Artikel drucken Artikel versenden

Bezahlbarer Wohnbau

Wohnen in der Mitte der Stadt

Diesen Artikel teilen:

Artikel_Ebertplatz

Stadtplastik am Ebertplatz in Köln.

Architekt Martin Bachem will bezahlbaren Wohnraum schaffen – und dafür die Stadt in die Höhe bauen. Sein Entwurf „Stadtplastik“ ist radikal und entfachte einen Sturm der Kritik. Im DAB plädiert er für ein Umdenken.

Text: Martin Bachem

Die „Stadtplastik“ ist ein Hochhausring mitten in der Kölner Innenstadt. Werden dort die Reichen in Luxuslofts, oder die Armen in neuen Ghettotürmen wohnen? Fragen über Fragen. Der städtebauliche Entwurf für die Rheinmetropole wurde kurz nach seiner Präsentation Ende 2014 wahlweise als „Reichenghetto“, „Armenghetto“ oder „Ghettoisierung“ verschrien. Dabei schafft dieser Entwurf mit einer einfachen städtebaulichen Figur Wohnraum für fast 100.000 Menschen. Und zwar genau dort, wo er gebraucht wird und auch hingehört – in der Innenstadt. Die Idee eines Hochhausrings in der Stadt ist weder neu, noch entspricht er den Hochglanz-Bildchen gegenwärtiger Architekturutopien. Und doch ist der Entwurf radikal und plakativ, weil er den Finger in eine gerade erst aufreißende Wunde legt – und bei richtiger Umsetzung heilend wirkt.

Explosive Mietskasernen
Denn bezahlbarer Wohnraum ist eines der wichtigsten Themen europäischer Metropolen. Wohnraum ist der Lebensraum unserer Gesellschaft, und so kann Wohnraummangel schnell zu explosiven Mietskasernen führen, wie wir sie aus der Gründerzeit kennen und eigentlich überwunden glaubten. In Köln ist der Wohnungsmarkt jetzt schon seit Jahren stark angespannt und der große Boom mit seinen tiefgreifenden Veränderungen steht noch bevor. Köln wird in den kommenden 24 Jahren um 20 Prozent wachsen. Das ist ein echter Boom! Solche Wachstumszahlen gab es in Deutschland zuletzt ebenfalls in der Gründerzeit und in den neuerlichen Prognosen vom Land Nordrhein-Westfalen (NRW) sind keine außereuropäischen und innereuropäischen Krisenwanderungen berücksichtigt. So oder so: Es wird eng und teuer auf der Rheinschiene. Und es wird nicht nur die Armen und Benachteiligten treffen. Die Absenkung der Baustandards, die Einführung der Mietpreisbremse und Investitionszuschüsse können dem Wohnungsmarkt zwar heute kurzfristige Linderung verschaffen. Unsere Städte stehen allerdings vor derart enormen Herausforderungen, dass Linderung einfach nicht mehr genügt. Die Stadt benötigt Antworten. Wir Architekten sollten sie liefern!

Artikel_Aachener Weiher

Stadtplastik, Blick vom Aachener Weiher zur Kölner Innenstadt.

Unser Bauland ist heute global vernetzt. Bauen wir einen Supermarktparkplatz wird dafür in den Tropen Regenwald abgeholzt. Für jeden verbauten Quadratmeter produktiven Ackerlands in der Kölner Bucht wird ein Vielfaches an unproduktivem Ackerland in den Tropen der Natur entrissen. Unser Flächenfrass ist gigantisch und zerstört irreparabel, hier wie dort, Existenzen und Naturräume. Der neue Landesentwicklungsplan stellt sich der flächigen Ausdehnung unserer Städte zu Recht in den Weg. Die Folge dieser Planung ist allerdings, dass es einen Paradigmenwechsel im Städtebau geben wird. Die Stadt des 20. Jahrhunderts dehnte sich ins Umland aus und löste ihre Probleme an der Peripherie. Die Stadt des 21. Jahrhunderts wächst in die Höhe und löst ihre Probleme im Zentrum. Heute ist die Stadtgrenze eine fließende Zone, schwer zu fassen und schwer zu ordnen. Die Konzentration auf das Zentrum bedeutet auch eine Rückkehr einer festen Stadtgrenze. Das ist nichts Schlechtes, bringt es uns doch eine alte, neue Ordnung zurück – in der Stadt und auf dem Land.

Artikel_Huhe Veedel

Hohes Quartier – neues vertikales Wohnen.

Das Hohe Quartier
Der Entwurf der Stadtplastik setzt eine skulpturale Stadtfigur in die Kölner Innenstadt und arbeitet den Kölner Stadtgrundriss in die Höhe. Wir benötigen endlich eine Auseinandersetzung mit dem Leben in hohen Häusern. Die immer gleichen, abwehrenden Verweise auf die immergrauen Plattenbauten der 1970er-Jahre sind einfach nicht genug. Unsere Innenstadtquartiere sind dicht und bunt. Wie lebt es sich in ihnen, wenn wir sie in die Höhe treiben? Das „Hohe Quartier“ ist die größte Herausforderung für uns Architekten bei der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und einer neuen, lebenswerten Stadt. Packen wir es an!

Martin Bachem betreibt seit 2011 ein Architekturbüro in der Kölner Altstadt.

Passend zum Thema





Kommentare

Wir freuen uns über Ihre Beiträge und bitten Sie, die Regeln dieses Forums einzuhalten:

  • Bitte nennen Sie uns Ihren Namen und Ihre e-Mail-Adresse. Anonyme Statements werden nicht veröffentlicht. Ihre e-Mail-Adresse wird selbstverständlich nicht mit veröffentlicht und nur im Falle von Rückfragen durch die Redaktion genutzt.
  • Schreiben Sie zur Sache.
  • Teilen Sie etwas Neues mit.
  • Nennen Sie Argumente.
  • Bitte keine Beleidigungen.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zurückzuweisen.
Texte können erst nach Freischaltung durch die Redaktion erscheinen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.