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Standpunkt

Architektur als ­Öffentlichkeits-Arbeit

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06-11_Artikel_4Die Architektur ist von allen Künsten diejenige, die die größte gesellschaftliche Verantwortung hat. Ein Buch kann man zuschlagen. Eine Schallplatte kann man weglegen. An einem Haus kann man nicht vorbeigehen, ohne es zu sehen.“ Mit diesen klaren Worten hat der frühere Bundespräsident Johannes Rau darauf hingewiesen, dass Architektur per se Öffentlichkeits-Arbeit ist.

Doch wie können wir Architekten dieser Verantwortung gerecht werden? Exzellente Entwürfe und verlässliche, präzise Planung allein reichen nicht aus. Wir müssen darüber hinaus in der Lage sein, Überzeugungsarbeit zu leisten – sei es, um Aufträge zu akquirieren, Entscheidungsträger für baukulturelle Fragen zu sensibilisieren oder Bauherren für Alternativen zu ästhetisch bedenklichen Wünschen zu gewinnen.

Dies erfordert neben Einfühlungsvermögen, Fingerspitzengefühl und diplomatischem Geschick auch das Wissen um kommunikative Prozesse und den öffentlichen Diskurs.

Wie für andere Berufsgruppen, gehört die Imagepflege auch für uns Architekten zu den kommunikativen Kernaufgaben des Geschäfts. Denn das Bild, das sich die Gesellschaft von unserem Berufsstand macht, trägt entscheidend zum Erfolg unserer Arbeit bei. Dieses öffentliche Bild des Architekten setzt sich aus vielen Facetten zusammen. Dazu gehören nicht nur die Erfahrungen von Bauherren, Nutzern oder interessierten Bürgern mit Architekten, sondern auch die mediale Spiegelung unseres Berufsstands. Je nachdem, was gerade im Fall der sattsam bekannten Großprojekte schiefläuft, sind die Klischees von weltfremden Ästheten, glamourösen Stararchitekten oder halsstarrigen Dogmatikern schnell zur Hand. Dagegen können wir nur mit unserem Selbstverständnis als verantwortungsbewusste und kompetente Architekten und Planer ankommen.

Denn welcher Ruf den Architekten vorauseilt, hängt vor allem von uns selbst ab und davon, wie es uns gelingt, die Anliegen unseres Berufsstands in der Gesellschaft zu vermitteln. Damit eine Botschaft ankommt, bedarf es jedoch einer differenzierten (An-)Sprache und der Fähigkeit zum Perspektivwechsel: Nur wer sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen vermag und um dessen Erwartungen und mögliche Vorbehalte weiß, wird sein kommunikatives Ziel erreichen.

Die wichtigste Öffentlichkeitsarbeit für unseren Beruf besteht nicht in publikumswirksamen Events, sondern in unserem täglichen Tun. Darin darf man uns aber auch nicht behindern. So müssen junge Büros verstärkt die Chance erhalten, über Wettbewerbe auf die Qualität ihrer Ideen aufmerksam zu machen.

Gerade in Zeiten, in denen die Architektur so gefragt ist wie jetzt, können wir unsere soziale Verantwortung im wahrsten Sinne des Wortes untermauern, indem wir uns in aktuelle politische und gesellschaftliche Diskurse mit unserem Fachwissen einbringen.

Der geschätzte Bedarf von jährlich 400.000 neuen Wohnungen erfordert von uns neue Ideen, um die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Architektur spielt eine Schlüsselrolle bei der Unterbringung der Flüchtlinge und bei der Frage, wie Räume für Integration und Begegnung beschaffen sein müssen. Gefragt sind sozial integrierte Konzepte und intelligente und ortsbezogene Entwürfe, die unsere Städte bereichern und nicht zuletzt beweisen, dass wir Architekten uns der Verantwortung für die Öffentlichkeit bewusst sind. Es ist eine große Herausforderung. Wir nehmen sie an.

Heiko Lukas, Präsident der Architektenkammer Saarland

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