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Energie-Ästhetik

Vom Plumpsklo zur Fotovoltaik

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Grüne Politiker begannen im Strickpulli, erste Öko-Häuser wirkten ähnlich. Nach 30 Jahren sind beide in der Mitte der Gesellschaft angekommen | Von Cornelia Dörries

Bewusst anders: Die ersten Grünen-Abgeordneten im Bonner Bundestag.

Als die ersten Abgeordneten der Grünen im Jahr 1983 in den Bundestag einzogen und in selbst gestrickten Pullovern vor eingetopften Sonnenblumen Platz nahmen, hatten die Kammgarnträger der etablierten Parteien bestenfalls ein abschätziges Lächeln übrig. Als Politiker wollten sie die langhaarigen, bärtigen Bäume-Umarmer und Atomkraftgegner jedenfalls gar nicht erst ernst nehmen. Richtige Parlamentarier sahen nämlich anders aus. Etwa zur selben Zeit entstanden in Deutschland neben den gepflegten Einfamilienhaussiedlungen auch Bauten, die so ähnlich wie die ersten Grünen im Parlament wahrgenommen wurden: als ein etwas absonderliches Zeitgeistphänomen, aber nicht als richtige Häuser.

Es waren Gebäude mit begrünten Dächern und Fassaden, großen Regenwasserzisternen, Kompost-Klos ohne Wasserspülung, im Inneren mit unbehandeltem Holz, Korkböden und Sisalteppichen ausgestattet. Ihre Bewohner waren Leute, die das Umfeld auf magnetische Störfelder untersuchen ließen und ihre Kinder in Waldorfschulen schickten. Und wie bei den Grünen hätte damals wohl niemand damit gerechnet, dass diese Gebäude, oder besser gesagt, die Ideen dahinter, binnen weniger Jahre zum breiten gesellschaftlichen Konsens reifen und Gesetze prägen würden.

Bewusst anders: Das Öko-Wohnhaus von Martin Küenzlen in der Berliner Corneliusstraße setzte sich mit seiner Architektur ebenso vom Gewohnten ab wie die alternativen Politiker.

Heute lächelt niemand mehr über nachhaltige Häuser und Grünen-Politiker. Beide können, was ihre Akzeptanz und Wertschätzung angeht, gewissermaßen auf eine Parallelkarriere zurückblicken, die von den Rändern des Skurrilen geradewegs in die viel beschworene Mitte der Gesellschaft führte.

Die ersten Projekte des nachhaltigen Bauens in der Bundesrepublik standen für eine entschiedene Abkehr von einer modernen, technisch hochgerüsteten Architektur, die sich mit ihrer Umwelt nur noch über eine energieaufwendige Verteidigungshaltung in Beziehung setzte: Den Sommer hielt man mit Klimaanlage und Sonnenschutz außen vor, der Winter war ein Fall für die Zentralheizung, und als Natur waren nicht mehr als ein paar Meter unkrautfreies Abstandsgrün vorgesehen. Die frühen Öko-Architekten hingegen strebten nach einer Bauweise, die sich den Kreisläufen der Natur wieder öffnete und die Häuser als Teil einer komplexen Umwelt verstand. Das Gebäude sollte im Einklang mit der Natur entwickelt werden und wie ein lebendiger Organismus funktionieren, mit geschlossenen Energie- und Stoffkreisläufen und größtmöglicher Unabhängigkeit von den herkömmlichen Versorgungssystemen. Zu diesem Ansatz gehörte neben der Verwendung einfacher, natürlicher Materialien wie Holz und Lehm auch der Verzicht auf den Komfort von Zentralheizung und Spültoiletten. Als großes Vorbild der deutschen Öko-Baumeister diente das 1977 errichtete „Naturhuset“ in Saltsjöbaden nahe Stockholm. Es war eine von Bengt Warne entworfene Hybridkonstruktion aus Holz und Glas, die nicht von ungefähr an ein Gewächshaus erinnerte und ein geradezu paradiesisches Miteinander von Bewohnern, Tieren und den zur Selbstversorgung angebauten Nutzpflanzen beherbergte. In den Achtzigerjahren war das Naturhuset ein Wallfahrtsort für viele, die nach neuen, ökologischen Möglichkeiten des Häuserbauens suchten.

Zurück zur Natur

Das erste größere Öko-Bauprojekt in Deutschland wurde von 1982 bis 1984 in den Laher Wiesen in Hannover realisiert. Die Siedlung mit 70 Reihenhäusern, geplant von Hermann Boockhoff und Helmut Rentrop, unterschied sich rein äußerlich von anderen Einfamilienhausquartieren zunächst durch die grasbewachsenen Dächer und die nicht asphaltierten Straßen und Wege. Darüber hinaus wurde auf einen Anschluss an die städtische Kanalisation verzichtet und stattdessen ein Klärteich zur biologischen Reinigung der Abwässer eingerichtet. Für die Gebäude selbst wurden chemisch unbelastete Materialien und natürliche Baustoffe verwendet, und die großflächig verglasten Wintergärten sorgten für eine Erwärmung der Innenbereiche durch die Kraft der Sonne.

In der Folge wurden auch in anderen Städten ökologisch inspirierte Wohnhäuser errichtet, die auf einen schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen setzten und sich durch den konsequenten Verzicht auf „ungesunde“ Materialien auszeichneten. „Ein Kind muss jedes Baumaterial schadlos essen können“, forderte 1984 Joachim Eble in Tübingen, der dort seinerzeit 120 Mietwohnungen nach baubiologischen Kriterien plante.

Heliotrop: Mit seinem Solargebäude bewies Rolf Disch Anfang der Neunzigerjahre, dass sich Ökologie und Technik nicht ausschließen.

Es war vor allem die idealisierte Vorstellung eines einfachen, naturverbundenen Lebens, die in den Holztragwerken, Korkböden, Schurwollteppichen und Astkiefermöbeln der frühen Öko-Bauten Gestalt annahm: Architektur als Inszenierung eines protestantisch imprägnierten Verzichts. Doch abgesehen von der einfachen Nutzung der Sonnenwärme durch doppelte Glashüllen waren diese Projekte noch weit davon entfernt, auf eine technisch unterstützte, gleichwohl nachhaltige Nutzung der Gaben der Natur zu setzen. Je weniger Technologie, so die Überzeugung, desto ökologischer und nachhaltiger das Haus. Und abgesehen von kleineren Forschungsprojekten zur Nutzung von Sonnenwärme gab es zu diesem Zeitpunkt auch noch keine ernst zu nehmenden Versuche, die Architektur mit nachhaltigen Methoden der Energiegewinnung oder -umwandlung kurzzuschließen. Dennoch wuchs das Interesse der Architektenschaft an umweltbewussten, nachhaltigen Konzepten für Häuser und Städte. „Ein ökologisch sinnvolles Bauen ist im Kommen“, stellte Frei Otto 1984 fest.

Zurück zur Technik

Eine grundsätzliche Wende erfolgte aber erst in den Neunzigerjahren. Sie hatte viel mit dem Fortschritt der Forschung auf dem Gebiet der Solartechnik und Fotovoltaik zu tun, aber auch mit der sich allmählich durchsetzenden Erkenntnis, dass die irdischen Ressourcen endlich sind. Von früheren Warnungen waren nur Minderheiten aufgeschreckt worden, etwa vom Bericht des Club of Rome über „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972 und von der Ölkrise ein Jahr später. Doch spätestens mit dem Super-GAU von Tschernobyl wurde 1986 vielen Menschen klar, dass die verschwenderische Industriemoderne ein Auslaufmodell ist. Kurz zuvor war Joschka Fischer als erster grüner Landesminister in Turnschuhen vereidigt worden; jetzt richtete auch Schwarz-Gelb in Bonn ein Umweltministerium ein. 1992 verständigten sich 178 Länder in Rio de Janeiro auf die Agenda 21, ein Strategieprogramm zur nachhaltigen Entwicklung der weltweiten Wirtschafts- und Industriepolitik. Der Umweltschutz wurde in Deutschland von allen Parteien zum politischen Ziel erklärt.

Fast schon Mainstream: Das Holzhaus von Kaden + Klingbeil in Berlin fällt in seiner großstädtischen Umgebung nicht mehr aus der Rolle.

Beim Planen und Bauen wurden vor allem neue Strategien zur nachhaltigen Bewirtschaftung von Häusern erforderlich. Gefragt waren nun architektonische Konzepte, die Umwelt- und Ressourcenschutz und gute, konsensfähige Entwürfe zu integrieren vermochten. Viele Erkenntnisse aus der Pionierphase des Öko-Bauens, wie die optimierte Nutzung von Sonneneinstrahlung und natürlicher Kühleffekte, setzten sich nun weithin durch. Beim Öko-Bau selbst zeichnete sich zugleich ein Ende der ideologisch imprägnierten Technikfeindlichkeit ab. Die Vorzeigeprojekte der neuen Öko-Architekten hatten nichts mehr von der grob gezimmerten, naturbelassenen Anmutung der frühen Achtziger, sondern waren gleißende High-Tech-Konstruktionen, die das Versprechen futuristischer Entwürfe aus der Vergangenheit nun dank moderner Technologie einlösen konnten. Das 1994 fertiggestellte Solarhaus „Heliotrop“ des Freiburgers Rolf Disch ist sozusagen der praxistaugliche Wiedergänger einer von Max Taut entworfenen Vision eines der Sonne ­folgenden, drehbaren Gebäudes. Was Mitte der Neunzigerjahre noch Experimentalcharakter hatte, gehört heute längst zu den Standards nachhaltiger Bauweise. Energiesparende Häuser wurden von Passivbauten ohne eigenes Heizsystem übertrumpft, denen wiederum Nullenergiegebäude um ­Längen voraus sind, die weder Heizung noch eingespeisten elektrischen Strom benötigen. Und es dürfte kaum über­raschen, dass es mittlerweile auch Plusenergiehäuser gibt, die mehr Energie produzieren, als ihre Nutzer verbrauchen.

Rasch gingen die Prinzipien des ökologischen, nachhaltigen Bauens in der Architekturpraxis auf – teilweise beschleunigt über eine entsprechende Gesetzgebung und flankiert von Fördermaßnahmen – initiiert in der rot-grünen Bundeskoalition, die von 1998 bis 2005 regierte. Ebenso rasch fand eine formal-gestalterische Annäherung statt. Heute kann man von der äußeren Erscheinung nur noch bedingt auf die inneren Nachhaltigkeitswerte schließen: Einem Neubau wie dem 2008 fertiggestellten Mehrfamilienhaus in der Berliner Esmarchstraße 3 sieht man nicht an, dass es ein Niedrigenergiegebäude (KfW 40) ist und fast vollständig aus Holz errichtet wurde. Und das Stuttgarter Glashaus von Werner Sobek aus dem Jahr 2000 lässt Fotovoltaik, Erdwärmetauscher und Speichertechnologien in einer nahezu entmaterialisierten High-End-Architektur aufgehen.

Ach ja, in derselben Stadt regiert nun auch der erste grüne Regierungschef eines Bundeslandes. Seine Mitstreiter haben ihre Pullis aus grobem Wollstrick längst gegen feineren Zwirn eingetauscht.

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