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Querstreber

Alles irgendwie falsch

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Text: Roland Stimpel

Illustration: E. Merheim

Gewöhnliche Architekturkritiker machen es sich viel zu schwer: Sie begucken ein Haus von allen Seiten und auf allen Etagen, fragen Bauherren und Architekten Löcher in den Bauch, starren auf Grundrisse und Technik-Details. Alles nicht nötig, jedenfalls nicht im „Spiegel“. In dem Blatt, das gern alles besser weiß, reicht die Behauptung: Was andere nur machen, sie machen es verkehrt. Mit dieser Masche strickte jetzt ein Autor namens Georg Diez drei wütende Druckseiten. Ihn hatte der Berliner Städtebau geärgert; die Wut brachte genialische Erkenntnisse zutage. Die erste: „Hier ist alles entweder zu groß oder zu flach.“ Analytisch noch schärfer ist seine zweite Beobachtung: „Hier steht alles entweder zu weit auseinander oder zu nah beieinander.“ Diez hat mal Philosophie studiert; gleich nach den zwei flach-hohen, weit-nahen Thesen und Antithesen erstürmt er synthetisierend den Erkenntnisgipfel: „Hier ist alles irgendwie falsch.“

Die Dialektik geht weiter. Falsch war das „ästhetische Zwangs- und Angstregime“ des Baurats Hans Stimmann. Aber genauso falsch war dann die Freiheit, nachdem Bürgermeister Wowereit „die Stadtplanung aus den Händen gab und sich damit der Chance beraubte, die Stadt nach eigenen Vorstellungen zu gestalten“. Grundschlecht an Berlin ist, dass es „gedanklich und architektonisch hüfttief im 19. Jahrhundert steckt.“ Genauso schlecht ist seine 21.-Jahrhundert-Dekadenz aus „Visionslosigkeit und Party-Pragmatismus“. Verkehrt ist die Stadt en gros, aber auch im lokalen Detail. Auf dem öden Vorplatz des Hauptbahnhofs weht „der Staub der Mark Brandenburg durch die Luft“. Gerade verschwindet die Ödnis, aber das ist genauso übel: Dicht vor dem Bahnhof entstehen zu Diez‘ Empörung Hotels – „so direkt, wie ein Betrunkener sich an einen drängt, wenn er noch einen Euro erschnorren will“.

Illustration: E. Merheim

In einem kleinen Porträt stellt die Redaktion Diez so vor: „Er schrieb für die ,Süddeutsche Zeitung‘ über Theater, für die ,Zeit‘ über Literatur und für die ,Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung‘ über alles.“ Wer alles kann, kann auch Architektur. Und wer über alles schimpft, was sich „irgendwie falsch“ finden lässt, der findet sich immer irgendwie richtig.

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