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Rauchableitung

Übertreibung beim Brandschutz

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Die Rauchableitung von Treppenräumen wird oft überdimensioniert Text: Ilko-M. Mauruschat

Die Frage nach der richtigen Ausführung der Rauchableitung in Treppenräumen ist ein Thema, das viele Architekten und Bauüberwacher bewegt. Oft werden Anlagen installiert, die das geforderte Sicherheitsniveau übersteigen und erhöhte Herstellungs- und Betriebskosten verursachen. Die Gründe dafür sind vielschichtig. So formulieren die Bauaufsichten gelegentlich über das Bauordnungsrecht hinausgehende Anforderungen. Auch die Frage der Ausführung wird oft uneinheitlich interpretiert: Ist ein Funktionserhalt notwendig? Ist eine automatische Auslösung erforderlich? Benötigt der Rauchabzug einen Verwendbarkeitsnachweis? Häufig argumentieren die ausführenden Unternehmen diesbezüglich mit Normen, die hierfür gar nicht anzuwenden sind. Erkennt der Planer nicht, dass die Anforderungen zu hoch sind, können ihm Schadensersatzansprüche aufgrund entstandener Mehrkosten drohen.

Was ist baurechtlich gefordert?

Die materiellen Anforderungen an die Rauchableitung sind in den Bauordnungen der Bundesländer geregelt, die im Prinzip nicht wesentlich voneinander abweichen. Sie werden deshalb hier anhand der Berliner Bauordnung (BauO Bln) exemplarisch beschrieben. Beim Brandschutz wird zunächst zwischen Sonder- und Standardbauten differenziert. Sonderbauten unterliegen aufgrund ihrer besonderen Art und Nutzung grundsätzlich dem Ermessen der Behörden und erfordern objektspezifische Brandschutzkonzepte. Bei den meisten Standardbauten, also dem hier betrachteten typischen mehrgeschossigen Wohn- oder Bürogebäude mit außen liegendem Treppenraum, hat die Behörde keinen Ermessensspielraum, sofern von den bauordnungsrechtlichen Regelungen, den materiellen Anforderungen, nicht abgewichen wird. Nach § 35 sind „Öffnungen zur Rauchableitung“ nur für alle innen liegenden sowie außen liegenden Treppenräume in der Gebäudeklasse 4 und 5 gefordert. Sie müssen im Erdgeschoss und auf dem obersten Podest bedient werden können und über einen freien Querschnitt von mindestens einem Quadratmeter verfügen.

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Das Schutzziel dieser materiellen Anforderungen besteht ausschließlich darin, die Löscharbeiten der Feuerwehr nach der Evakuierung des Gebäudes zu unterstützen. Die Rauchableitung dient nicht – wie irrtümlich oft angenommen – der Ausbildung einer raucharmen Schicht und der Rauchfreihaltung. Beides ist in einem Treppenraum mit nur einer Öffnung über Dach gar nicht realisierbar. Die Klarstellung dieser Schutzziele erfolgte bereits 2008 durch die Bauministerkonferenz im Grundsatzpapier „Rettung von Personen und wirksame Löscharbeiten“.

Wichtig ist, auf die in der Bauordnung verwendeten Begriffe zu achten. Darin sind ausschließlich „Öffnungen zur Rauchableitung“ festgeschrieben. Es werden also keine Rauchabzugsanlagen oder Rauch- und Wärmeabzugsgeräte gefordert, denn diese erfüllen andere, weitergehende Schutzziele, die nur in besonderen Fällen erforderlich werden. Insofern kommt den in den Antragsunterlagen regelmäßig verwendeten Abkürzungen eine wesentliche Bedeutung zu. Im üblichen Sprach­gebrauch sowie in Planungsunterlagen ­finden sich häufig irreführende Bezeichnungen wie RWA (Rauch- und Wärmeabzugsanlage), NRA (natürliche Rauchabzugsanlage) oder NRWG (natürliche Rauch- und Wärmeabzugsgeräte), die als Synonyme für die Rauchableitung im Allgemeinen verwendet werden – jedoch sehr Unterschiedliches bedeuten. Die korrekte Verwendung der Begriffe in der täglichen Planungspraxis ist daher besonders wichtig. Wird ein missverständlicher Begriff verwendet, kann der bauliche Aufwand unnötig steigen. Empfehlenswert ist, für den bauordnungsrechtlichen Standardfall ausschließlich den Begriff „Öffnung zur Rauchableitung“ oder die Abkürzung „RA“ zu verwenden. Alle anderen Abkürzungen verweisen auf technisch aufwendigere Anlagen zur Erfüllung weitergehender Schutzziele.

Ist ein Verwendbarkeitsnachweis ­notwendig?

Welche Bauprodukte verwendet werden dürfen, ergibt sich aus den Bauregellisten A und B. Liste C beschreibt nur solche Bauprodukte, an die keine weitergehenden Brandschutzanforderungen gestellt werden und die deshalb keines Verwendbarkeitsnachweises bedürfen. Unter Punkt 3.17 sind die „Rauchabzüge in Treppenräumen, die nicht zur Rauchfreihaltung dienen“ aufgeführt, also die in § 35 der Berliner Bauordnung geforderten „Öffnungen zur Rauchableitung“. Da eine „Öffnung“ kein „Gerät“ ist, benötigt sie auch keinen Nachweis der Verwendbarkeit als Rauchabzugsgerät. Demzufolge muss sie auch nicht als NRWG nach DIN EN 12101-2 ausgeführt werden. Hierbei sollte man sich auch nicht von einem Eintrag in der Bauregelliste B, Teil 1, irritieren lassen. Dort sind unter Punkt 1.17.1. „natürliche Rauchabzugsgeräte“ aufgeführt, die nach DIN EN 12101-2 auszuführen sind. Die Norm regelt die „Festlegung von Anforderungen an natürliche Rauch- und Wärmeabzugsgeräte, die im Brandfall eine rauchfreie Schicht in Bodennähe sicherstellen“ sollen. Damit erfüllen die in der Norm beschriebenen Geräte andere, weitergehende Schutzziele und sind bauordnungsrechtlich im Treppenraum nicht gefordert.

Muss die Öffnung mit E-30-Funktionserhalt ausgeführt werden?

Die Frage, ob und wie bauordnungsrechtlich vorgeschriebene sicherheitstechnische Anlagen und Einrichtungen mit Funktionserhalt auszuführen sind, regeln die Leitungsanlagenrichtlinien der Bundesländer. In Berlin ist das die Muster-Leitungsanlagenrichtlinie (MLAR). Bei einer Öffnung zur Rauchableitung handelt es sich weder um eine „Anlage“ noch um eine „Einrichtung“ im Sinne der MLAR, denn die Öffnung ist in der Liste C des DIBt enthalten, die keine weitergehenden Brandschutzanforderungen an die Bauprodukte stellt. Wäre ein Funktionserhalt der Leitungsanlagen – also eine „weitergehende Brandschutzanforderung“ – gefordert, dürfte die Öffnung zur Rauchableitung nicht in Liste C stehen. Demnach ist weder für die Leitungsanlage noch für den Antrieb des Öffnungsflügels eine Auslegung mit Funktionserhalt öffentlich-rechtlich geschuldet.

Gibt es eine Pflicht zur wiederkehrenden Prüfung?

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Auf Schutzziel achten: Die Rauchableitung dient nicht – wie oft gedacht – der Ausbildung einer raucharmen Schicht und der Rauchfreihaltung. Das Schutzziel besteht ausschließlich darin, die Löscharbeiten der Feuerwehr nach der Evakuierung des Gebäudes zu unterstützen.

Für die Prüfpflicht gibt es landesspezifisch unterschiedliche Regelungen. Die Grundlage aller Landesverordnungen bildet die Muster-Prüfverordnung der Bauministerkonferenz, die jedoch in den Bundesländern nicht gleichlautend umgesetzt wurde. Unterschiede ergeben sich unter anderem in der Frage, für welche Gebäude- und Anlagetypen überhaupt Prüfungen vorgeschrieben werden. Die Verordnungen in Berlin (BetrVO), Niedersachsen (DVO-NBauO), Schleswig-Holstein (PrüfVO) und Sachsen (SächsTechPrüfVO) fordern eine regelmäßig wiederkehrende Prüfpflicht durch einen Sachverständigen beispielsweise nur für Rauchabzugsanlagen, zum Teil sogar nur für solche in Sonderbauten.

Für die Öffnungen zur Rauchableitung in Treppenräumen von Standardgebäuden, die baurechtlich keine „Anlagen“ sind, besteht demnach keine Prüfpflicht.

Ausnahmen von der Regel

Selbstverständlich gibt es keine Regel ohne Ausnahme. In Fällen, bei denen die Behörde einen Ermessensspielraum hat, können auch weitergehende Brandschutzanforderungen gestellt werden. Dies ist der Fall,

  • wenn Abweichungen (i. S. v. § 68 BauO Bln) geplant sind, die eine Rauchableitung als Kompensation erfordern oder
  • wenn ein innen liegender Treppenraum geplant ist. Denn für innen liegende Treppenräume formuliert die Bauordnung keine weitere materielle Anforderung, sondern allein ein zusätzliches Schutzziel. Sie sind nur dann zulässig, wenn ihre Nutzung ausreichend lange nicht durch Raucheintritt gefährdet werden kann. Wie dieses Schutzziel umgesetzt wird, bleibt also dem Ermessen der Behörde überlassen. Dieser Ermessensspielraum wird in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich genutzt. Die Varianten reichen von rauchdichten Türen bis zur Ausbildung von Vorräumen und zur Installation von Rauchabzugsanlagen.

Zu guter Letzt können sich weitergehende Anforderungen an die Rauchableitung auch aus privatrechtlichen Schutzzielen ergeben, etwa wenn der Versicherer des Bauherrn einen erhöhten Sachschutz fordert. Hier ist die Umsetzung allein dem Bauherrn und nicht der Behörde gegenüber geschuldet. Ist das der Fall, müssen solche Anlagen nicht zwingend im Genehmigungsantrag beschrieben sein.

Ilko-M. Mauruschat ist Architekt und geprüfter Sachverständiger für vorbeugenden Brandschutz in Berlin

 

Praxis-Tipps

1. Bereits in der Planung ist auf die zutreffende Verwendung der Begriffe zu achten. Es ist zwischen der „Öffnung zur Rauchableitung“ (Standard) und der Rauchabzugsanlage (Sonderfall) zu unterscheiden. Begriffe wie RWA (Rauch- und Wärmeabzugsanlage) oder NRWG nur dann verwenden, wenn solche Anlagen auch gefordert sind.

2. Enthält die Baugenehmigung höhere Anforderungen als vorgeschrieben, sollte der Bauherr auf die möglichen baulichen Konsequenzen und die zusätzliche Zeit für das Einlegen eines Widerspruchs hingewiesen werden.

3. Beim Bauen im Bestand in der Baugenehmigung prüfen, ob eine RWA mit „Funktionserhalt und automatischer Auslösung“ gefordert wird. In diesem Fall muss auch eine solche Anlage vorhanden und geprüft sein sowie bei Modernisierungen wieder eingebaut werden, selbst wenn das aktuelle Bauordnungsrecht dies nicht verlangt. Anderenfalls wäre eine Änderung der Baugenehmigung zu veranlassen, was wiederum Einfluss auf den Umfang des Bestandsschutzes des Gebäudes insgesamt haben kann.

4. Soll die Öffnung zur Rauchableitung auch der Lüftung des Treppenraums dienen, muss der Motor für eine ausreichende Anzahl von Hüben ausgelegt sein und auch bei Schneelast öffnen. In einem solchen Fall wäre gegebenenfalls ein NRWG nach DIN EN 12101-2 einzubauen, um den Nachweis der Funktionssicherheit zu führen.

 

Weniger ist mehr

Ist im Treppenraum eine „Öffnung zur Rauchableitung“ gefordert, muss sie im Erdgeschoss und auf dem obersten ­Podest bedient werden können und über einen freien Querschnitt von mindestens einem Quadratmeter verfügen. Mehr fordert die Bauordnung nicht.

Vor allem muss

  • kein NRWG nach DIN EN 12101-2 gebaut werden,
  • kein aerodynamischer Nachweis der Öffnungsgröße geführt werden,
  • keine E30-Funktionserhaltsverkabelung ausgeführt werden,
  • keine Sicherheitsstromversorgung ­(Batterie) vorgesehen werden,
  • keine automatische Auslösung erfolgen und
  • es sind keine wiederkehrenden Prüfungen durch Prüfsachverständige vorgeschrieben.

 

 

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Ein Gedanke zu “Übertreibung beim Brandschutz

  1. Nach m.E. muss für die Rauchableitung die DIN 18232-2 herangezogen werden.

    In der Hessischen Bauordnung steht unter § 13
    „Bauliche Anlagen sowie andere Anlagen und Einrichtungen im Sinne des § 1 Abs. 1 Satz 2 sind so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass der Entstehung eines Brandes und der Ausbreitung von Feuer und Rauch vorgebeugt wird und bei einem Brand die Rettung von Menschen und Tieren sowie wirksame Löscharbeiten möglich sind.“

    Diese Forderung nach der Vorbeugung von der Ausbreitung von Rauch ist m.E. nur durch eine RWA zu erreichen, wenn für Hallen und Treppenräumen eine Rauchableitung gefordert wird.

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