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Schwerpunkt: Inseln

Mammuts in den Dünen

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Haus am Kliff: Der hölzerne neue Saalbau und der hell geschlämmte Stein des Altbaus links sollen an Bäderarchitektur erinnern.

Sylt sucht Wege jenseits von Reetdachseligkeit und schlichten Bauten für den Massentourismus. Text: Jürgen Tietz

Maestro Justus Frantz war verstimmt. Ihm missfiel der scheppernde Klang des Flügels im neuen Wenningstedter Kurhaus ebenso wie die Tatsache, dass das Instrument völlig verstaubt war. Zur Architektur des neuen Kursaals im Sylter Urlaubsort äußerte sich der Pianist bei seinem Osterkonzert hingegen nicht. Stattdessen verzauberte er seine Zuhörer trotz der akustischen Widrigkeiten mit den Feinheiten der Etüden Chopins. Was hätte er zu dem Mehrzweckraum auch groß sagen sollen?

Dabei ist der Blick aus dem „Kursaal hoch drei“ im „Haus am Kliff“ auf Strandpromenade und wogende Nordsee traumhaft. Das ist Sylt pur. Doch dafür hätte es weder des rätselhaften bemühten Namens bedurft, der sich aus dem Nutzungsdreiklang für Kultur, Kongress und Feste herleitet, noch einer vermeintlichen Bäderstilarchitektur mit hell geschlämmter Steinfassade und hölzernem Saalbau. Schon wird gespöttelt, das nicht gerade stilsichere „Haus am Kliff“ erinnere eher an eine Kulisse aus dem Wilden Westen.

Dabei war das Projekt ambitioniert gestartet: 2009 gewannen die Stuttgarter Reichel Schlaier Architekten mit Atelier Lohrer den Wettbewerb für das neue Kurzentrum. Die unterschiedlichen Nutzungen sollten sich um ein zentrales gläsernes Atrium mit Meerblick gruppieren, während die Fassade mit maritimen Assoziationen spielte. Doch den regionalen Medien lässt sich entnehmen, dass wohl Kosten und Raumvolumen nicht zusammenpassten, weshalb man in Wenningstedt nach einem anderen Ansatz suchte. Den realisierten Bau entwarf der örtliche Architekt Hans Schwemer.

Nicht nur Dax-Vorstände und Show-Prominenz

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Reet-modern: In einem private Wettbewerb siegten Martin A. Müller und Michael Dazko aus Hannover. Ihr Entwurf kombiniert zeitgenössische Architektur mit traditionellen Materialien.

Durchaus innovativ und dennoch landschaftsnah zeigt sich nur wenige Meter vom „Haus am Kliff“ entfernt das Wenningstedter Etablissement des Sylter Krabben-Königs Jürgen Gosch. Unter einer dünenartigen Grashaube präsentiert sich das meist überfüllte Restaurant zu zwei Seiten als gläsernes Tortenstück mit Meerblick (Schlums + Franzen Architekten).

Trotz gehobener Hotellerie und etlicher Sterneköche weiß man aber auf der Insel sehr genau, dass die touristische Zielgruppe sich nicht auf das finanzielle High-End der Dax-Vorstände und Talkshow-­Prominenz beschränkt, sondern auch ein qualitätvolles Angebot für Otto-Normal-Urlauberfamilien bereithalten muss. Nicht nur in Wenningstedt wachsen stetig neue Doppelhaushälften für Feriengäste und Zweitwohnungsbesitzer zwischen Strandhafer und Heckenrosen empor. Sie ersetzen die bescheideneren Nachkriegshäuser, die den gestiegenen Komfortansprüchen der Feriengäste nicht mehr entsprechen. Auf den verdichteten Grundstücken frieseln anschließend die neuen Haushälften reetdachniedlich und ziegelhübsch vor sich hin und bedienen die normierten Urlaubsträume. Keine Experimente, schon gar nicht architektonisch! Zumal die gestrengen Ortsgestaltungssatzungen Innovationen einen Riegel vorschieben. Für Martin Seemann, der vor zwei Jahren aus Süddeutschland als Inselbaumeister in den Sylter Hauptort Westerland gekommen ist, dürfte es jedoch gerne etwas zeitgenössischer auf der Insel zugehen.

Ein Thema für sich sind die Reetdächer. Der Dichter Ernst Penzoldt fühlte sich vor einem guten halben Jahrhundert beim Blick auf die verstreut zwischen den Dünen liegenden Reetdachhäuser Kampens noch an eine Herde weidender Mammuts erinnert. Inzwischen haben diese massenweise gekalbt. Die Reetdachseligkeit ist zum inselweiten Standard geworden.

Doch es gibt Versuche, die Norm zu variieren. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Kampener Ortsgestaltungssatzung hat Ralph Justus Maus, der auf der Insel „Sylter Immobilienträume“ verkauft, mit einem Wettbewerb ausgelotet, was unter einem Reetdach architektonisch möglich wäre. Inzwischen hat Maus erste Bauherren gefunden, die sich eine neue Interpretation friesischer Architekturthemen für ihren Sylter Wohnsitz vorstellen können. Doch noch ist keines dieser neuen Häuser realisiert. Anders als im angrenzenden Dänemark mahlen die norddeutschen Mühlen deutlich langsamer.

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Hotel Niedersachsen: Johannes Kaufmann aus Dornbirn im Vorarlberg gab dem Traditionshaus einen markanten Wellenschwung.

Generell gibt es auch kaum Beispiele einer „analoge Architektur“ im Sinne Miroslav Šiks in Schleswig-Holstein, die bestehende Vorbilder mit verfremdenden Elementen verbindet. Dabei böte gerade die Heimatschutzarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts in Norddeutschland gute Anknüpfungspunkte, um zu zeigen, wie Tradition und Moderne zusammenkommen können.

Doch es gibt Ausnahmen. Die Betreiber des Westerländer „Hotels Niedersachsen“ wagten gar eine Anleihe beim Architekturmekka Vorarlberg und engagierten Johannes Kaufmann aus Dornbirn für Umbau und Erweiterung ihres Hotels. Mit markantem Wellenschwung schiebt sich das traditionsreiche Haus heute um die Ecke, seine Fassade aus Holz vorneweg, die an die Sylter Dünenstege erinnert, silbrig schimmernd und herrlich duftend. Innerhalb weniger Tage war das tragende Gerüst des Holzständerbaus Ende März 2009 errichtet worden.

Unmittelbare Nachahmer hat das Haus noch nicht. Doch es stellt einen wichtigen Beitrag zum Innovationsdiskurs auf der Insel dar. Schließlich durchläuft Sylt seit einigen Jahren eine Erneuerungswelle, um der starken Konkurrenz der Ostseebäder Paroli bieten zu können. Gleich mehrere große Hotelprojekte sind so entstanden, vorneweg das ambitionierte Budersand an der Südspitze in Hörnum (Patrik Dierks Norbert Sachs Architekten aus Berlin).

Transformation in Westerland

Wie ein mächtiges Schiff liegt es am kleinen Hörnumer Hafen. Doch während sich der Baukörper von der Mole aus noch recht massig geschlossen präsentiert, löst er sich beim Betreten des Hotels immer weiter auf. Um eine Reihe von Höfen gruppiert, besitzt die Fünf-Sterne-Herberge eine beeindruckend luftige Helligkeit. Dicht an die Uferkante gebaut, können die Gäste von der einen Seite des Hotels aus ungehindert aus ihren Zimmern auf das Wattenmeer schauen, um sich dem atemberaubenden Wechsel des Lichts und der Gezeiten hinzugeben. Auf seiner anderen Seite ist das Haus zum Golfplatz des Hotels orientiert, der ein Konversionsprojekt der besonderen Art bietet: Wo heute reger Golfbetrieb herrscht, standen früher Kasernen.

Auch in Westerland ist der Sylter Transformationsprozess in vollem Gange. Gerade noch gestoppt wurden Überlegungen, im Zentrum Westerlands zwischen Strand- und Friedrichstraße ein Kongresshotel zu errichten. Stattdessen entsteht dort die „ Neue Mitte Westerland“ nach dem Entwurf von GRS Reimer & Partner mit Eigentumswohnungen und Ladengeschäften im Erdgeschoss.

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Farbe und Charme: Buntes im „Erlebniszentrum Naturgewalten“…

Zwar ist der aktuelle Baurausch bei Weitem nicht so tief greifend wie jener der späten 1950er und frühen 1960er Jahre. Damals entstanden besonders in Westerland etliche neue Apartmentblocks bis hin zur Megastruktur des Kurzentrums am Hauptstrand. Heute wandelt sich das architektonische Gesicht der Insel erneut. Besonders anschaulich wird das beim ehemaligen Marinestützpunkt List, der im letzten Jahrzehnt aufgerüstet hat und dabei baulich massiv verdichtet wurde. Das verträumte Hafenareal hat sich in ein Shoppingparadies mit Fähranbindung nach Dänemark verwandelt. Dahinter schließen sich mit dem allzu farbmächtigen „Erlebniszentrum Naturgewalten“ (Johannsen und Fuchs, Husum) und der Wattenmeerstation des Alfred-Wegener-Instituts der dänischen KHR Arkitekter aus Kopenhagen zwei neue Großstrukturen an. Mächtig ist auch der Hotelkomplex nach Entwurf des Lübecker Architekten Helmut Riemann anstelle des entsorgten Lister Kurhauses aus den 1970-er Jahren. Gleich hinter den ­Dünen thront das Hotel mit einer Fassade aus eingefärbten Betonelementen. Mit 177 Zimmern und einer 3.500 Quadratmeter großen Spa-Landschaft lässt das massige Haus die kleinteilige ­Bebauung der Umgebung nahezu verzwergen.

Mit ihrem Wohn- und Geschäftshaus „Hafen 7“ unmittelbar vor dem Hotelriesen geben die Westerländer VolquardsenArchitekten ein charmantes Beispiel für maßstabsgerechtes Weiterbauen. Mit abgerundeten Ecken, Holzverblendung und Satteldach folgt ihr 2012 fertiggestelltes Haus dem gekurvten Straßenverlauf und akzentuiert ihn.

Insulares Wohnkonzept

Die größte Herausforderung für Sylt stellen jedoch nicht die neuen Feriendomizile dar, sondern die Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Darin unterscheidet sich die Nordseeinsel nicht von anderen deutschen Immobilien-Hotspots. Allerdings bedarf die zartgliedrige Struktur der Insel einer besonderen Behutsamkeit in der weiteren Entwicklung. Laut Inselbaumeister Seemann fehlen auf Sylt aktuell rund 2.850 Wohneinheiten. Besonders bezahlbare größere Wohnungen für Familien werden nachgefragt. Zur Zeit sind in Westerland an zwei Standorten 200 neue im Bau und in der Planung. Zudem soll noch 2015 das „Insulare Entwicklungskonzept für Dauerwohnraum“ auf den Weg gebracht werden.

Ziel ist es, damit vor allem auf einst militärischen Liegenschaften neue Wohnungen für Sylter zu schaffen. Zwar liegt das Hauptaugenmerk auf der Entwicklung kommunaler Flächen. Daneben ist Seemann aber auch für die Themen Erbpacht und genossenschaftliche Modelle offen. Die Verabschiedung eines insularen Wohnraumkonzepts stellt einen bemerkenswerten Erfolg dar, gliedert sich die Insel doch in fünf eigenständige Gemeinden. Und die erinnern Seemann in ihrem Widerstandsgeist und Beharrungsvermögen gelegentlich mehr an „fünf gallische Dörfer“ als an eine Inselgemeinschaft, in der alle am selben Strang ziehen.

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…eine charmante Ecklösung im Haus „Hafen 7“.

Neben dem Mietwohnungsbau strebt Seemann auch einen verdichteten Bau von Doppelhaushälften an, um zugezogene Fachkräfte und Sylter auf der Insel zu halten. Derzeit müssen viele Arbeitskräfte während der Saison täglich mit der Bahn über den Hindenburgdamm auf das Festland pendeln. In künftigen B-Plänen für Neubauten soll ein Minimum von 40 Prozent Dauerwohnraum festgeschrieben werden. Um die notwendige Verdichtung für die neuen Wohnungen zu ermöglichen, werden zudem die alten Ortsgestaltungssatzungen außer Kraft gesetzt. Seemann hofft, dass damit demnächst Alternativen zur „Disneyfizierung der Insel“ durch Pseudo-Friesenhäuser eher möglich werden.

Neben seiner zukunftsweisenden Auswirkung auf das Zusammenleben auf Sylt kann das insulare Wohnraumkonzept auch als Ansatz einer neuen Diskurskultur verstanden werden. Architektenwettbewerbe und intensivierte Partizipation gehören ebenso dazu wie das Nachdenken über einen externen Gestaltungsbeirat. All das lässt sich gewiss nicht von heute auf morgen realisieren. Doch auf lange Sicht kann es dazu beitragen, die Attraktivität der Urlaubsdestination weiter zu steigern.

Der Weg zu einem weniger verstaubten Sylter Architekturstil ist noch weit. Aber vielleicht gelingt es ja, zusätzlich zu Düneneinsamkeit und Meeresrauschen bei einem Strandspaziergang auch eine architektonische Qualität auf der Insel zu verankern. Denn noch immer gilt, was der Verleger Peter Suhrkamp über Sylt schrieb: „Alle Sinne sind im Augenblick des Betretens der Insel von dieser vollauf in Anspruch genommen und ausgefüllt, und das Gemüt ist entweder verschüchtert oder betäubt oder beseligt.“Tabulator für rechte Ausrichtungn

Dr. Jürgen Tietz ist Kunsthistoriker und Journalist in Berlin.

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