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Technik

Nicht auf den Putz hauen

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Zu dünne mineralische Putzschicht oder versprödeter Kunstharzputz: Die Druckspannung kann nicht an den Untergrund abgegeben werden, die Dämmung gibt nach. Die Folge sind unzulässige Verformungen mit Bruch des Oberputzes. Der Oberputz schert sich ab und löst sich, gegebenenfalls trennt sich das Armierungsgewebe aus dem Putz.

Mineralische Putze auf wärmegedämmten Fassaden werden immer dünner – und die Schäden häufen sich. Doch wenn sie zweilagig ausgeführt werden, sind sie stoßfester, sicherer gegen Risse und bieten gestalterische Optionen. Text: Harry Luik

Nach den Unwettern der letzten Jahre mit starkem Hagel ist die mechanische Belastbarkeit gedämmter Fassaden wieder stärker in den Fokus gerückt. Während massives Mauerwerk mit Putzlagen ab 15 Millimeter versehen wird, ist der Putz auf Dämmplatten üblicherweise nur zwei bis sechs Millimeter dick. Es gab zwar auch immer schon dicklagig verputzbare WDVS als Nischenprodukte auf dem Markt, die sich jedoch in der breiten Anwendung nicht etablieren konnten. Im Gegenteil, die Putzschichten werden immer dünner. Um Kosten zu sparen, findet bei einigen WDVS-Herstellern ein Wettbewerb um die dünns-te mögliche Schichtdicke statt. Mittlerweile hat die Entwicklung dazu geführt, dass es scheinbar keine Alternative mehr dazu gibt und das WDVS als Synonym für billige Bauweise und hohl klingende „Plastikfassaden“ steht. Doch nun sind aufgrund der Hagelschäden erste Anzeichen eines Umdenkens bemerkbar – einige Hersteller bieten höherwertige Ausführungen an und bei Bauherren und Architekten steigt die Akzeptanz dafür, mehr Geld in qualitativ hochwertige Fassaden zu investieren.

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Kalk-Zementputze auf Massivmauerwerk: Die Druckspannung wird in den Untergrund abgeleitet. Es ist keine Verformung des Putzes möglich, Ablösung infolge Zermürbung des Oberputzes bei verminderter Haftung und Druckfestigkeit des Oberputzes.

Worin besteht jedoch das Risiko bei zu dünnen Putzen auf einem WDVS? Normalerweise reicht der Armierungsputz in Verbindung mit der Gewebelage aus, um den erforderlichen Witterungsschutz und die Risssicherheit zu erreichen. Das geht aber nur deshalb, weil die Putzlage durch den Dämmstoff vollständig vom Untergrund entkoppelt ist. Da Dämmstoffe weich sind, geben sie bei Druck nach. Dünne Putzschichten sind in Verbindung mit dem Armierungsgewebe druckfester als die Dämmung und schwimmen sozusagen auf weichem Untergrund. Eine Übertragung von Spannungen auf den Untergrund ist nicht möglich. Übersteigt jedoch die Druckspannung beispielsweise durch Hagelschlag oder andere mechanische Stöße die Druckfestigkeit des Dämmstoffes, muss sie die Armierungsputzschicht allein aufnehmen. Dünnlagigen Putzen sind hier Grenzen gesetzt. Die Putzschicht gibt in den Dämmstoff hinein nach und rund um den Einschlag treten hohe Zugspannungen auf. Der Putz beginnt auf Zug zu brechen und löst sich vom Gewebe. Das Gewebe selbst ist weich, gibt nach und bleibt meist unbeschadet. Der Oberputz kann die Verformung des Armierungsgewebes nicht aufnehmen, löst sich ab und bricht aus.

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Dämmputze und Leichtputze auf Massivmauerwerk: Die Druckspannung kann nicht an den Untergrund abgegeben werden. Der Putz gibt nach, der Oberputz schert sich ab und löst sich.

Mit Putzen auf massivem Mauerwerk verhält es sich anders. Die Putzschicht besteht meist aus einem 15 bis 20 Millimeter starken Kalk-Zement-Unterputz und einem Oberputz. Da die Putzschicht auf dem starren Untergrund nicht nachgibt, wird sie auch nicht auf Zug beansprucht, sodass Druckspannungen größtenteils in den Untergrund abgeleitet werden können. Wobei auch hier gilt: je geringer die Druckfestigkeit des Putzes, desto weniger können Spannungen in den Untergrund abgeleitet werden, zum Beispiel bei Superleicht- und Wärmedämmputzen. Hier wird der Putz durch reine Kompression zerdrückt.

Zwei-Lagen-Lösung

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Prävention – Lösung für Kunstharzbeschichtung auf WDVS: Die Druckspannung wird nicht in den Untergrund abgeleitet. Die Verformung ist zulässig, wodurch eine schadenfreie Rückstellung des Putzes möglich ist. Allerdings funktioniert das nur, solange der Putz durch Alterung nicht versprödet.

Doch wie kann ein WDVS so gestaltet werden, dass es einer herkömmlich verputzten Fassade in Haptik, Anmutung und Oberflächenbeschaffenheit in etwa gleichwertig ist? Die Lösung ist relativ einfach, denn auch Fassadendämmungen können ohne Weiteres mit bis zu 20 Millimeter dicken Putzlagen versehen werden. Der einzige Mehraufwand liegt im höheren Materialbedarf und einer zweiten Gewebelage. Je höher die Putzdicke, desto größer wird je nach Formulierung des Armierungsmörtels die Spannung in der Putzlage, die im Gegensatz zu Mauerwerk nicht in den massiven Untergrund abgeleitet werden kann. Ab circa acht Millimeter Putzdicke empfiehlt sich daher eine zweilagige Ausführung, bei der in der ersten Putzlage das Gewebe nahe den Dämmplatten und die zweite Gewebelage oberflächennah eingebettet wird. Dazwischen ist eine Standzeit von mindestens einer Woche einzuhalten, damit die Schwindprozesse der ersten Lage abgeschlossen sind. Je weiter die beiden Gewebelagen auseinanderliegen, desto stabiler wird die Putzfassade. Die Widerstandsfähigkeit und die Risssicherheit sind dann sogar wesentlich größer als die von herkömmlich verputztem Mauerwerk. Wissenswert ist, dass diese Putzweise in der Regel in den meisten allgemein bauaufsichtlichen Zulassungen enthalten ist. Einzig das Gewicht der gesamten Putzlage auf der Dämmung darf 30 kg/m² nicht überschreiten. Darüber hinaus gibt es auch speziell hydrophil ausgerichtete WDVS, die ausdrücklich nur dicklagig zu verputzen sind.

Neben der dickeren, zweilagigen Ausführung können in besonders stoßgefährdeten Bereichen der Fassade ­zusätzlich circa 12,5 Millimeter dicke Putzträgerplatten – zum Beispiel Blähglas­granulat oder zementgebundene Bauplatten – auf die Dämmplatten geklebt werden. Sie werden dann mit dem Armierungsputz mit Gewebeeinlage einfach überputzt. Alternativ bietet sich auch eine zusätzliche Gewebelage, wie aus Panzergewebe, zur Erhöhung der Stoßfestigkeit an. Jedoch erfordert auch diese Variante eine zweilagige Verarbeitung und eine Armierungsputzdicke von mindestens acht Millimetern. Eine doppelte Gewebelage in dünnlagigem Armierungsputz führt zu keiner nennenswerten Verbesserung.

Nicht am falschen Ende sparen

Grundsätzlich gilt: Eine Gewebelage ist nur so gut wie die Vergütungsqualität des Armierungsmörtels. Durch den Preiskampf der Mörtelindustrie sind heute leider minderwertige Armierungsmörtel auf dem Markt, die ihren Namen nicht verdienen. Das Resultat kann man heute deutlich an den unterschiedlich starken Schäden nach Hageleinschlägen sehen. Weiter spielen die Ausführungsqualität, insbesondere in Bezug auf die Putzdicke, und die Abbinde-Bedingungen eine entscheidende Rolle.

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Prävention – Lösung für mineralischen Dickputz auf WDVS: Ein Dickputz und gegebenenfalls eine zweite Gewebelage verhindern die Verformung. Die Druckspannung wird in den Armierungsputz abgeleitet. Eine Kompression des Oberputzes kann bei optimaler Adhäsion (erhöhte Haftung durch Haft­vermittler) und höherer Druckfestigkeit der ­Matrix weitgehend verhindert werden.

Außerdem stellt sich die Frage: Sollte man ein WDVS besser mit pastösen Dispersionsputzen (organisches System) oder mineralisch verputzen? Bei organischen ­Armierungsputzen ist die Putzschicht systembedingt dünn, ohne dabei an Widerstandskraft gegenüber mechanischen Belastungen einzubüßen. Für die Stabilität von mineralischen Systemen ist die Putzdicke entscheidend. Nur leider ist hier auch das größte „Einsparpotenzial“ vorhanden. Doch die Hagelschäden zeigen deutlich, wo an der Materialstärke gegeizt wurde. Vor allem Leichtarmierungsputze sind bei zu dünner Ausführung extrem druckempfindlich. Dieses schadensträchtige Einsparpotential bieten die ohnehin sehr dünnen organischen Systeme nicht, weshalb diese bei der Betrachtung aller Hagelschäden weniger häufig sind.

Nicht zu unterschätzende Vorteile der dicklagigen mineralischen Systeme sind deren höhere Wärmespeicherfähigkeit und die Möglichkeit einer gewissen Pufferung von Tauwasser. Im Gegensatz zu den dünnlagigen organischen Systemen ermöglichen sie einen Feuchtehaushalt, der die Oberfläche lange trocken halten kann. Algen- und Pilzbefall lässt sich so präventiv entgegenwirken. Dafür müssen allerdings die hygrischen Eigenschaften von Armierungs-, Oberputz und Farbsystem aufeinander abgestimmt werden. Außerdem zeichnen sich auf dick verputzen WDVS-Fassaden die Umrisse der Dämmplatten sowie die Gewebeüberlappungen nicht ab – auch deshalb, weil hier die Bearbeitung mit der Richtlatte erfolgt. Nicht zuletzt können bei dicklagigen mineralischen Putzen alle erdenklichen Putzarten und -techniken ausgeführt werden. Damit lassen sich an der Fassade Optiken wie bei traditionellen Putzfassaden erzielen.

Harry Luik ist Architekt, Stuckateurmeister und Sachverständiger für Schäden an Gebäuden und für das Stuckateurhandwerk in Reutlingen.

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Ein Gedanke zu “Nicht auf den Putz hauen

  1. Hallo und vielen Dank für den interessanten Artikel. Der Beitrag bietet sehr gute Infos, die besonders bei der Fassadensanierung hilfreich sind. Wenn die Bauherren das auch immer so sehen würden anstatt vorrangig auf den Preis zu schauen wäre es besser.

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