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Projektentwicklung in Kindergärten

Spreesprotten und Kreativpiloten

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Auch Kindergärten bedürfen einer speziellen Projektentwicklung. Das Architekturbüro baukind hat sich darauf spezialisiert Text: Roland Stimpel

Ist baukind ein Kindergarten oder ein Architekturbüro? Zwei fröhliche Kleine hüpfen um den Besprechungstisch, ein drittes liegt im Arm der Chefin Nathalie Dziobek-Bepler. Am Boden wird gespielt, auf dem Tisch geplant. Aber bald nach dem Mittag entmischt es sich doch – die wahre Kita „Spreesprotten“ ist nebenan.

Foto: Marcus Ebener

Kindgerecht ist nicht kindisch: Lilia Kleemann und Nathalie Dziobek-Bepler vereinen Fantasie und Strategie.

Dziobek-Bepler konzentriert sich wieder ganz auf die Architektur ihres Büros baukind: die Einrichtung und den Umbau von Kindertagesstätten, zuletzt von fünfen zugleich. Scheinbar ein typisches Mütter-Hobby-Thema mit hohem Kuschelfaktor, wenig Innovation und hobbygemäß bescheidenem Verdienst. Aber die Planerin aus Berlin-Kreuzberg widerlegt das alles. „Kitas sind ein hoch komplexes Thema. Es geht um Pädagogik und Erzieher-Arbeitsorte, es gibt jede Menge Vorschriften und Förderbedingungen, und es gibt immer andere Nutzungswünsche, Raumkonstellationen und Gestaltungsoptionen.“

Und es gibt viel zu tun, denn Deutschland erlebt einen Kita-Boom. Überall fehlen Plätze; es gab und gibt Konjunkturpakete, ein 580 Millionen Euro schweres Kita-Bundesprogramm, obendrauf Kommunal- und Landesprogramme. Allein in Berlin fehlen 19.000 Plätze, vor allem für Kinder unter drei Jahren. Wer diese bis 2013 in der Stadt schafft, hat die Chance auf einen Zuschuss durch das Bundesland. Das Büro baukind, betrieben von Nathalie Dziobek-Bepler und der Designerin Lilia Kleemann, ist bestens im Geschäft mit einem Paket aus Beratung, Sonder- und normalen Architektenleistungen. Eine Initiative der Bundesregierung für Kreativwirtschaft hat das Büro als einen von 32 „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ prämiert; in einem regionalen Wettbewerb wurde es für den besten Businessplan ausgezeichnet.

Fotos: Udo Meinel

Räume für Entdecker: Kein Detail bei den „Spreesprotten“ ist zufällig – weder der Krabbeltunnel unterm Podest noch der Lampenschirm, der einst Vogelbauer war.

Dabei begann alles ganz mütterlich-konventionell. Die „Spreesprotten“, zu denen Dziobek-Beplers Kinder gehörten, brauchten neue Räume. Ehrenamtliche Elternsache! Die damals noch in einem anderen Büro angestellte Architektin stürzte sich in den Dschungel aus Wünschen des Kita-Vereins, der Eltern, Erzieher und Kinder, aus Vorschriften der Bau-, Jugend- und Hygieneämter, aus Subventionsregeln und Mietrecht. „Nach einem Jahr haben wir festgestellt: Wir sind richtige Spezialistinnen geworden.“ Gesuchte Spezialistinnen. Viele Kita-Träger sind Elterngruppen, kleine Vereine, Betriebe oder Kirchengemeinden. Sie alle sind oft überfordert mit dem Finden und Herrichten der passenden Räume. Das beginnt bei der Frage, ob eine ins Auge gefasste Fläche überhaupt taugt und zulässig ist. Potenzielle Räume gibt es in Berlin noch viele. Es sind vor allem leer stehende Läden, im Moment ehemalige Schlecker-Filialen. Sie wollen rasch gemietet sein; zugleich brauchen die Träger aber Know-how in Themen, mit denen sich viele noch nie beschäftigt haben: amtlich geforderte Flächen, Sanitäreinrichtungen und Ausstattungen, Brandschutz, Fluchtwege, Unfallsicherheit und Barrierefreiheit, Bauzeiten und -kosten. „Binnen zwei Wochen soll alles zugleich passieren: Mietvertrag, Bauantrag, Fördergeld. Die meisten sind in der Phase total überfordert, wenn sie das selbst leisten wollen.“

Fotos: Udo Meinel

Murmelbahn in der Fußleiste

Erst nach diesen Vorleistungen, quasi der Projektentwicklung, beginnt die Architektenarbeit – die Raumproduktion für Alters- oder Nutzungsmischung, für Caterer oder kochende Eltern, fürs Toben und Kuscheln. Bewegungsflüsse spielen da eine Rolle, laute und leise Zonen, Bühnen und Verstecke, Mehr-Ebenen-Lösungen mit Podesten, Treppen und Betten. Dziobek-Bepler und Kleemann bieten auch hier eine Spezialität: Sie entwerfen selbst Möbel und Einrichtungsgegenstände, am liebsten solche mit Mehrfach-Funktion. Unterm Podest läuft ein Krabbeltunnel. In der Tür ist eine Kreidetafel; die Fußleiste ist dank einer Vertiefung auch Murmelbahn. An der amtlich vorgeschriebenen Heizkörper-Verkleidung kann man auch klettern. „Lilia hat einen unheimlich scharfen Blick fürs Detail“, lobt Dziobek-Bepler ihre Büropartnerin.

Etwa 20 Prozent der Honorare entfallen auf Start- und Beratungsleistungen außerhalb der HOAI, das Übrige meist für raumbildende Ausbauten. Möbel und Einrichtungen sind wirtschaftlich noch ein Zukunftsthema. Diesen Markt beherrscht der Kita-Ausstatter „Wehrfritz“ noch mehr als Ikea den für junge Familien. „Wir sind nicht teurer, haben aber natürlich nicht den Ruf und den Vermarktungs-Apparat.“

Schon erhält baukind Anfragen aus ganz Deutschland. Das Büro expandiert; von Mütter-Hobby-Arbeit ist längst keine Rede mehr. Aber die Freude bleibt: „Von unserem Thema sind so viele Leute privat berührt. Wo immer wir hinkommen, erfahren wir Empathie für unsere Projekte.“

Foto: Marcus Ebener

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