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Schwerpunkt: Wissen

Kein Desaster trotz Master

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Monika Lepel, Lepel & Lepel: „Eine gute Recherche bringt uns viel mehr voran als ein Aquarell, das auf Büttenpapier gemalt ist.

Was Berufsanfänger von heute können – und was sie können sollten. Zwei Büroberichte Text: Nils Hille

Der Test klappt immer wieder. Wenn Monika Lepel Hochschulabsolventen zum Vorstellungsgespräch einlädt, dann will sie nicht nur durch die Antworten auf ihre Fragen hören, ob Bewerber in das Büro Lepel & Lepel in Köln passen, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Reinhard führt. Sie möchte es auch erleben. ­Daher sitzt der angehende Architekt oder Innenarchitekt nicht nur mit der Chefin, sondern zudem noch mit einer Abteilungsleiterin und einem dritten Kollegen zusammen. Das kann auch ein Praktikant sein, ganz egal. Sie unterhalten sich. Mal geht einer raus, dann kommt mal ein anderer Kollege rein und fragt etwas. So wie das halt ist, wenn in einem Büro viel zu tun ist. Lepel beobachtet dabei den Kandidaten: „Ich will wissen, ob er sich flexibel und munter einbringen kann.“ Kann er das, hat er gute Chancen auf eine Anstellung – auch wenn er fachlich nicht alles beherrscht, was sich die Innenarchitektin wünscht: „Wenn jemand ehrlich sagt, dass er sich mit etwas nicht auskennt, aber neugierig ist, es zu lernen, ist er mir viel lieber, als jemand, der immer die perfekt auswendig gelernten Bewerbungsgesprächs-Antworten gibt.“

Monika Lepel hat gute Erfahrungen mit ihrer Art des Auswahlverfahrens gemacht. Das Team des Büros arbeitet erfolgreich zusammen und konnte so immer weiter wachsen, gerade in jüngster Zeit. 1994 begannen die Inhaber zu zweit, heute haben sie 20 Mitarbeiter, teils Architekten, teils Innenarchitekten. Pro Jahr kommt ein Anfänger hinzu. Bisher waren es immer Absolventen mit abgeschlossenem Masterstudium, die sich beworben haben, auch wenn Lepel der Bachelor reichen würde: „Die Studenten drehen aus meiner Sicht zu oft im Leerlauf eine Runde. Das hilft uns von ihrer Qualifikation her nicht weiter.“ Sie wünscht sich, dass die Absolventen zum Beispiel eine Wandansicht im Maßstab 1 zu 20 vorlegen können. „Sie sollten das, was sie denken, auch visualisieren können. Wenn sie frisch von der Hochschule kommen, höre ich leider viel zu oft das Wort ‚Konzept‘ statt des Wortes ‚Entwurf‘ von ihnen.“ Die gestalterischen Ideen der Absolventen sollen dann auch mehr als nur kreativ sein: „Klar, jeder will am Anfang alles neu erfinden. Aber eine gute Recherche bringt uns viel mehr voran als ein Aquarell, das auf Büttenpapier gemalt ist. Dabei sollen die Absolventen nicht abkupfern, aber gute Produkte, Arbeitsweisen und Lösungsansätze verstehen und auf unsere Aufgaben übertragen.“

Monika Lepel freut sich über einige Fähigkeiten, die der Nachwuchs heute aus dem Studium mitbringt: Er sei an Gruppenarbeit gewöhnt, habe viele kommunikative Fähigkeiten und könne sich häufig gut selbst vermarkten: „Es gefällt mir auch, wenn die Einsteiger ihre Gehaltsvorstellungen deutlich äußern, statt sich vor klaren Aussagen zu drücken. Schließlich wollen wir alle von unserer Arbeit leben können.“

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

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Winfried Werner, Obermeyer: „Eine frühzeitige interdisziplinäre Zusammenarbeit ist an Hochschulen noch viel zu wenig etabliert.“

„Und wir wollen unsere Mitarbeiter lange bei uns halten“, würde Winfried Werner ergänzen. Der Abteilungsleiter Architektur und Hochbau bei der 1.200 Köpfe starken Planungsgesellschaft Obermeyer in München setzt auf eine möglichst geringe Fluktuation der Mitarbeiter. Das fängt früh an. „Wir finden die Absolventen in den meisten Fällen nicht über Stellenausschreibungen, sondern lernen sie schon als Werkstudenten kennen“, sagt Werner. So hat Obermeyer die letzten drei Studentinnen, die über jeweils rund zwei Jahre immer wieder in dem Büro tätig waren, übernommen. Sie arbeiteten in Projekten mit und konnten dabei genauso wie Winfried Werner herausfinden, ob arbeitstechnisch und zwischenmenschlich die Chemie stimmte: „Das ist ein gutes und mittlerweile bewährtes Prinzip. Wir vermeiden dadurch Überraschungen auf beiden Seiten.“

Positiv überrascht den Architekten immer wieder das große Interesse und Engagement an der Arbeit, das die Studenten und Absolventen mit ins Büro bringen. „Dank des Bachelor-Master-Systems können sie sehr strukturiert arbeiten. Das ist deutlich besser geworden“, sagt Werner. Allerdings fehle manchmal der Realitätsbezug: „Da müssen wir schon immer wieder draufschauen, dass die Projektbearbeitung im zeitlichen und finanziellen Rahmen bleibt.“ Dabei will er die Kreativität, die die Absolventen aus der Hochschule mitbringen, möglichst wenig dämpfen, die jungen Mitarbeiter jedoch zugleich erden. „Wir setzen auf eine frühzeitige interdisziplinäre Zusammenarbeit, sei es mit Stadtplanern oder mit Fachplanern der technischen Gebäudeausrüstung. Das wird zwar an den Hochschulen projektweise probiert, ist aber noch viel zu wenig etabliert“, sagt Werner. Ähnlich sehe es mit den digitalen Methoden wie BIM aus. Sie würden nur langsam in den Ausbildungsplänen der Hochschulen ihren Platz finden, und dann auch nur in den Wahlfächern. Im Büro würden sie aber ständig benötigt; somit müsse der Nachwuchs sie schnell lernen.

Aus Sicht des weltweit tätigen Büros Obermeyer fehlt den Absolventen zudem vor allem die Auslandserfahrung. Winfried Werner: „Ich würde mir wünschen, dass die Studenten verstärkt andere Länder mit ihrer Architektur und ihren Lebens- und Arbeitsweisen kennenlernen, gerne auch außerhalb Europas.“ Ein solcher Blick über den Tellerrand bereite sie am besten auf Projekte in Ländern wie China, Vietnam, Usbekistan und den Emiraten vor – und verbessere ihr Englisch.

Im Deutschen sollten sie ohnehin nicht auf den Mund gefallen sein, sondern regelmäßige Besprechungen und Projektvorstellungen zum Austausch mit den Kollegen nutzen sowie mit Werner erörtern, welche Fortbildungen für ihre fachliche Weiterentwicklung Sinn machen. „Jeder Architekt sollte bei uns einmal pro Jahr eine externe Fortbildung besuchen, gerne von den sehr guten Angeboten der Bayerischen Architektenkammer. Gerade die jungen Kollegen stehen bei uns im Fokus, damit sie schnell die Eintragungsvoraussetzungen erfüllen.“

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