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Zukunft planen!

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23-Artikel_Auf dem Deutschen Architektentag geht es auch um Wettbewerbe und Vergabe. 

Es sind nur noch knapp sechs Wochen bis zum Deutschen Architektentag. Unter dem Motto „Zukunft planen“ läuft am 11. und 12. Oktober die Großveranstaltung des Berufsstands, organisiert von der Bundesarchitektenkammer und der Architektenkammer Niedersachsen. Der Architektentag findet alle vier Jahre statt und ist traditionell Anlass, die Aufgaben des Berufsstands insbesondere im Hinblick auf Ökonomie und Soziales zu definieren und den eigenen Standort zu bestimmen. Zu den Podiumsthemen 2015 gehören selbstverständlich auch Wettbewerbe und Vergabe. Zwei Podiumsteilnehmer geben auf diesen Seiten vorab Statements.

ANMELDUNG: www.deutscher-architektentag.de

 

 

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Sandra Wehrmann ist Geschäftsführerin der Wohn+Stadtbau in Münster, die in diesem Jahr den Ausloberpreis der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen erhalten hat.

20 Wettbewerbe in zehn Jahren
Wie ein Wohnungsunternehmen in Münster immer wieder kreative Lösungen sucht. Text: Sandra Wehrmann 

Anerkennung und Akzeptanz für neue Bauwerke zu finden, ist eine Herkulesaufgabe – vor allem, wenn man die Vielfalt unterschiedlicher Interessen und Erwartungen an Architektur berücksichtigt. Wie aber könnte man diese Akzeptanz besser erreichen als durch einen offenen, kreativen Wettbewerb, an dessen Ende die aus funktioneller, ökonomischer, ökologischer und ästhetischer Sicht beste individuelle Lösung steht? Die Frage, warum die Wohn+Stadt­bau als Unternehmen der Stadt Münster seit vielen Jahren auf Architektenwettbewerbe setzt, ist damit im Kern bereits beantwortet. Dass wir das erste Wohnungsunternehmen in Nordrhein-Westfalen sind, das für dieses Engagement den Ausloberpreis der Architektenkammer erhält, macht uns sehr stolz.

Seit vielen Jahren schreiben wir Neubauprojekte als Architektenwettbewerbe aus. Mehr als 20 waren es innerhalb der vergangenen zehn Jahre. Und wir können mit Fug und Recht behaupten, dass die Wohn+Stadtbau damit prägend und innovativ auf die Bauentwicklung in Münster eingewirkt hat. Unser Grundsatz dabei lautet: Der Auftrag wird dem nach den Empfehlungen des Preisgerichts ersten Preisträger erteilt – und zwar möglichst ohne Veränderungen durch wirtschaftliche oder andere Zwänge. Das ist in den allermeisten Fällen auch gelungen.

Die Architekten, die als Sieger aus unseren Wettbewerben hervorgegangen sind, stammen nicht nur aus dem Münsterland, sondern auch aus deutschen Metropolen und dem europäischen Ausland. Internationalität ist dabei kein Selbstzweck, vielmehr wird hier einer der unschlagbaren Vorteile von Architektenwettbewerben deutlich: Man kommt durch die ständige Auseinandersetzung mit unterschiedlicher Architekturphilosophie als Wohnungsunternehmen erst gar nicht in die Versuchung, Neubauten „von der Stange“ abzuliefern und sich ändernde Nutzerbedürfnisse außer Acht zu lassen. Innovative Baukonzepte tragen nämlich zur Baukultur einer Stadt bei und sind damit eine architektonische Bereicherung des ganzen Stadtbildes. Schließlich prägen Gebäude das Gesicht einer Stadt mindestens über mehrere Jahrzehnte. Wenn es darüber hinaus auch noch um Planungskonzepte für städtebaulich markante und sensible Standorte oder Modellprojekte mit beson- deren sozialen Zielen geht, zum Beispiel ehemalige Kasernenflächen, sind durchdachte, innovative und individuelle Lösungen umso wichtiger.

Ich bedanke mich im Namen der Wohn+Stadtbau bei all den hervorragenden Architekten, die sich in den vergangenen Jahren an unseren Wettbewerben beteiligt haben, wohl wissend, dass sie möglicherweise leer ausgehen könnten. Nur so können die Verfahren auch in Zukunft erfolgreich sein.

 

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Prof. Ludwig Wappner hat als Mitinhaber des Münchener Büros Allmann Sattler Wappner Architekten an zahlreichen Wettbewerben teilgenommen und war im letzten Jahrzehnt in mindestens 60 Verfahren Preisrichter.

Selbstbewusst entscheiden
Auslober brauchen mehr Mut, Offenheit und eigene Kompetenz. Text: Ludwig Wappner 

Architektenwettbewerbe können nach wie vor extrem spannende, faszinierende und lohnende Veranstaltungen sein, für Teilnehmer, für Juroren und natürlich vor allem für die öffentlichen und vermehrt privaten Auslober, die dieses einzigartige Angebot weniger als lästige Verpflichtung sehen sollten, sondern in erster Linie als großartiges Angebot unseres Berufsstandes zur Lösung unterschiedlichster Bauaufgaben. 
Das kreative und innovative Potenzial der Wettbewerbe für unsere Gesellschaft und deren Baukultur ist immens. Dieses kulturelle Angebot wird jedoch, wie aktuell spürbar ist, in vielen Wettbewerben längst nicht mehr ausgenutzt. Das hat vielfach mit einer verhaltenen Einstellung zum Architekturwettbewerb im Allgemeinen zu tun, aber in erster Linie mit wirtschaftlichen und vermehrt mit rechtlichen Gründen.

Zunächst ist da die deutlich eingeengte Einstellung vor allem öffentlicher Auslober. Sie erwarten weniger unkonventionelle, überraschende Ideen und Lösungen in dieser frühen Phase eines Entwurfs, sondern mehr wirtschaftliche Sicherheit, den Regeln der Bautechnik entsprechende Detaillierung und unmittelbar konkretisierbare Umsetzbarkeit. Das engt nicht nur den Einfallsreichtum und das Ideenspektrum der Teilnehmer zwangsläufig und unnötigerweise ein, sondern lähmt oft auch notwendige kontroverse Diskussionen in den Jurys. Der Auslober erwartet allzu oft schon im Wettbewerb mit seiner Aufgabenstellung ein Anlegen von Hosenträger und Gürtel – und die Beiträge vieler Teilnehmer zeugen dann sichtbar von dieser Bewegungseinschränkung.

Damit in engem Zusammenhang steht die immer stärkere Fokussierung auf zu viele Einzelfragen in dieser frühen Phase eines Projekts. Wettbewerbe werden mehr und mehr mit partikularen Vorgaben überfrachtet und die Auslobungen zu komplexen Lesebüchern. Es werden von allen Seiten Konkretisierungen und aufwendige Nachweise verlangt, die in dieser Phase eines Projekts weniger bis gar nicht entscheidungsrelevant sind, da sie erst in den folgenden Leistungsphasen eines Projekts detailliert untersucht werden können – etwa zur Energieeffizienz, zum Unterhalt, zu Lebenszykluskosten und speziellen Fragen der Haustechnik.
Eine gute Jury erkennt das Potenzial der Konzepte für diese notwendigen Fragen, erläutert diese den Nichtfachleuten und konzentriert sich auf das Wesentliche der Wettbewerbsaufgabe.

Die Aufmerksamkeit der gesamten Jury und später auch der interessierten Öffentlichkeit sollte weniger von speziellen Einzelthemen gelenkt werden, die dann meist die wichtigeren Fragestellungen der Zukunftsfähigkeit und gesellschaftlichen Relevanz der Konzepte extrem überlagern und verengen. 
Denn nicht in der Lösung einzelner und spezieller Detailfragen, sondern mit einem kreativen und innovativen Gesamtkonzept sollte ein Wettbewerb neue Ideen und alternative Lösungen zutage fördern.

Auslober, und unter ihnen gerade die öffentlichen, brauchen auch wieder mehr Wagemut im Hinblick auf die Potenziale und Kompetenzen ihnen unbekannter und junger Architekten. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass private Bauherren häufiger mit erfahrenen und schon etablierten Büros arbeiten wollen und in der Regel weniger bereit sind, sich bei Wettbewerben auf unbekannte und jüngere Büros einzulassen. 
Das führt leider bei beschränkt offenen und bei eingeladenen Wettbewerben zu einem vermehrt homogenen Teilnehmerfeld von ausgewählten Spezialisten, die – wie vielfach zu beobachten ist – in erster Line gut messbare Rezepte liefern und weniger emotionale architektonische Qualität.

Bei öffentlichen Bauherren bewirken die leidigen und unnötigerweise zu eng gefassten formellen Einstiegshürden bei den mittlerweile unvermeidbaren vorgeschalteten Bewerbungsverfahren das Gleiche. Junge, innovative und kleinere Büros mit bester Ausbildung haben kaum eine Chance, bei den geforderten Qualifizierungskriterien zu punkten, und somit nicht einmal eine Chance zum Mitmachen bei einem Wettbewerb. Dieser derzeit intensiv unter Architekten diskutierte Teufelskreis der Regelungen von Wettbewerbsverfahren kommt für viele junge Architektinnen und Architekten fast schon einem Berufsverbot gleich. Er kann eigentlich nur durch einen fairen und offenen Wettbewerb bei öffentlichen Bauaufgaben durchbrochen werden.

Es bedarf eines unverkrampften Verständnisses für das Wettbewerbswesen, gerade bei den öffentlichen Auslobern, die vielfach auch bei Wettbewerben privater Bauherren am Verfahren entscheidend beteiligt sind. Dies manifestiert sich bei allen Verfahren für Teilnehmer und Jurys spürbar positiv, wenn der Berufsstand auch auf Ausloberseite, öffentlich wie privat, fachlich präsent ist, inhaltlich kompetent und zukunftsorientiert berät und selbstbewusst mitentscheidet.

Derart offene und kundige Auslobervertreter sind bei Wettbewerbsverfahren und in den Jurys auch in der Regel eher bereit, diese besondere Offerte unseres Berufsstands entsprechend zu artikulieren und zu würdigen: unsere immer noch ausgeprägte leidenschaftliche Bereitschaft, geistige Leistungen ohne Honorarversprechen zu liefern und uns immer wieder auf eigenes Risiko in den Qualitätswettbewerb zu stürzen. Das ist ein einzigartiges Angebot, welches nicht von der Bürokratiemaschinerie der EU-Dienstleistungsrichtlinien ad absurdum geführt werden darf. Dafür müssen die Architektenkammern und Berufsverbände gemeinsam entschieden kämpfen.

Für uns selbst sind das hohe kreative Engagement und die geistige Vorleistung ohne kalkulierbar wirtschaftlichen Erstattungsanspruch nach wie vor eine wichtige, in jedem Wettbewerb neu übermittelte Botschaft über das berufliche Selbstverständnis von Architekten. Der Einsatz für Wettbewerbe und die Teilnahme an ihnen betonen damit nicht zuletzt unsere besondere gesellschaftliche Einstellung.

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