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Bodenlos bodentief

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Utopie und Abstieg: Anke Stelling beschreibt die Enge im urbanen Gemeinschaftsdorf.

Wie eine Hausgemeinschaft an zu viel sozialer Transparenz scheitert, schildert der lebensnahe Roman „Bodentiefe Fenster“. Über dem Gartenhof liegt ein sanfter Hauch von kinderfreundlicher Großgruppe. Die Fassade hier besteht fast vollständig aus bodentiefen Fenstern; vor ihnen auf den Balkonen stehen wohl hundert Terrakottatöpfe. Das Genossenschaftshaus in Berlin-Prenzlauer Berg ist eine Idylle, entworfen von den Architektinnen Irene Mohr und Karin Winterer. Die in diesem Haus lebende Schriftstellerin Anke Stelling hat jetzt als Erste die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens anspruchsvoll literarisch verarbeitet – und äußert darüber tiefes Unbehagen.

So harmlos wie Stellings eigenes Haus wirkt anfangs auch das in ihrem jüngsten Roman – eine gebaute Realität, die einer sozialen Utopie dienen soll. Von außen sieht das Haus aus wie ein ganz normaler Neubau, Berliner Traufhöhe, Lückenschließung, sechs Stockwerke, dreizehn Parteien. Es ist aber nicht normal: Wir haben versucht darauf zu achten, dass unsere Gruppe nicht zu homogen ist, dass auch Ältere, Kinderlose Schlechtverdienende und Nichtakademiker dabei sind … Wir haben das Grundstück einer Stiftung überschrieben, um es ein für alle Mal dem Markt zu entziehen; wir sind gegen die Bildung von Wohneigentum und wollen stattdessen genossenschaftlich wirtschaften – weil die Gemeinschaft das wahre Kapital darstellt in dieser von Profitgier und Entsolidarisierung geprägten Gesellschaft.

In diesem Haus lebt die fiktive Mutter Sandra, die sich als Kind mal spielerisch Kassandra nannte und jetzt die trojanische Sagenfigur gibt – die Frau, die das Unheil sieht und prophezeit, deren verstörende Botschaft aber gerade darum keiner hören will.
Sandras Erfinderin Anke Stelling hat für den Titel ihres 250-Seiten-Romans auf ein gerade sehr beliebtes Architektur-Element zurückgegriffen: Bodentiefe Fenster. Unmittelbare Architekturkritik will das nicht sein; die Fenster stehen vielmehr für ein Leitthema des Buchs – als Symbol für den unausgesprochenen, erhofften Konsens, die gefühlte Gemeinsamkeit in der Lebenshaltung, die sich aber als illusionär, brüchig und nicht praktisch lebbar entpuppt.

Anfangs standen die Fenster in der literarischen Hausgemeinschaft für den Zusammenhalt: In der Planungsphase gab es viel Streit über Geld und Geschmack, Transparenz und politischen Anspruch. Über alles eigentlich, außer über die Fenstergröße. Die schien von vornherein abgemacht zu sein. Und wie bei altholländischen Calvinisten ohne Gardinen vermitteln sie die Botschaft: Man hat nichts zu verbergen; hier wird ohne Sünde gewohnt.

Und natürlich nachhaltig: Sie sind dreifach verglast und entsprechen unseren hohen, ökologischen Standards; für die automatische Belüftung sind sie mit Ventilatoren ausgestattet … Doch drei Jahre nach dem Einzug ist das solidarische Lebenskonzept mit dem banalen Alltag kollidiert, und auch für diese Desillusionierung stehen die großen Scheiben: Die bodentiefen Fenster erschweren, ehrlich gesagt, das Einrichten, zumindest, wenn man nicht schon bei der Grundrisserstellung wusste, wer wo schlafen soll und mit wie vielen Menschen und Möbeln man einzieht. Die Fenster verlangen ein schlüssiges Gesamtkonzept. Außerdem verlangen sie nach einer Putzfrau, regelmäßigem Aufräumen und Aussortieren, aber auch das ist etwas, das man heutzutage hat und tut. Und wenn ich das nicht will, muss ich eben damit leben, dass man es von außen sieht.

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Anke Stelling: Bodentiefe Fenster. Verbrecher Verlag Berlin 2015, 256 Seiten, 19 Euro

Kernthemen von Anke Stellings Buch sind Gemeinschaft, Familie und gescheiterte Aufbrüche in ihrer Eltern- und ihrer eigenen Generation. Es ist aber auch eine literarische Auseinandersetzung mit zwei Idealen, die auch unter Architekten verbreitet sind: dem planerischen Ideal des gemeinschaftlichen Wohnens und als großer Hintergrund dem grundsätzlichen Ideal, durch das eigene Wirken etwas für eine bessere Welt zu tun, Glück und gegenseitige Zuwendung von Menschen zu befördern.

„Eine Art von Dorfleben mitten in der Stadt“, steht auf unserer Homepage. Laut unserer Homepage und der Präambel unserer Satzung sollen bei uns im Haus „so viel Nähe wie möglich, so viel Distanz wie nötig“. Doch schon bald fühlt sich das Nest nicht mehr vor allem warm, sondern eng an. Jetzt, nach knapp drei Jahren Wohnphase, sind wir endgültig Dörfler geworden, wissen alles voneinander, hören schon am Schritt, wer durchs Treppenhaus geht, und am Einatmen, was der andere gleich sagen wird. Und reden nur mehr hinter vorgehaltener Hand.

Ständig übertritt jemand individuelle und familiären Grenzen; harmloseste Lebenspraxis wird plötzlich moralisch durchsäuert. Da fragt die Hausälteste, die Pensionärin Heide: „Sag mal, Sandra, was hältst du eigentlich davon, dass die Kinder mit dem Gartenschlauch im Sandkasten spielen?“ „Die wollen da drin eine Matschepampe haben.“ „Ja schon, aber Wasser ist ein Rohstoff. Ein wertvolles Gut, für das andere Kinder in anderen Regionen dieser Erde stundenlang anstehen müssen oder sogar tagelang zu Fuß gehen.“ Ich nicke. 

Nicht nur von Enge ist das urbane Dorfleben geprägt, sondern auch von Wettbewerb statt Solidarität. Es ist nämlich so, dass wir im Wohnprojekt konkurrieren, wer die lustigsten Bekannten, die besten Argumente, die begabtesten Kinder und die schönste Balkonbegrünung hat. Solche Sätze haben der Autorin im echten Haus viel Ärger eingebracht: Nachbarn meinten sich wiederzufinden. Stelling verweist darauf, dass ein Roman zwar echte Menschen und Orte zur Inspiration nutzt, aber nicht sie dar- und bloßstellt, sondern Kunstfiguren präsentiert. Auch im Verhältnis zu Nachbarn: Meine Gruppe ist nicht meine Gruppe, wir haben keine gemeinsame Utopie, wir haben ein Haus mit bodentiefen Fenstern, und das Einzige, was von den Slogans meiner Kindheit übrig bleibt, ist die Behauptung, dass „Gemeinschaft“ etwas Positives sei. 

Ständiges Mahnen und Rücksichtnehmen fördern Distanz, nicht Nähe. Wir reden nicht offen miteinander, nie. Wenn, dann wird in kleineren Gruppen geredet, unter Gleichgesinnten. Bald träumt eine Nachbarin die urbane Gegenutopie, dem anonymen Großstadtleben keine Gemeinschaft abzutrotzen, sondern schlicht und einfach sagen zu können: „Wisst ihr was? Es interessiert mich einen Dreck.“

Der Ich-Sandra fehlt dazu die Nonchalance; sie trauert den gescheiterten Idealen nach. Ich kann nicht glauben, dass unsere Hausgemeinschaft, die doch bis hierher, bis ins eigenhändig gebaute, selbstverwaltete Haus gekommen ist, nicht mehr gemeinsam weitergehen will. Dass wir auch untereinander nur noch so reden wie mit den Kitamüttern am Tor: keine Fragen als die nach dem Wetter, dem letzten Urlaub und dem oberflächlichen Gedeihen der Kinder.

Und sie fragt sich, ob nicht doch großstädtische Distanz verlockender wäre als pseudo-dörfliche Nähe. Bekannte leben diese Distanz und fühlen sich dabei nicht schlecht: Schon sind sie wieder froh, dass sie sich für ihr anonymes Mietshaus entschieden haben, in dem die Nachbarn zwar vom Balkon runterbrüllen und Briefe an die Hausverwaltung schreiben, wenn die Kinder mit dem Wasserschlauch spielen, aber dann darf man die Nachbarn auch doof finden. Ob Sandra diesen Weg gehen wird, lässt der Roman offen, zumal inzwischen schnödeste Geldzwänge sie hier festhalten: Zu so günstigen Konditionen findet man in einer derart beliebten Gegend nichts anderes mehr – am Ende ist das womöglich die letzte Basis der Gemeinschaft. Das Architektur-Element steht auch für diese harte Landung des einst erhofften sozialen Höhenflugs. Meine verfluchten, bodentiefen Fenster.

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