und bleibt Deutschland ganz hinten bei der Geburtenrate.

    Die Komplexität des Problems zeigt auch das der berufliche Erfolg nicht in erster Linie eine Frage von fachlicher Qualifikation ist, gute Absolventinnen gibt es genug, sondern von Akzeptanz, Gleichberechtigung und dem Willen Strukturen in der Arbeitswelt zu schaffen die es allen Teilen der Gesellschaft ermöglicht ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Es geht man/frau, muss es nur wollen, zu sehen z.B. in den nordischen Ländern.
    Ganz unabhängig von den wirtschaftlichen Aspekten produzieren neue Strukturen neue Inhalte und stellen darüber hinaus eine Bereicherung der Baukultur dar, ein weiterer wesentlicher Aspekt des Missverhältnisses ………….

    Elke Duda, Architektin und Mitglied bei n-ails.de – Berlin

  15. Seit 2000 haben mein Mann und ich das Architekturbüro seines Vaters übernommen.
    Unsere beiden Väter hatten ein Architekturbüro, somit hatten wir in jungen Jahren die Möglichkeit, Einblick in den Architektenberuf zu erhalten. Diese Tatsache hat uns beide dennoch nicht abgeschreckt und wir sind dann auch Architekten geworden.
    Wir haben beide erlebt und erleben es noch, wie schwierig eine Selbstständigkeit sein kann. Die Konkurenz durch Bauträger, etc. ist groß und als Einzelkämpfer oder kleines Architekturbüro, ist es wie bereits geschildert, nur mit sehr großem persönlichen Einsatz möglich ein Architekturbüro zu führen.
    Das so viele Frauen nach kurzer Zeit dem Beruf den Rücken kehren mag sicher auch daran liegen, das im Studium nicht ausreichend auf diesen Beruf vorbereitet wird. Entwurfsarbeit oder Kunstgeschichte stehen im Vordergrund. Ich habe während meiner Studienzeit (Fachhochschule) wenig über Ausführungsplanung, Detailarbeit, Ausschreibungen und Bauleitung erfahren (hat sich das mittlerweile geändert?) diese Tätigkeiten nehmen in meinem Berufsalltag die überwiegende Zeit ein. Vielleicht wären auch Praktika auf Baustellen wie zu Zeiten meines Vaters wieder sinnvoll?
    Ob Frau oder Mann; Jeder der nach dem Studium den Beruf nicht ausübt ist ein volkswirtschaftlicher Schaden.

  16. So einiges aus dem Artikel von Frau Dörries kommt mir sehr bekannt vor und die Kommentare von Gabriele T und Dagmar Zinn sprechen mir wirklich aus dem Herzen.

    Darüberhinaus finde ich insbesondere das Wettbewerbswesen nicht sehr frauenfreundlich bzw. “kleine Büros-freundlich”. Die Wettbewerbe – auch Ideen-Wettbewerbe- sind fast nur noch mit vorgeschaltetem, oft aufwändigem Bewerbungsverfahren möglich, die Bedingungen können meistens nur von großen und mehrfach bei Großprojekten erfolgreichen Büros erfüllt werden. Aber auch für kleine Büros (viele Frauen mit Kindern arbeiten zwecks Zeiteinteilung eben allein oder in sehr kleinen Büroeinheiten) sollten doch Wettbewerbe eine Chance sein, neue Aufträge zu erhalten. Zur Zeit aber werden kleine Büros durch die Bewerbungsbedingungen quasi von der Teilnahme an Wettbewerben ausgeschlossen. Ich finde, daß die Kammern sich hier für ein offeneres, gleichberechtigteres Wettbewerbswesen einsetzen müssen.
    Viele Grüße aus Aachen
    Ingrid Henriksen, Dipl.-Ing. Landschaftsplanung/ Landschaftsarchitektin

  17. Seit 13 Jahren Berufstätigkeit habe ich mit großer Freude beide Artikel gelesen. Zwei Dinge fallen mir auf: a. ich bin nicht alleine mit der gleichen Situation b. es traut sich endlich jemand wieder über dieses Thema zu sprechen und zu schreiben!

    Beim Lesen der Kommentare fällt mir immer wieder auf, daß wir uns für unsere Situation oft entschuldigen und es als Gegeben hinnehmen anstatt bessere Bedingungen – auch und gerade von der Standesvertretung – zu fordern. Wer (außer dem Einzelnen im beschränkten Rahmen) – wenn nicht diese – hat die Möglichkeit die Förderung von Absolventinnen/ Familienfreundlichkeit/ Versorgung etc. zum Thema zu machen?

    Ähnliche mittelalterliche Einstellungen wie die des Herrn Merzacker zeigen doch, daß solche Meinungen leider immer noch Realität sind. Ich hoffe sehr, daß er in 72,8% der männlichen Architektenkammermitgliedern eine Minderheit darstellt.

    Es bleibt die Frage “Heute schon eine Architektin gesehen?”

    Kristina Hoffmann, DI Architektin, Weimar

  18. Bei meinem Berufseinstieg vor 17 Jahren war ich in Köln über eine Einrichtung sehr froh: Die Architektinnen Initiative der Architektenkammer NRW. Da hatten alle Merzackers kurzum keinen Zutritt. Da wurden sachliche und kompetente Fortbildungen von und für Frauen abgehalten. Zu meiner großen Enttäuschung gab es bei der Umsiedlung nach Hessen eine solche Initiative nicht. Den Geist davon bekam ich aber gleich zu spüren: Ich wurde in einem reinen Männerbüro (außer der Sekretärin und der Bauzeichnerin war das Büro männlich) mit den Worten begrüßt: “Seit wann werden hier denn Frauen eingestellt, das hat`s ja noch nie gegeben. Das ist nicht gut.” In den Jahren meiner Mitarbeit habe ich diese Einstellung zu spüren bekommen. Trotz großen Lobs für meine Leistung, endete all mein Einsatz in der Beendigung meines zweiten befristeten Vertrages: Diese Männer denken wie Merzacker und wollen vor allem eines nicht:
    Den hart umkämpften Markt teilen!

    Darum rufe ich die Kolleginnen zu mehr Zusammenhalt untereinander auf!!! Loyalität unter Frauen ist hier gefragt.

    “Heute schon eine Architektin gesehen?”

    Vielen Dank für den Artikel, er beschreibt auch meine Berufsrealität.

    Silke T.Schmidt, Innenarchitektin – Architektur , Nidderau

  19. Liebe Kolleginnen
    Wie so viele, finde auch ich mich und meine Situation in dem Artikel wieder.
    Ich hatte das Glück, meine ersten Architekten-Arbeitsjahre bei einem sehr verständigen Büroinhaber ausleben zu können. Nach den ersten beiden Kindern konnte ich bei ziemlich selbst bestimmter Zeiteinteilung weiterhin halbtags in dem Büro tätig sein (1000 Dank nachträglich an Bernd Rave aus Norderstedt!!!!). Nach dem 3. dann ging es dann (auf eigenen Wunsch – weil irgendwie immer etwas Unvorhergesehenes mit 3 kleinen Gören passiert) zu Hause weiter in der im Bericht beschriebenen Weise mit jämmerlichen Aufträgen zu noch jämmerlicheren Konditionen dahin schuften.

    Erst die Spezialisierung zum Energieberater und – was von entscheidender Bedeutung ist – der ZUSAMMENSCHLUSS mit mehreren Kollegen -innen – brachte einen Durchbruch.
    Also : warum als Einzelkämpferin jaulend von Wintergarten über Kuhstall zur Nutzungsänderung schlurfen???
    Nur gemeinsam können solche Probleme aufgefangen werden. Tun sich 3 Frauen mit kleinen Kindern zusammen, kann eventuell eine gemeinsame Nanny bezahlt werden und ein Büro rund um die Uhr geführt werden. Man sollte vom Einzelkämpfer/Konkurentinnen-Denken abrücken und versuchen, sich gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.

    Sylvia Fabritz, Architektin und Energieberaterin

  20. Liebe Kolleginnen Architektinnen,

    ich bin selbständige Bauingenieurin und mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Was mich vor allem ärgert, ist die Abwertung sogenannter kleiner Aufgaben, wie eben Dachaufbauten und Kellersanierungen. Hier bauen oft Leute wie wir, oft Familien mit Kindern, deren Auftrag doch genau derselben Sorgfalt bedarf, wie eine Brücke über den Rhein oder ein teurer Konzertsaal. Wenn man nicht solche dicken (apropos dick, siehe Kommentar Merzacker….) Umsätze macht, ist man/frau ein Nix und Niemand. Leider kann frau von Dachaufbauten alleine nicht leben und da haben wir unser Dilemma.
    Ich bin seit kurzem in den Vorstand einer Ingenieurkammer gewählt worden und hoffe, auf diesem Weg etwas zur Verbesserung der Situation beitragen zu können.

    Uta Kummer

  21. Ich bin seit nunmehr 22 im Beruf und mittlerweile ich Leiterin eines Amtes in der öffentlichen Verwaltung Meine Kinder sind trotzdem gut versorgt aber wie in jede Beruf ist man auf ein gutes Netzwerk im Privatleben angewiesen. Wahrscheinlich habe ich auch viel Glück gehabt, aber ich kann jungen Frauen nur empfehlen sich auf sich selbst zu verlassen und nicht zu erwarten, dass andere für sie die Halbtagswiedereinsteigerstellen schaffen und immer.

    Wenn man sich entscheidet einen solchen Beruf zu ergreifen ist man, egal ob Mann oder Frau verpflichtet, sich fortzubilden und technisch auf dem neusten Stand zu sein. Will man an interessanten Projekten mitarbeiten geht das nicht mit 4 Stunden am Tag, die Baustelle wartet nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Arbeitnehmer, die sich engagieren, auch bei Schwierigkeiten im Privaten nicht hängen gelassen werden. Aber auch hier gilt Leistung gegen Leistung, nur mit einer Erwartungshaltung kommt man hier nicht weiter.

    Noch einen Satz zum Ende: Noch sind wir Frauen diejenigen, die die Kinder erziehen, also machen wir sie, Junge wie Mädchen, zu partnerschaftlichen, starken Persönlichkeiten, die einander respektieren und ziehen uns nicht auf unsere sogenannte Geschlechterrolle zurück. Dann wird es vielleicht leichter in der Zukunft.

  22. Ich arbeite nun seit einigen Jahren als Architekt in Schweden.
    Die Gleichberechtigung im Beruf hat viel mit einer guten Kinderbetreuung zu tun und mit der Einstellung der Gesellschaft und er Chefs zur Teilzeitarbeit.
    In Schweden kann auf Zuruf kurzfristig die Arbeitszeit gewählt werden, das ergibt maximale Flexibilität – nicht nur für die Frauen sondern auch für die Männer mit Kindern.
    Wird ein Kind unter 12 Jahren krank ist es kein Problem (wirklich kein Problem), dass wahlweise Mutter oder Vater zu Hause bleiben, bei ca. 75% Lohnausgleich durch die Krankenkasse. Bis zu 80 Arbeitstagen kann man ohne Probleme pro Kind und Jahr zu Hause sein.

    Wir bei Sweco Architects (500 Architekt/innen und 4200 Ingenieure) haben überwiegend weibliche Chefs die auch alle Kinder haben.
    VD ist ein Frau, Niederlassungsleiter sind überwiegend Frauen und bei den Studioleitungen (ein Studio hat ca. 10-15 Architekten) gibt es fast nur Frauen.

    Von den 8 Studios in Stockholm sind nur 2 von Männern geleitet.

    Also auf nach Schweden und zu Sweco. Je weiter nördlich Ihr ziehen wollt desto fantastischer ist die Natur und desto dringender werden Architekten/innen gesucht.

    Mit Englisch kann man sich bewerben, will man in Schweden arbeiten dann muss man Schwedisch lernen, ist aber zu schaffen.
    Aber Sweco arbeitet auch in 20 anderen Ländern.

    Ihr dürft mir gerne schreiben und fragen.

    thomas.greindl@sweco.se

  23. Beim ARCHITEKTENWETTBEWERBEN findet nach meiner Beobachtung tatsächlich bei mehreren Punkten eine Benachteiligung von Frauen (bzw. Männern mit Kindern) statt:

    - beim Bewerbungsverfahren werden junge Architekten oft bis ca. 8 Jahren nach dem Diplom bevorzugt behandelt. Wenn in dieser Phase die Kinder kommen, kommt man nicht in den Genuss dieser Bevorzugung und hat aber nicht genug Referenzen für die “alten Architekten”. Das trifft junge selbständige Frauen ziemlich stark.

    - Die Bearbeitungsphasen sind zu kurz bemessen, so dass die Wettbewerbe nicht in Teilzeit zu leisten sind.

    - Es gibt keine kleinen Wettbewerbe.

    Vera Baumbusch-Ober, Architektin, Herrenberg

  24. Den Kommentar von Herrn Merzacker finde ich sehr interressant. Hier wird der Weg beschrieben wie Frauen in einer männerdominierten Welt Karriere machen können! Willkommen im real existierenden Parallel-Universum der Männer. Ich wurde auch einmal als Freelancer eingekauft um dort mein Speziagebiet einzubringen und wurde den Kollegen vorgestellt mit der Bemerkung: “Dies ist Frau X. Sie wird hier die weibliche Note einbringen”. Nach 3 Monaten habe ich dann lieber gekündigt.
    Aber Spaß beiseite!
    Der Grund warum Frauen nicht mehr im Beruf arbeiten ist der Verdienst, nicht die Kinder. Mit ausreichendem Gehalt/Honorar läßt sich eine Kinderbetreuung/Haushalts-hilfe organisieren. Wenn man allerdings einen um 30% geringeren Verdienste als ein Mann hat, macht Arbeiten oft rechnerisch keinen Sinn mehr.
    Und 30% von was? Der Durchschnittsverdienst bei (angestellten) Architekten betägt ca. 2.500,- €. Wenn davon 30% abgehen, reicht dies weder für eine Frau mit Kindern, noch für eine Frau ohne Kinder zum Leben aus (Betriebswirtschaftlich wird der Ehemann als Sponsor nicht berücksichtigt!).
    Auch rechtfertigen Gehälter in dieser Höhe kein Abitur/Studium von ca. 10 Jahren. Verdienstausfall und Rentenbeiträge aus diesem Zeitraum müssen später durch entsprechendes Gehalt/Honorar wieder herausgeholt werden!
    Mir wurde vor Kurzem ein Stundensatz (selbstständige Arbeit, also abzgl. Sozialkosten, Steuern, Bürokosten, Fahrtkosten, etc.!) für Einbringung von Spezialkenntnissen von 25,-€ Brutto /Stunde geboten, mit der Bemerkung, daß man nicht mehr zahlen könnte, weil das Projekt finanziell nicht mehr hergibt. Ich habe dankend abgelehnt – mein Klempner/Maler/Schreiner/ Hausmeister verdient mehr. Selbst Schwarz-Putzen ist einträglicher.
    Der Markt regelt die Gehaltshöhen: viele Architekten – wenige Stellenangebote/Aufträge – so sieht es heute aus! Junge Architekten sind natürlich gesucht, weil billig und willig und mit den neusten Computerkenntnissen. Der Großteil der Stellenangebote besteht inzwischen sowieso größtenteils aus Gesuchen nach Praktikanten – die gibt es billig oder umsonst (für die “Ehre” daß sie in einem so “tollen” Büro arbeiten dürfen, arbeiten die wie die Doofen. Für die vielen Fehler bezahlt der Bauherr dann mehr oder weniger unbemerkt das Lehrgeld). Und von befristeten Verträgen oder Wettbewerben kann man auch nicht jahrelang leben – gleich ob mit oder ohne Kind.
    Ich habe selbst jahrzehntelang (kinderlos) angestellt und in meinem eigenen kleinen Büro gearbeitet und auch mit Großprojekten einen ganze Zeit lang gut verdient. Mit kleinen Dach-oder Wohnungsbauten wäre es mir nicht möglich gewesen zu überleben.
    Sich unter Wert zu verkaufen und davon nicht leben zu können – ob mit oder ohne Kind, oder gesponsert vom Ehemann – ist unrealistisch. Betriebswirtschaftlichkeit ist aber ein Muß, Arbeit muß sich rechnen. Leider ist Betriebswirtschaft kein Unterrichtsfach auf Universitäten – Man kann sich ja immer noch einen kreativen Elfenbeinturm bauen.
    Nicht nur Mütter, sondern auch ältere Kolleg/innen haben es besonders schwer, da die Computerkenntnisse naturgemäß geringer sind und Büros keine Fortbildung mehr leisten. Dies trifft auch Architekten, die in Büros mit stark veralteter Software arbeiten. Bei Anforderungen von Computerkenntnissen wird inzwischen in den Großbüros stark aufgerüstet: Kenntnisse in teuren Grafikprogrammen wie Indesign, Photoshop, oder 3D-Profiprogramme (Maja, 3Ds Max, Cinema 4D etc.) oder AVA-Kenntnisse werden gefordert, von denen viele kleine Büros noch nie etwas gehört haben. Ein Stellenwechsel aus einem kleinen Büro in ein größeres wird damit so gut wie unmöglich. Und aufgrund der Architektenschwemme ist genug Auswahl an kenntnisreichen Junioren da.
    Warum Frauen nicht mehr als Architektin arbeiten? Ich habe Frauen im Architektenberuf immer als sehr effizient, effektiv, kompetent und einfallsreich erlebt. Ganz besonders Frauen mit Kindern. Und ja Sie bringen auch eine sozial andere Sicht der Dinge in die Gesellschaft ein. Generell finde ich es vernünftig, daß man einen Beruf aufgibt, wenn man damit nicht genug verdient und sich zu etwas anderem umschulen läßt. Wer will schon in Schönheit sterben?
    Aber schade ist es schon – welch ein Verlust für die Gesellschaft.

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