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Mammutprojekt Elbphilharmonie

Hanseatisch ruhig

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Eröffnungskonzert am 11. Januar 2017: Nach zehn Jahren Bauzeit geht die Elbphilharmonie dann offiziell in Betrieb.

Bei der Hamburger Elbphilharmonie zählt nicht nur der große Konzertsaal zu den akustischen Herausforderungen. Auch die anderen Bereiche erforderten individuelle Lösungen.

Text: Elke Kuehnle

Besucher der Elbphilharmonie sollen Konzerte in höchster Klangqualität erleben können. Daher wurden in dem großen Saal besonders aufwendige und weltweit einzigartige akustische Maßnahmen umgesetzt. Aber auch in den anderen Gebäudeteilen wurde bei der Akustik und dem Schallschutz nicht gespart. Die 244 Zimmer des Luxushotels Westin und die 45 Lofts, deren Quadratmeterpreis bei etwa 35.000 Euro beginnt, sowie die öffentlich zugängliche Plaza auf 37 Metern Höhe sind mit akustisch aktiver und schallabsorbierender Technik ausgestattet. Überall soll man sich dort in Räumen aufhalten, die einen Ruhepol mitten im Hamburger Hafen bilden.

Eckpunkte des baulichen Schallschutzes
Der Standort an der Kaispitze gilt wie die gesamte Hafencity als die am stärksten lärmbelastete Region Hamburgs. Erinnert sei nur an die Signalhörner der riesigen Kreuzfahrtschiffe. Die Anforderungen an den Schallschutz waren auch deshalb bereits bei Beginn des Projektes hoch und haben sich während der langen Planungs- und Bauzeit nicht verringert. Der Architekt Jan Christoph Lindert, Associate bei Herzog & De Meuron, die die Elbphilharmonie in Kooperation mit dem Klangexperten Yasuhisa Toyota von Nagata Acoustics entwarfen: „In den Konzertsälen war die Qualität von Anfang an in den Fachunterlagen beschrieben und kommuniziert. Nachgebessert wurden lediglich die Absorptionsflächen durch die Berücksichtigung der Norm für die sogenannte Sprachverständlichkeit der elektroakustischen Warnanlagen.“ Diese Bauvorschrift hatte sich inzwischen geändert.

Der Lärmpegel im Hamburger Hafen erfordert über die VDI 4100:2012-10 „Schallschutz im Hochbau“ hinausgehende Lösungen. Zusätzlich muss in diesem Baugebiet der im Rahmen der Entstehung der Hafencity von der Stadtentwicklungs- und Umweltbehörde erstellte Leitfaden „Schallschutz bei teilgeöffneten Fenstern 2010“ berücksichtigt werden. Darin sind verbindliche Innenraumpegel für Schlafräume von maximal 30 Dezibel am Ohr festgelegt. Das Konzept enthält weiterhin Richtlinien für die Grundrissorganisation und bauliche Lösungen, wie das „Hafencityfenster“, Pixelfenster, offene und verglaste Loggien und Balkone. Auch ergreift die Hansestadt Hamburg Maßnahmen, die den Außenlärmpegel senken. So werden zum Beispiel in der Hafencity Beischiffe eingesetzt, die Großtanker und Kreuzfahrtschiffe während des Ankerns mit Energie versorgen, damit die Dieselmotoren nicht permanent laufen.
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Weinberg-Konzept: Von den terrassenförmig angeordneten Ebenen haben die Besucher von jedem Sitzplatz aus freie Sicht auf die Bühne in der Mitte.

In den Wohnungen der Elbphilharmonie sind die Grundrisse so organisiert, dass nur Nebenflächen an den Konzertbereich grenzen und so zunächst eine räumliche Pufferzone entsteht. Die Trennwände, die die verschiedenen Nutzungsbereiche voneinander trennen, sind auf beiden Seiten doppellagig beplankt und besitzen eine hohe Schallabsorptionswirkung. Für die Realisierung und Gewährleistung der Wandkonstruktionen wurde eine sorgfältige Qualitätssicherung vorgenommen; dazu gehörten beispielsweise auch Testmessungen während des Bauens. Das Hotel- und Penthouse-Design folgt ebenfalls der „Ruhepol“-Philosophie. In die Räume wurde dies mittels organisch geschwungener Akustikdecken und -wände übertragen. Ihre Oberfläche ist mit glatten, dünnen und fugenlosen schallabsorbierenden Trägerplatten versehen. Je nach Stärke wird damit ein Schallabsorptionskoeffizient nach ISO DIN EN 20354 von 0,70 bis 0,90 erreicht. Ruhe herrscht auch in den 150 Hotelbädern und ringsherum. Sie sind durch hochwertige Elastomer-Lager vom Baukörper schalltechnisch entkoppelt, sodass kein Lärm durch die Technische Gebäudeausrüstung übertragen werden kann.

Akustisches Highlight

Das Herzstück der Elbphilharmonie ist der große Konzertsaal mit seinen 2.100 Sitzplätzen und 6.500 Quadratmetern organisch geschwungener Innenfläche, die mit einem akustisch aktiven Relief aus 10.000 3D-gefrästen Gipsfaserplatten überzogen ist. Aus der Synergie der Raumform und des Reliefs soll laut Yasuhisa Toyota eine Klangqualität von Weltklasse entstehen. Der 12.500 Tonnen schwere Saal ist aus einer Beton-Außenschale und einer mit Beton gefüllten Innenschale aus Stahl als Raum-in-Raum-Konzept zusammengesetzt und an 362 gewaltigen Stahlfedern im Gebäude aufgehängt. Dadurch wird kein Schall nach außen und von außen nach innen übertragen.

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Nahaufnahme: Die Oberflächenstruktur der „Weißen Haut“ wurde basierend auf 3-D-Berechnungen millimetergenau gefräst. So entstanden auf den dafür verwendeten 6.500 Quadratmetern Gipsfaserplatten etwa eine Million jeweils optimal der Raumgeometrie angepasste Zellen.

Die Oberfläche der inneren Bekleidung wurde nach komplexen Computerberechnungen und Akustik-Tests entworfen und ist wie ein großes Bild aus individuellen Puzzleteilen zusammengesetzt. Die mittlerweile vielen auch als „Weiße Haut“ bekannte Bekleidung reicht bis zur Bühne und löst sich dort in einer netzartigen Struktur auf. Mit der weißen Haut bedeckt ist auch die rund 200 Quadratmeter große Fläche des Klangreflektors über der Bühne, der die Klangqualität in dem mit 25 Metern ungewöhnlich hohen Saal reguliert. Hierfür wurden Gipsfaserplatten aufgrund ihrer Dichte und Schwere gewählt. Vor allem die tiefen Frequenzen des Schalls werden dadurch besonders effektiv reflektiert. Das ist wichtig, weil das menschliche Ohr gleichmäßige Schallreflexionen von tiefen zu hohen Frequenzen erwartet und die Schallenergie bei tiefen Frequenzen hoch ist. Ein weiterer Punkt ist die zufällige Verteilung des in die Oberfläche gefrästen Reliefs. Dadurch werden die mittleren und hohen Frequenzen so gestreut, dass sich der Schall im Saal gleichmäßig verteilt. Offen ist, wie letztendlich exzellente Akustik gemessen wird. Yasuhisa Toyota: „Es gibt keine Parameter, die gute Akustik in einem Konzertsaal definieren. Gute Akustik ist abhängig von dem subjektiven Eindruck des Hörers – vergleichbar mit gutem Design oder einem schönen Gemälde.“

Elke Kuehnle ist freiberufliche Journalistin in Kiel.

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