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Kirchenschiffe auf neuem Kurs: Der Pfarrerssohn mit Architekturdiplom Jörg Beste entwickelt neue Nutzungen für Kirchen.

Jörg Beste berät schrumpfende Gemeinden bei der Umnutzung ihrer Sakralbauten Text: Nils Hille

Erst waren es viele lose Enden, die sich dann über die Zeit wie selbstverständlich zusammengefügt haben. So lässt sich der wechselhafte Werdegang von Jörg Beste bildlich zusammenfassen. Dabei ist ihm eigentlich schon alles in die Wiege gelegt worden. Nur nahm er das als kleiner Bub, der als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Düsseldorf aufwuchs und den Bau der Kirche des neu entstandenen Wohngebiets miterlebte, gar nicht wahr. Die Begeisterung für das Gemeindeleben war groß, und Papas eingeschlagenem Weg zu folgen, verlockend. So studierte der Sohn ebenfalls evangelische Theologie, rieb sich aber „an dem amtskirchlichen Umfeld“ und brach nach sieben Semestern das Studium ab. Doch Beste hatte schon einen neuen Plan: Er studierte Architektur und Städtebau in Konstanz, Berlin und Amsterdam. „Der Weg war kein technisch motivierter und ich wollte auch nicht unbedingt entwerfen. Vielmehr interessierte mich, wie ich ein positives städtebauliches Umfeld gestalten kann, sodass neue Strukturen entstehen, die einen sozialen und kulturellen Wert für die Menschen haben.“

Mit diesem Denken in Anforderungen und Lösungen statt direkt in konkreten Produkten war er bei seiner ersten beruflichen Station in einem Architekturbüro in den Niederlanden auch genau richtig. Hier boomte Mitte der 1990er-Jahre der Markt für Planer, die aus alten Hafengebieten neue Wohngebiete entwickeln konnten. Bei seinem privat bedingten Umzug nach Köln musste sich Beste dann mit viel Konkurrenz und wenig guten Jobchancen vorerst arrangieren und einen Job in einem Architekturbüro annehmen, der ihn weder begeisterte noch auslastete. So blieb ihm aber Zeit, um weitere Kontakte zu knüpfen und Veranstaltungen wie das „Offene ­Forum für Baukultur“ zu organisieren. Hier kam Beste dann sein familiärer Hintergrund und sein erstes Studium wieder zugute: Mit einer Veranstaltungsreihe zum Thema Kirchenumnutzungen im Jahr 2003 war er schon zwei Jahre, bevor es v­ielerorts akut wurde, auf der Höhe der Zeit. Das gab ihm Mut, seinen Job zu kündigen und sich mit dem Büro „synergon Stadtentwicklung Sozialraum Kultur“ in Köln selbstständig zu machen. „Ich fand
es zwar zu der Zeit etwas abenteuerlich, aber im Rückblick war es genau der rich­tige Moment.“

Denn nun konnte er Partizipationsprozesse organisieren, Ausstellungen realisieren und 2005 als Honorarauftrag die Geschäftsführung des Architekturforums Rheinland übernehmen. Die Jahre 2006 und 2007 standen dort dann wieder ganz im Zeichen der Kirchenumnutzung. Jedes Jahr organisierte Jörg Beste zehn Veranstaltungen dazu – alle waren gut besucht, die Nachfrage blieb ungebrochen. Zur gleichen Zeit konnte Beste im Auftrag des Landesbauministeriums Nordrhein-Westfalen ein Modellvorhaben zu dem Thema konzipieren. Er nominierte 20 Projekte mit ganz unterschiedlichen baulichen Qualitäten, für die dann ergebnisoffene Machbarkeitsstudien erstellt wurden. „Was damals noch nicht im Fokus stand, war die Frage, wie die Prozesse in einer Gemeinde ablaufen, bis sie sich auf eine neue Nutzung verständigt hat. Doch das ist eine der entscheidenden Fragen, denn jede räumliche, soziale, finanzielle, kulturelle und emotionale Situation ist anders. Da muss sich ein Architekt auch darauf einlassen wollen und können.“ Beste hat seitdem eine Vielzahl von Gemeinden beraten und sehr komplizierte Entscheidungswege begleitet: ­„Häufiger musste ich auch einen Schritt zurückgehen, um dann später zwei Schritte vorwärtsgehen zu können. Das ist ­anstrengend, aber am Schluss umso erfreulicher.“ Er übernimmt hierbei die ­Moderatorenrolle, die nicht über die HOAI abgedeckt ist und anderweitig verhandelt und vergütet werden muss, und steht immer wieder vor der Herausforderung, dass es meist kein Nutzungsinteresse gibt. „Viele Architekten scheitern daran, da diese Aufgabe alles andere als eine konkrete Umbauanfrage ist.“

Steht dann das Ergebnis fest, wie ein Sakralbau umgenutzt werden soll, verabschiedet sich Beste. Konkrete Planungs- und Bauaufgaben übernimmt er nicht und er empfiehlt auch keine Architekten, da er sich nicht als Auftragsvermittler versteht. Stattdessen rät er zu kooperativen Werkstattverfahren mit drei Architekturbüros. „Hier können die Gemeinden von Anfang an auf die Planungen einwirken, ihre Wünsche und Empfindlichkeiten mit einbringen und mit den Fachleuten diskutieren anstatt einfach etwas vorgesetzt zu bekommen, wie es bei einem klassischen Wettbewerb der Fall und hier einer Gemeinde gemäßer ist.“ Solche Verfahren fordern mittlerweile auch die meisten Bauabteilungen der Landeskirchen und Bistümer, die in den vergangenen Jahren viele Erfahrungen in der Umnutzung der Gebäude ihrer Gemeinden sammeln mussten. „Allein im katholischen Bistum Essen gab es im Jahr 2006 rund 340 Sakralbauten. Nach Schätzungen könnte diese Anzahl bis 2020 auf ungefähr 100 Gebäude sinken, da dieses Bistum hauptsächlich nicht von Einnahmen durch Liegenschaften lebt, sondern von den bis dahin stark rückläufigen Kirchensteuern“, so Beste. Auch in vielen anderen Regionen gibt es immer größere Zusammenschlüsse, so Beste: „Da wird aus zehn bis zwölf Ursprungsgemeinden eine Gemeinschaft. Und alle müssen sich die Frage stellen, was sie nun noch mit einem Dutzend Gotteshäuser anfangen sollen. Viele dümpeln dann erst einmal so vor sich hin. Der Sanierungsstau ist gewaltig.“ Dabei kann meist nur jedes Projekt einzeln betrachtet, bewertet und bearbeitet werden. Zu unterschiedlich sind die Gebäude­formen, das räumliche Umfeld und die sich daraus ergebenen Umnutzungsoptionen. Doch eines steht fest: Für Beste und viele Architekten werden Kirchenum­nutzungen noch lange ein Thema und ­Geschäftsfeld sein.

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