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Schwerpunkt: Konkurrenz

Große Einladung

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Wie ein Bistum, eine kleine und eine größere Stadt von offenen Wettbewerben profitiert haben.

St.-Hedwigs-Kathedrale Berlin
Überzeugungsarbeit

Der Widerspruch schien unüberbrückbar: Einerseits wollte das katholische Erzbistum Berlin das Erbe des Architekten Hans Schwippert bewahren, der die kriegszerstörte St.-Hedwigs-Kathedrale 1956 bis 1963 wiederaufgebaut und dabei ein Unikat geschaffen hatte: ein Bodenloch mitten im Kirchenraum, in dem eine Treppe zur Unterkirche führte. Andererseits störte genau dieses Loch: Es nimmt Fläche, es behindert die Liturgie, und es passt nicht mehr in die heutige Zeit. Denn es schafft den Raumeindruck einer bedrohten Gruppe in der sozialistischen Diaspora, nicht den eines Hauptstadt-Doms, in dem heute Päpste Messen lesen und der Bundestag Eröffnungsgottesdienste feiert. „Wir mussten Lösungen für die gewachsenen Bedürfnisse für diese Kirche finden“, sagt Prälat Ronald Rother, Domprobst an St.-Hedwig. Und er gesteht offen: „Uns fehlte die Idee, wie wir das Verändern und das Bewahren in Einklang bringen konnten.“

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Offenes Modell: „Unter Nutzung der gegebenen Baugestalt wird die liturgische Versammlung in Form eines kreisrunden Communio-Raumes konfiguriert“, schreiben die Architekten.

Da entschied sich das Bistum für einen offenen Wettbewerb. „Wir wollten, dass Architekten vorurteilsfrei an die Sache herangehen und ihre Ideen kundtun.“ Als er 2013 ausgelobt war, bekundeten 465 Büros aus Europa und den USA Interesse. 169 von ihnen reichten schließlich Entwürfe ein. Die Erstauswahl in Phase 1 geschah rigoros, berichtet Rother: „Wir haben alle Entwürfe fallen gelassen, die die Idee eines ­Anbaus an die Kirche enthielten.“ Es hatte deutlich in der Ausschreibung gestanden, dass genau das nicht erwünscht war.

Bei den übrig bleibenden Entwürfen ging es in Phase 1 und in Endphase 2 vor allem um die eine heikle Frage, die Rother ausspricht: „Wie können wir das Konzept von Hans Schwippert bewahren? Da wurde einheitlich festgestellt: Jeder Versuch, die Öffnung zur Unterkirche zu verändern, ist eine Verschlimmbesserung. Der ausgezeichnete Entwurf greift Schwipperts Gedanken der Zentralarchitektur auf. Aber man kann nie allem zugleich recht tun.“

Auch für seine Entscheidung für einen offenen statt eines beschränkten Wettbewerbs hatte das Bistum neben dem baukulturellen Grund einen taktischen. Rother: „Bei einem Einladungswettbewerb hätte man uns hinterher vorwerfen können, wir wären ja sowieso nur auf Büros zugegangen, die uns bestimmte Wünsche erfüllen. Diesem Vorwurf wollten wir mit der Auslobung eines offenen Wettbewerbs von vornherein begegnen.“ Das Bistum setzte stattdessen auf die Macht des Funktionell-Faktischen: Gerade der offene Wettbewerb würde zeigen, dass die gewünschten Anforderungen nur erfüllbar sein würden, wenn man Schwipperts Konzept antastete.

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Geschlossener Raum: Die Unterkirche mit Taufbecken, die bisher durch ein Loch in der Decke mit dem Hauptraum darüber verbunden ist, gewinnt durch dessen Schließung an Intimität.

So geschah es – von einer Jury legitimiert, in der auch Schwipperts Schüler Dieter Georg Baumewerd aus Münster saß. Den Wettbewerb gewannen Sichau + Walter Architekten aus Fulda mit einem Konzept, das den Boden schließt. Damit siegte ein feines, nicht sehr großes Büro, das in einem VOF-Verfahren oder einem Einladungswettbewerb kaum zum Zuge gekommen wäre – mangels Referenzen im Kirchenbau.

 

Wettbewerbs-Steckbrief

Bauaufgabe: Neugestaltung des Innenraums und des baulichen Umfelds der St.-Hedwigs-Kathedrale Berlin

Ausloberin: Katholisches Erzbistum Berlin

Verfahrensform: zweiphasiger, offener Wettbewerb

Wettbewerbsbetreuer: Rudolf Lückmann, Dessau

Teilnehmer: 169

1. Preis: Sichau + Walter Architekten, Fulda

 

Das Interview mit Professor Hans-Peter Achatzi und Uwe Dahms finden Sie hier

Den Artikel zum Wolfsburger Wettbewerb finden Sie hier

Den Artikel zur Stadtkaserne Germersheim finden Sie hier

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