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Innenarchitektur für den Internet-Konzern: scheinbar verspielte Wohlfühl-Welten
für junge Beschäftigte  – für Journalisten jedoch verschlossen Text: Frank Maier-Solgk

„Googliness“ in Düsseldorf: In den gemeinschaftlich genutzten Bereichen dominieren kräftige Farben, während die einzelnen Arbeitsplätze eine technisch robuste Gestaltung auszeichnet. Foto: Jens Kirchner

So allgegenwärtig die bunten Google-Buchstaben im virtuellen Leben heute sind, in der physischen Welt zeigt sich das kalifornische Internet-Unternehmen eher zurückhaltend. Fünf Niederlassungen unterhält Google in Deutschland: in Hamburg, München und Frankfurt sowie seit 2012 in Berlin und Düsseldorf. Gemeinsam sind ihnen die stets allerbeste Lage und der von außen sehr dezente, fast versteckte Auftritt. In Düsseldorf, wo vor allem Marketing betrieben wird, ist ein dezentes Firmenschild alles, was äußerlich erkennbar ist. Man arbeitet auf der ersten Etage eines unterkühlten Neubaus (Architekten: RKW) zusammen mit Kanzleien und Unternehmensberatungen hinter streng gerasterten Naturstein-Fassaden, die hier wie andernorts für Seriosität und Finanzstärke stehen.

Erst nach dem Entree eröffnet sich die farbige Google-Welt, die von San Francisco bis Zürich gemeinsame kalifornische Wohlfühlatmosphäre. Hinter dem Empfang grüßt in Bricolage-Anmutung eine mit Holzkisten verzierte Wand, wie man sie aus den 1970er- oder 1980er-Jahren zu erinnern meint; auf das leicht provisorische Image eines jungen Start-up-Unternehmens will man offenbar auch als millionenschwerer Konzern nicht ganz verzichten. Das Gesamtkonzept der Innenarchitektur in Düsseldorf jedoch ist weitaus differenzierter. Hinter dem auf den ersten Blick spielerischen Ambiente steckt eine durchdachte Funktionalität. Entwickelt vom ersten Konzept bis zur Ausstattung hat das alles das Kölner Architektur- und Innenarchitekturbüro Lepel & Lepel, das in engem Austausch mit dem Unternehmen die spezifische „Googliness“-Atmosphäre mit lokalen Variationen geschaffen hat, die weltweit alle Büros des Konzerns auszeichnet. Der Konzern schreibt selbst: „Obwohl keine zwei Google-Büros identisch sind, können Besucher davon ausgehen, einige Gemeinsamkeiten zu finden: Wandbilder und Dekorationen zum Ausdruck des lokalen Charakters, Google-Mitarbeiter, die sich Würfel und Zelte teilen, Videospiele, Billardtische und Klaviere, Cafés und Miniküchen mit gesunden Lebensmitteln sowie die guten alten Whiteboards fürs Brainstorming.“

Setzkasten-Charme 2.0: Der Empfangsbereich ist eine Reminiszenz an die anarchische Start-up-Vergangenheit des Unternehmens. Foto: Jens Kirchner

Allerdings: Anders als vor ein paar Jahren noch das Züricher Büro, das sich seinerzeit den Medien öffnete, blieb in Düsseldorf für diesen Artikel der Zutritt zu den Räumen verwehrt. Die Direktiven aus der Zentrale in Kalifornien sind offenbar restriktiver geworden. Bleibt die Anfrage an das ­Architekturbüro, das gerne und ausführlich Auskunft gibt; allerdings gehört zur Politik des Unternehmens auch, Grundrisspläne, die sensible Details enthalten könnten, nicht ­herauszugeben. Mit 770 Quadratmetern für rund 50 Mitarbeiter ist der Büroraum amerikanisch-knapp bemessen. Die architektonische Umsetzung der Google-Identität folgt nur auf den ersten Blick der Idee einer poppigen Spaßkonsole. Es handelt sich um eine durch Zusammenlegung zweier ­L-förmiger Einheiten entstandene U-förmige Fläche, die sich in der Mitte zu einer offenen Terrasse hin öffnet. Links und rechts dominieren Open Spaces, die etwa die Hälfte der Gesamtfläche einnehmen und sich an den raumhohen Fenstern entlangziehen. Zum Gebäudeinneren hin schließen sich ein Bereich von nischenartigen Zweierboxen, von Videokonferenz- und Besprechungsräumen sowie schließlich eine freundliche Cafeteria an. In zwei durch Einbauwände abgetrennten, geschlossenen Zonen sind die Technik sowie ein Bad- und Massagebereich für die Mitarbeiter eingerichtet. Das Büro ist also durchaus differenziert gegliedert und je nach der Funktion graduell unterschiedlich abgeschirmt. Maßgeblich ist überall die Idee der Gemeinschaft, bei der die Trennungen zwischen Arbeit und Freizeit sich tendenziell aufheben und Arbeiten, Entspannen, Essen, Kommunizieren und ­Spielen unter einem Dach versammelt sind. Individuelle Ergänzungen, etwa die persönliche Ausgestaltung des Arbeitsplatzes durch die Mitarbeiter, sind durchaus erwünscht.

Heimatgefühl und weite Welt

Foto: Jens Kirchner

Gestalterisch haben sich Monika Lepel und ihr Team an der Idee eines sehr traditionellen Gegensatzes orientiert. „Men of Steel“ und „Girls of Pleasure“ lautet der leicht ironische Titel. Farbe dominiert in den gemeinschaftlich genutzten Bereichen: Die Gänge sind in Violett getaucht, die sogenannten Flying Desks, das sind Zweierboxen zum konzentrierteren Austausch, in kräftigem Rot gehalten, und auf der Terrasse neben der Lounge-Ecke springt ein grüner Kunstrasen ins Auge, auf dem eine Variante von Kricket gespielt wird. Die klassischen, individuell ausgelegten Arbeitsbereiche strahlen dagegen eine technisch-robuste Anmutung aus, die bis ins Detail durchdekliniert wurde: gelber Nadelfilzboden, Akustikpaneele unter der Decke, sichtbar gelassene Kabel­­trassen, Riffelkanten an Stufenrändern, eine sichtbare Fluchtwegbeschreibung und Leuchtstoffröhren (Lichtplanung: Arens/Faulhaber). Die Zusammenarbeit mit Google, erzählt Monika Lepel, sei sehr kooperativ und angenehm gewesen und habe auch Modifikationen erlaubt. So habe man das Unternehmen davon überzeugen können, den Standard der allzu bekannten Google-Farbpalette zu verlassen, und damit eine allzu plakative Handschrift vermieden.

Tele-Meeting in den Rheinauen: Was aussieht wie eine Spielwiese, dient als Raum für Videokonferenzen. Der Bezug zum ­jeweiligen Standort ist dem Global ­Player wichtig. Foto: Jens Kirchner

Eine der schönsten und kreativsten Aufgaben sei es ­gewesen, Umsetzungsideen für eine weitere Google-Vorgabe zu entwickeln. Damit man in der globalen Arbeitswelt nicht vergisst, wo man sich gerade aufhält, und damit auch der ­Gesprächsteilnehmer bei der Videokonferenz weiß, mit welchem Büro er es zu tun hat, erhält jedes Google-Büro einen lokalen „Anstrich“. In Zürich waren es seinerzeit Gondelkabinen, in München Weiß-Blau und Brezeln-Buchstaben. In Düsseldorf sind in dem kleinen, für Videokonferenzen genutzten Raum zum Beispiel die Rheinauen mit grünen Schrägen und büschelartigen Kissen aus Schafswolle in Szene gesetzt. Der Konferenzraum mit dem Namen „Kunsthalle“ zeigt ein auf die Glaswand aufgedrucktes Großporträt von Joseph Beuys, und die Cafeteria knüpft mit ihren Kupferlampen an das Interieur der Düsseldorfer Brauhäuser an, während die großen Kühlschränke die lokale Büdchen-Kultur ­zitieren. „Googliness“ – das soll auch die Verbindung von Heimatgefühl und globaler Arbeitswelt sein, umgesetzt in Form poppiger Inszenierungskunst, die sich problemlos mit Technologie paart und den Bedürfnissen der jüngeren Mitarbeiter entgegenkommen soll. Das Architektur-Design ist alles andere als L‘art pour l‘art.

Frank Maier-Solgk ist freier Architekturjournalist in Düsseldorf

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