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Glosse

Loch Ness für Reiche

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Angebliche Gated Communities sind ziemlich offen. Verrammelt werden sie nur, wenn Arme oder Kommunisten drin wohnen Text: Roland Stimpel

Gated Communities sind in der deutschen Stadt-Diskussion eine Art Ungeheuer von Loch Ness: Jeder spricht davon, aber noch keiner hat daheim ein Stadtquartier mit Zaun und Wachmännern, privatisierten Straßen und anderer urbaner Infrastruktur gesehen. Am meisten diskutiert man das Phantom in der Hauptstadt. „In Berlin sind die geschlossenen Luxusquartiere auf dem Vormarsch“, glaubt ein Lokalblatt zu wissen und nennt als Gated Communities die „Prenzlauer Gärten“, den „Marthashof“ und „Arcadia“ im nahen Potsdam.

Letzteres liegt in einem Villenviertel, wo um jedes Einzelhaus Zäune gezogen sind. Allein in „Arcadia“ läuft einer nur außen um acht Bauten herum, keiner zwischen ihnen. Es ist der zaunärmste Teil der ganzen Gegend. Der „Marthashof“ ist U-förmig mit offener Seite zur Straße. Durch die Öffnung geht ein Zaun, aber dessen Tore stehen häufig offen – sogar nach einer Attacke auf die Fensterscheiben im August. Damit ist die Anlage zugänglicher als jeder Altberliner Hinterhof. Schließlich die „Prenzlauer Gärten“: Vorn steht ein Wachhäuschen, aber es ist immer leer. Und wo das Eingangstor sein könnte, beginnt eine ganz normale Straße, durch die man vorn reingeht und hinten wieder raus. Das Ganze liegt in einem 20.000-Quadratmeter-Block, durch den man sonst nirgendwo quer durchkommt. Das geht nur durchs Reiche-Leute-Ghetto.

Loch-Ness-Kenner sehen die Gated Community als Trend bei autistischen Millionären. Aber Deutschlands Privilegierte ziehen lieber einzeln in Villen oder gemeinsam in Geschossbauten – Letzteres genau wie die Ärmeren. In Gated Communities gehen dagegen privilegierte Kommunisten oder glückliche Arme. Eine gab es, die mit Privatstraßen, Läden, Schwimmbad und martialischen Wächtern jedem Klischee entsprach. Doch vor 25 Jahren wurde Wandlitz vom DDR-Volk gestürmt. Und unsere älteste Gated Community, die Augsburger Fuggerei von 1521, war und ist für Bedürftige bestimmt und mit einer radikalen Mietbremse versehen – noch heute zahlt man pro Jahr und Wohnung symbolische 88 Cent. Wer dagegen als Gast rein will, zahlt am Tor vier Euro Eintritt. Das ist bitteres soziales Unrecht. Stürmt die Fuggerei!

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