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Green Building

Nachhaltig, aber auch schön

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In Zukunft soll die gestalterische Qualität in die Bewertung der Nachhaltigkeit von DGNB-zertifizierten Gebäuden einfließen. Der aktuelle Stand in vier Fragen und Antworten Text: Carmen Mundorff

Haus im grünenWas ist bisher geschehen?
Ist die Atmosphäre, die Architektur schafft, messbar? An dieser Frage arbeitet die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen schon von Anbeginn. Viele Arbeitsgruppen haben darüber diskutiert, wie sich die Gestaltung angemessen in das Zertifizierungssystem integrieren lassen könnte. Anfangs beschränkte man sich auf das Abfragen nach Kunst am Bau und mit einem durchgeführten Architekturwettbewerb ließ sich ebenfalls punkten, alternativ mit anderen Auszeichnungen, die sich der Qualität von Gebauten widmen. Gegen die Vielzahl der einfach messbaren Kriterien, die sich gegebenenfalls auch mit einer Prüfung vor Ort bewerten lassen, waren die zwei Ansätze für den Nachweis guter Gestaltung allerdings nur ein Feigenblatt. Kritik wurde laut, denn eine Vielzahl von DGNB-Gold zertifizierten Gebäuden sind gestalterisch eher schlicht bis banal. Immer wieder wurden Grundsatzdiskussionen geführt und immer wieder war das Ergebnis, dass eine gute Gestaltung, die sich positiv auf Menschen auswirkt, nicht messbar ist. Doch 2015 wurde nochmals ein Versuch gestartet, um einen Weg zu finden, wie man innerhalb eines Zertifizierungsprozesses die Gestaltung bewerten könne.

Welche Haltung haben die Kammern zu dem Thema?
Neben Wettbewerben empfehlen die Architektenkammern und der Bund Deutscher Architekten (BDA) Gestaltungsbeiräte, die in Kommunen wirken, um bei Stadtbild prägenden Bauprojekten Empfehlungen zu geben. Bei der DGNB wird bereits seit 2011 darüber nachgedacht, ob so ein Gremium auch in den Zertifizierungsprozess integriert werden könne. In diesem Jahr nun konkretisiert sich der Gedanke. Unterstützt von der Bundesarchitektenkammer hat die DGNB sich zum Ziel gesetzt, die gestalterische Qualität unserer gebauten Umwelt zu fördern, indem sie ein Bewusstsein für dessen Bedeutung schaffen und eine konkrete Hilfestellung bei der Umsetzung geben will.

Was wird nun konkret getan?
Mit Auftrag der Bundesarchitektenkammer ausgestattet entwickelte die Strategiegruppe Vergabe und Wettbewerb der Architektenkammer Baden-Württemberg im Südwesten ein Bewertungskonzept, zu dem auch die Position des BDA gehört wurde. Neben der Struktur eines Gestaltungsbeirats, der diese Aufgabe künftig ausführen soll, wurden – in Anlehnung an Auszeichnungsverfahren und Wettbewerbe -– Kriterien für die inhaltliche Wertung zusammengestellt:

  • städtebauliche Qualität (städtebauliche bzw. landschaftliche Einbindung, Freiraumgestaltung, Umgang mit Grundstück und Topographie)
  • architektonische Qualität (Gesamtanmutung, Komposition, Proportionalität, Materialität, Farbe, Konstruktion, Details, Innenraumgestaltung)
  • Funktionalität (Grundrisse, Flexibilität und Umnutzbarkeit)

Diese Kriterien sollten projekt- bzw. objektspezifisch präzisiert, Anforderung, Gewichtung und Erfüllungsgrad im konkreten Betrachtungsfall definiert werden. In einer Pilotphase, die am 5. Oktober auf der EXPO REAL in München offiziell gestartet wird, will die DGNB zwei Bewertungswege ausprobieren, um das geeignetste Procedere künftig anzuwenden bzw. anzubieten.

Welches Land ist hier Vorreiter?
Im benachbarten Ausland startete übrigens 2013 die Pilotphase für den Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz – Hochbau (SNBS), der ein Jahr später mit den Erfahrungen aus 28 Projekten erfolgreich abgeschlossen wurde. Der SNBS umfasst das Gebäude an sich und den Standort im Kontext seines Umfeldes. Ziel des neuen Standards ist es, die drei Dimensionen des nachhaltigen Bauens (Gesellschaft, Wirtschaft, Umwelt) gleichermaßen und möglichst umfassend in Planung, Bau und Betrieb mit einzubeziehen und damit den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie phasengerecht zu berücksichtigen. Spannend an dieser Stelle ist die Säule der Gesellschaft, die unsere Nachbarn mit folgenden Zielen belegen:

  • gestalterische und städtebauliche Qualitäten
  • Bauen für alle
  • Individuelle Gestaltungsspielräume
  • Räume für soziale Kontakte
  • Gesundheit und Wohlbefinden

Das zuletzt genannte Kriterium wird von der DGNB von Anbeginn geprüft: visueller, akustischer und thermischer Komfort sowie die Raumluftqualität. Neu sind die Fragen nach innovativen Elementen, wie städtebauliche und architektonische Qualitäten und der Umgang mit den Bedürfnissen der unterschiedlichen Zielgruppen. Neben den Aspekten der Wirtschaft und der Umwelt wird in der Schweiz ein Gebäude als nachhaltig eingestuft, wenn

  • es im Kontext mit dem Ort steht und sein Umfeld berücksichtigt
  • die Zielgruppe in einem qualifizierten Verfahren einbezogen wurde
  • es angemessene Gebrauchs- und Nutzungsqualitäten aufweist
  • es einen guten Komfort und eine optimale Raumluftqualität ermöglicht.

Die gemeinsame Initiative von Wirtschaft und Verwaltung ist lobenswert und der Schweizer Regierung gebührt auch Anerkennung, denn der dortige Bundesrat hat die Förderung des nachhaltigen Bauens in seiner Strategie zur nachhaltigen Entwicklung verankert und unterstützt die Erarbeitung eines neuen Gebäudestandards. Neben dem Engagement der DGNB ist ein derart nationales Bekenntnis auch hierzulande wünschenswert.

Carmen Mundorff ist bei der Architektenkammer Baden-Württemberg für den Bereich Architektur und Medien

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