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Glosse

Rettet den Atom-Turm!

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Energielandschaften sind das Schönste. Jedenfalls die von gestern Text: Roland Stimpel

Illustration: E. Merheim

Illustration: E. Merheim

Heute schon mal eine Feuilleton-Klage für das Jahr 2054: „Die früheren Energieplantagen werden reihenweise abgerissen, obwohl bestimmte Wind-, Solar- oder Biogas-Anlagen jahrzehntelang das Bild ganzer Landstriche prägten.“ Ich gestehe: Das ist abgekupfert. Vor einem Monat beklagte die „Bauwelt“ das Verschwinden von Großdenkmälern in Ostdeutschland: „Die früheren LPGs werden reihenweise abgerissen, obwohl bestimmte Getreide-, Raps- oder Gärfuttersilo-Anlagen jahrzehntelang das Bild ganzer Landstriche prägten.“ Mal wieder ist das, was noch gestern Technik-Horror war, heute denkmalwürdige Romantik. Genau wie die Bogenbrücken von Eisen- und Reichsautobahnen, wie die mittlerweile historischen Fördertürme und Ziegeleien – oder wie die Windräder, die zuerst in Holland das Panorama versauten. Bis zu 10.000 Stück haben dort penetrant rotiert, Horizonte zerstört, schrecklich geknarzt und Vögel zerhäckselt, nachdem sie vor gut 300 Jahren aufgestellt worden waren.

Die etwas ältere Energielandschaft schützen wir gern. Das Oberharzer Wasserregal zerstörte mit 143 Teichen und 500 Kilometern Gräben gnadenlos die Wald- und Wiesenlandschaft – alles für den Bergbau. Heute steht es unter Unesco-Schutz. Oder die Lüneburger Heide. Sie lacht so lila, seit für die Feuer lokaler Bauern und der Lüneburger Saline alle Bäume abgeholzt wurden. Und würde man nicht systematisch und genau dosiert die Heidschnucken drüberschicken, wäre diese Energielandschaft längst wieder unterm Einheitswald verschwunden (diesmal auf natürliche Art).

Irgendwann liebt man alles. Beste Hoffnung also dafür, dass wir eines Tages skulpturale Windräder besingen und malen werden, seengleich schimmernde Solarfelder, zeichenhafte Gülletanks und filigran schwebende, in mystische Ferne führende Überlandleitungen. Aber vorher haben wir noch eine andere Aufgabe. Unsere südlichen Nachbarn haben sie bereits erkannt: Der ästhetisch maßgebliche „Kunstführer durch die Schweiz“ lobt eine „das Schachenland der Aare beherrschende Großbaugruppe mit charakteristischem Kühlturm“. Es geht ums Atomkraftwerk Gösgen. Sofort unter Denkmalschutz damit! 

Illustration: E. Merheim

Illustration: E. Merheim

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