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Arbeitswelten

Nur gucken, nichts anfassen

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Intelligente Lichtkonzepte optimieren Arbeitsplätze, sorgen für Wohlbefinden und steigern damit die Produktivität. Eine Langzeitstudie stellt fest, dass es damit in vielen Büros noch düster aussieht. Umso heller erstrahlen die Vorreiter Text: Lars Klaaßen

Nicht alles ist erleuchtet, zumindest nicht so, wie es wünschenswert wäre. Zu diesem Ergebnis kommt die Zwischenbilanz der Langzeitstudie „Wahrgenommene Lichtqualität im Büro“. Die nun vorliegende Auswertung von sechs westeuropäischen Ländern ergab, dass die Mehrheit der befragten Angestellten unter Lichtverhältnissen arbeitet, die ihren Bedürfnissen nur teilweise entspricht. Das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) sowie Zumtobel erfassen systematisch weltweit unterschiedliche Arbeitssituationen und befragen die Nutzer dazu. Einzel-, Zwei-, Mehrpersonen- und Teambüros sowie Open-Space-Flächen sind darin jeweils zu ähnlich großen Anteilen vertreten.

Heinrich-Boell-Stiftung

Überraschend ist, dass in den Bürogebäuden vieler europäischer Länder oft grundlegende Dinge nicht beachtet werden: „Allein bei 30 Prozent der Studienteilnehmer ist der Arbeitsplatz zur Fensterfront falsch ausgerichtet“, sagt IAO-Studienleiter Jörg Kelter. „Ein Bildschirmarbeitsplatz sollte im rechten Winkel zur Fensterfront stehen, damit sich die Sonne nicht im Monitor spiegelt, noch die Augen blendet.“ Auch die Bürobeleuchtung selbst lässt zu wünschen übrig. „Bei der Angabe ihrer persönlichen Präferenz wählen 82 Prozent der Befragten eine Lichtlösung mit kombinierten Direkt- und Indirektanteil“, so Kelter. Das heißt: Die Deckenleuchten sollten nicht nur nach unten abstrahlen, sondern ein Teil des Lichts auch über die Decke reflektiert werden. Das erzeugt eine weichere Lichtatmosphäre. Diese finden laut Studie aber nur 38 Prozent an ihrem Arbeitsplatz vor.

Mehr als 60 Prozent der Studienteilnehmer bevorzugen Beleuchtungsstärken von 800 Lux und mehr. „Das hat uns überrascht“, sagt Kelter, „denn damit wünscht die große Mehrheit sich deutlich höhere Beleuchtungsstärken als von einschlägigen Normen verlangt.“ Auch im Sommer wird verstärkt Kunstlicht eingesetzt. Ein knappes Drittel der Studienteilnehmer arbeitet selbst in der hellen Jahreszeit mehr als sechs Stunden pro Tag bei eingeschalteter Beleuchtung. „Auch dies ist erstaunlich“, so Kelter, „wir erklären uns den hohen Wert teilweise mit sehr tiefen Raumzonen in Bürogebäuden, wo wenig Tageslicht hingelangt.“

Heinrich-Boell-Stiftung2Das Fazit der Zwischenbilanz: „Ein auf den Nutzer ausgerichtetes, individuell steuerbares Licht steigert das Wohlbefinden und fördert die Gesundheit. Es stimuliert den menschlichen Organismus, erhöht die kognitive Leistung und gibt dem Arbeitsraum emotionale Qualität und Atmosphäre.“ Der Bedarf an Systemen, die sich an den individuellen Bedürfnissen der Nutzer orientieren, werde daher weiter zunehmen. „Allerdings sind die hierfür benötigten Licht-, Steuerungs- und Sensortechnologien in der Praxis noch nicht ausreichend im Einsatz“, so Kelter.

Keinen Finger rühren

Wie ein ideal ausgestattetes Büro aussehen kann, macht die Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin Mitte vor. Für deren Mitarbeiter bedeutet das im Arbeitsalltag: nur gucken, nichts anfassen. Ihre Schreibtische sind in jeder Situation optimal ausgeleuchtet, ohne dass sie dafür einen Finger rühren müssen. Möglich macht das ein Konzept, bei dem der Entwurf des Neubaus in der Schumannstraße mit der Haustechnik abgestimmt wurde. Ein Leitgedanke dabei lautet, weitmöglich Tageslicht zu nutzen. Wenn die Sonneneinstrahlung blendet oder die Räume zu sehr erhitzt, werden die Fenster automatisch verschattet – aber möglichst wenig verdunkelt, um nicht auf künstliches Licht zurückgreifen zu müssen.

Auf Deckenleuchten wurde in den Arbeitsbereichen gänzlich verzichtet. An den Schreibtischen befinden sich rund zwei Meter hohe Standleuchten. Sie geben zwei Drittel ihres Lichts nach unten ab, ein Drittel wird zur indirekten Beleuchtung an die Decke gestrahlt. „Solche Insellösungen haben zwei Vorteile: Alle können ihren Arbeitsplatz individuell einrichten und das System ist weniger komplex“, erläutert Bert Bloß, Leiter der IT-technischen Dienste des Gebäudes. „Wird die Beleuchtung zentral gesteuert, greifen unzufriedene Mitarbeiter auf eigene Leuchten zurück.“

Heinrich-Boell-Stiftung3Die Standlichtquellen an den Tischen sind mit Bewegungssensoren ausgestattet. Sie schalten sich automatisch ein oder aus, wenn jemand kommt oder geht. Außerdem messen sie das Licht vor Ort und dimmen sich entsprechend anderer Einstrahlung entsprechend hoch oder runter. Die gewünschte Lichtmenge können die Mitarbeiter in zwei verschiedenen Stufen selbst einstellen, ebenso die Zeit, bis die Leuchte ohne Bewegung abgeschaltet wird. In den Fluren und auf den Toiletten werden die Lampen ebenfalls über Bewegungsmelder gesteuert. „Wenn Geräte effizient genutzt werden sollen, ist der Mensch der größte Störfaktor“, meint Bloß. Deshalb wird sämtlichen Mitarbeitern jährlich das gesamte System erläutert. Denn nur wenn alle wissen, wie es funktioniert und es auch akzeptieren, entfalte es sein volles Potenzial.

 

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