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Akademische Mitte: Gebäude wie Freiraum im mittleren Campus sind nach gleichen Prinzipien gestaltet – farblich wie atmosphärisch

Die Hochschule Fulda gönnt sich einen bemerkenswerten Campus. Seine Qualität verdankt er der gemeinsamen Planung von Architekten und Landschaftsarchitekt. Text: Roland Stimpel

Die Hochschule Fulda ist mit 41 Jahren noch ziemlich jung. Statt mit akademischer Tradition lockt sie mit Baukultur. „Die Hochschule erkannte, wie wichtig ein guter Campus ist“, erinnert sich der Landschaftsarchitekt Tobias Mann. Prozess wie Ergebnis sind vorbildlich: Es gab einen großen Wettbewerb und eine enge Kooperation zwischen Architekten und Landschaftsarchitekt, von der heute Gebäude und Freiraum gleichermaßen profitieren.

Noch vor fünf Jahren war der Anblick des Geländes trist: eine Ansammlung von Kasernen der Zeit um 1900, dazwischen Parkplätze. 2009 schrieb das Land Hessen einen beschränkt offenen Wettbewerb für eine neue Bibliothek, eine Mensa und ein Studienzentrum sowie deren Umfeld aus – und stellte gleich die richtigen Weichen: Nur Arbeitsgemeinschaften von Architekten und Landschaftsarchitekten sollten teilnehmen. Das Kasseler Büro Atelier_30 und der damals in Kassel tätige, heute in Fulda residierende Landschaftsarchitekt Tobias Mann taten sich zusammen und setzten sich im Wettbewerb gegen dreißig andere Teams durch. Inzwischen ist ihr Projekt realisiert.

Klarheit und Rationalität

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Hängematten für den Geist: Vor der Kulisse einstiger Kasernenbauten ist auf dem südlichen Campus ein verspielter Erholungsort entstanden.

„Jeder von uns war bereit, auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten“, berichtet Landschaftsarchitekt Mann. Dass da zwei Büros im gleichen Geist planten, ist vor allem dem Campus Mitte anzusehen. Von der Stadt her erreicht man ihn auf einem Eingangsweg, dessen Beginn durch geschnittenen Kirschlorbeer auf beiden Seiten ein Tor andeutet. Auf dem Platz selbst dominieren klare, sich vielfach wiederholende Rechteck-Formen. Sie prägen die Fassaden der dreigeschossigen neuen Randgebäude ebenso wie die Platzfläche mit ihren fünf Reihen aus je sechs noch jungen Platanen, deren Kronen vorerst quadratisch geschnitten sind.

Fassaden wie Freiraum stehen für akademische Klarheit und Rationalität, ohne aber steif zu wirken. Auf 27 hölzernen Tisch-und-Bank-Garnituren vor der Mensa finden 300 Esser Platz; an schönen Sommer-Mittagen reicht das nicht. Über den Campus wuselt oder watschelt das Hochschulvolk; irgendwann werden auf der wassergebundenen Decke unter den Bäumen auch die ersten Boulekugeln klacken. Zudem ist die Südseite des Platzes halb offen; eine breite Freitreppe nimmt das Geländegefälle auf. Auch die skulpturale „Vergessenskurve“ der Künstler Dolores Zinny und Juan Maidagan ist hier platziert; der Blick nach Süden geht in ein begrüntes Campus-Sträßchen.

Die Kooperation von Atelier_30 und Mann ging bis in die Materialwahl. Sie einigten sich auf einen fast identischen Grauton für Belag und Fassade – Muschelkalk an den Wänden, Granitpflaster auf dem Boden. Letzteres hatte schon dort gelegen und sollte zunächst weg, denn das Landes-Baumanagement favorisierte Betonsteinplatten. „Aber wir konnten nachweisen, dass ein Drittel des Pflasters wiederverwendbar war“, sagt Tobias Mann stolz. „Damit war die gestalterisch beste Lösung auch die ökonomischste.“ Bänder aus etwas hellerem, glatterem Material gewähren Barrierefreiheit.

Wie der Campus Mitte für Klarheit und Konzentration steht, so dient der Campus Süd der Entspannung und Kontemplation. Für das lang gestreckte Gelände modellierte Tobias Mann zunächst ein Modell aus Ton mit sehr plastischer Gliederung, ließ es vermessen und erstellte ein digitales Höhenmodell. An Hängen, in Mulden und in Senken stehen jetzt Lebensbäume und urtümlich-exotische Arten wie Wildapfel und Portugiesische Birnenquitte. „Wir betreiben keinen Obstbau, aber schaffen ein kleines Paradies“, meint Mann.

Mit Hügeln sparen

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Das Runde und das Eckige: Die klar ­gegliederte Neubau-Fassade von Atelier_30 und die bucklige Wiese vom Landschafts­architekten Tobias Mann kontrastieren reizvoll miteinander.

Er hat den „lichten Baumhain als poetischen Ort“ erdacht; Studenten schätzen hier am meisten die opulenten Hängematten. Und die Hausmeister widerlegen die Befürchtung, derart bewegter Boden sei schwer zu pflegen: Die Steilfahrt auf ihren Rasenmähern über Berg und Tal macht die Grünpflege zum kleinen motorisierten Abenteuer. Die aufwendig wirkende Gestaltung sei im Übrigen die kostengünstigste gewesen, verrät Mann: „Die Hügel sind Bodenaushub vom Geländer, der nicht giftig ist, aber gesondert entsorgt werden müsste. Die Wiederverwendung auf dem Gelände spart mit einem Streich 300.000 Euro.“

Nach der Erholung im Süden zurück zum Campus Mitte. Hier führt zwischen Mensa und Bibliothek eine 12,70 Meter breite Freitreppe zum dritten Freiraum, dem Campus Nord. Die Stufen verlaufen gerade, aber nach barockem Vorbild, wie Mann sagt: „Das Schrittmaß ist das gleiche wie auf der Spanischen Treppe in Rom.“ Und auch diese Treppe ist zum Sitzen da, in der Sonne oder im Schatten der Kiefern, die unregelmäßig darauf gepflanzt sind. Rollstuhlfahrer umrunden die Bibliothek oder nehmen den Fahrstuhl im Mensagebäude.

Oberhalb der Treppe liegt der bunte Campus Nord mit Rasen, Grillplätzen, Basketball-Arena und dem eingezäunten Spielplatz der Hochschulkita – und nicht zuletzt mit einem weiten Blick westwärts übers Horasbach-Tal bis zum Hochhaus-Stadtteil Ascheberg. Tobias Mann freut sich: „Hierher gehen nicht nur Studenten, sondern auch Leute aus der Nachbarschaft.“ Der Sportplatz ist sogar allzu beliebt: „Wer spielen will, muss sich manchmal anstellen“, wobei Studenten hier auch in Kontakt mit der teils migrantischen Jugend aus dem Umfeld kommen. Und beide Gruppen wissen offenbar das gepflegte und gestaltete Umfeld zu schätzen und halten auf Grill-, Picknick- und Sportplatz bemerkenswerte Ordnung – ein Zeichen für Identifikation. Tobias Mann: „Es ist schon toll, wie die hinterher immer aufräumen.“

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