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Familienhäuser

Haus-Aufgaben

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Eck-erneuert: Dem „kleinen Haus blau“ in Hürth von BeL aus Köln ist sein Ursprung in den 1950er-Jahren nur noch bedingt anzusehen…

Die Familie sei der Kern der Gesellschaft, hieß es lange. Traditionelle Familien werden weniger – was wird dann aus der traditionellen Kernform des Wohnhauses, dem individuellen Familienheim?

Text: Christoph Gunßer

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Doch das Skelett ist erhalten.

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An der Giebelseite zeigt sich der Umbau mit ganz neuer Silhouette.

Ein- und Zweifamilienhäuser enthalten heute mehr als 45 Prozent aller Wohnungen in Deutschland. Der Anteil ihrer typischen Nutzer, Familien mit mehr als zwei Personen, ist indes auf zwanzig Prozent der Haushalte geschrumpft. Die Anzahl „klassischer“ Familien mit minderjährigen Kindern hat sich allein in den letzten zehn Jahren um 17 Prozent verringert. Und auch die Mehrheit der Mütter kleiner Kinder will heute keine „grüne Witwe“ mehr sein; rund zwei Drittel sind erwerbstätig. Aller „Landlust“ zum Trotz – die von den Sozialforschern konstatierte „Multioptionsgesellschaft“ strebt in die Städte. Ist also ein Großteil unseres Baubestandes bald obsolet?

Tatsache ist, dass immer mehr Familienheime der Nachkriegszeit von ihren Erbauern vererbt, aber von den Erben nicht unbedingt benötigt werden. Viele der Häuser, vor allem in ländlichen Räumen, aber auch in strukturschwachen Städten, sind schwer verkäuflich. Leerstände häufen sich. So wird beispielsweise Cuxhaven für 2030 vorhergesagt, dass dann jedes vierte Haus im Stadtgebiet unbewohnt ist. Das wird auch für die Kommunen teuer, da sie trotzdem die Infrastruktur unterhalten müssen. Revitalisierungsprogramme sind darum in mehreren Bundesländern angelaufen, etwa in Bayern und im Rahmen der Regionale 2016 auch in Nordrhein-Westfalen.

Die Rezepte zur Wiederbelebung sind bekannt: Umbau, Nachverdichtung, Durchmischung, bislang eher selten Rückbau, sprich: Abriss. Doch wo die Einwohnerzahlen schrumpfen, werden nach Auskunft der Statistiker bald auch die Haushaltszahlen sinken. Dann müsste wohl auch das Siedlungsgebiet verkleinert werden.

Die meisten Revitalisierungsprogramme empfehlen derzeit, die Häuser generationentauglich um- und anzubauen, Dienstleistungen und Arbeitsstätten in die Monostrukturen zu integrieren, Räume der Begegnung zu schaffen. Doch die Generation der Erbauer reagiert noch sehr zögerlich auf solche Vorschläge. Man ist ja schließlich dort hinaus gezogen, um seine Ruhe zu haben, und klagt allenfalls über zugeparkte Straßen, weil hier ja jeder Bewohner ein Auto braucht, um am „Leben“ teilzuhaben, das andernorts stattfindet. Bei näherem Hinsehen stehen Bewohner oft vor großen Problemen: mangelnde Barrierefreiheit, kostenaufwendige energetische Sanierung, zu viel Raum, der beheizt werden muss, zu starre Grundrisse, die die Einrichtung einer Einliegerwohnung erschweren, zu viel Garten, der mühsam gepflegt werden muss, schrumpfende Infrastrukturen, teurer werdende Mobilität.

Substanziell können öffentliche Verwaltungen, die lange Zeit von der Ausweisung solcher Gebiete profitierten, ohne die Bereitschaft der Eigentümer wenig bewirken. So bleibt es bislang bei Modellplanungen und Aktionen, die Skeptiker vom Sinn eines Umbaus überzeugen sollen. In Karlstadt, Langenneufnach und Marktrodach interveniert das bayerische Revitalisierungsprogramm, in Dorsten und 15 weiteren Gemeinden im westlichen Münsterland experimentiert man derzeit mit solchen „HausAufgaben“: Workshops, Ausstellungen und Vorträge sollen die Häuslebauer motivieren, Veränderungen in Angriff zu nehmen.

Cuxhavens Stadtverwaltung führte zur Information über Hausangebote einen „Wohnlotsen“ im Internet ein, an dem auch Wohnungsbaugesellschaften und private Wohnungsmakler beteiligt sind. Andernorts versucht man, wenigstens die Ausweisung neuer Baugebiete zu stoppen. Silke Weidner, Professorin für Stadtmanagement an der Uni Cottbus, meint dazu: „Wir brauchen nicht über den Erhalt des Bestandes zu sprechen, wenn die Kommunen weiter Neubaugebiete ausweisen. Wir machen Lokalpolitikern immer wieder klar, welche hohen Kosten mit Neubaugebieten verbunden sind.“

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Hütte und Kiste: „Haus Z“ von fabi architekten in Regensburg verbindet ein 80 Quadratmeter kleines 30er-Jahre-Haus mit einem Anbau.

Geht doch! Drei Beispiele

Gleichzeitig passiert allenthalben im Kleinen, in Eigeninitiative, bereits schon manch Vorbildliches. Ein paar von Architekten geplante Beispiele, die nicht nur funktional, sondern vor allem ästhetisch neue Akzente setzen, sollen dies illustrieren.

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Der Bestandsgrundriss ist weitestgehend erhalten.

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reinhardt_jung architektur erweiterte einen Bestandsbau zum Vier-Generationen-Haus.

Der Umbau in Köln-Hürth von BeL Architekten galt einem Einfamilienhaus aus den 1950er-Jahren. Das Skelett des Bestandsgebäudes wurde im Wesentlichen wiederverwendet, leicht erweitert, aber die Gesamterscheinung des Wohnhauses komplett neu gestaltet. Das Haus präsentiert sich zunächst einmal als eine scheinbar willkürliche Collage kontrastierender Architekturelemente, die elementare Bedürfnisse ihrer Bewohner zu befriedigen scheinen. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass diese Elemente Teil einer bewussten Komposition sind und sehr liebevoll detailliert wurden, um ein harmonisches Ganzes zu schaffen.

In Regensburg wurde ein einfaches Siedlungshaus der Dreißiger Jahre mit nur 80 Quadratmetern Wohnfläche von fabi architekten um einen erdgeschossigen Anbau erweitert. Um das Bestandshaus komplett freigestellt zu belassen, wurde ein transparenter selbsttragender Ganzglasübergang wie eine Brücke zwischen Bestand und Neubau gespannt. Die gesamte Außenfassade des (denkmalgeschützten) Siedlungshauses blieb sichtbar, die kleinen Zimmer blieben intakt – großzügige Gemeinschaftsräume fügt der Anbau hinzu.

Ein noch extrovertierteres Beispiel von reinhardt_jung architektur aus Frankfurt: Ein charakteristisches Einfamilienhaus der 1960er-Jahre im Taunus wurde um 68 Quadratmeter erweitert. Vier Generationen leben hier. Der Um- und Anbau zu einem Vier-Generationen-Haus machte es erforderlich, „bestehende Räume und Qualitäten neu zu interpretieren“. Es wurde also angebaut, aber auch entkernt. Im Mittelpunkt des Entwurfs stand das Miteinanderleben der Generationen einer Großfamilie, dafür wurden „Kommunikations- und Begegnungsfelder“ geschaffen.

Diese Häuser stehen nahe an Städten, wo Immobilienwerte und Mieten eine Revitalisierung alter Häuser rasch rentabel machen. Draußen auf dem Lande, in den Weiten der Siedlungsgebiete ohne Infrastruktur, bringt eine Investition in Gebäude oft keine neuen Bewohner und keine steigende Immobilienwerte, wenn die öffentlichen Hände nicht mitziehen, wenn sie zum Beispiel nicht die Versorgung mit Dienstleistungen oder den öffentlichen Nahverkehr verbessern. So droht ein Teufelskreis: Jeder Akteur wartet darauf, dass der andere den ersten Schritt macht.

Patchworks brauchen kein Standardhaus

Zugleich entscheiden sich immer mehr Menschen für die Stadt: bessere Jobs, keine Pendlerqualen, keine ständigen Kinder-Taxifahrten, kein teurer Haus-Unterhalt, insgesamt: mehr Flexibilität, mehr Vielfalt des Angebots. Der Idealmensch ist der „Dauerjugendliche“ (Peter Wippermann). Zugleich ist der Auflösungsprozess der traditionellen Familie weiter im Gang.

Die Bauträger-Standardhäuser für die Kleinfamilie, wie sie landauf, landab die Wohngebiete prägen, stehen nicht nur am falschen Ort, sie taugen auch im Inneren längst nicht mehr für familiäre Routinen. Die große gute Stube, die nur übers Familienzimmer erreichbaren Kinderzimmer, die monofunktionale Küche, das winzige Bad passen nicht mehr in die Zeit. Zwar können sie oft besser als Geschosswohnungen für heute erwünschte Grundrisse umgebaut werden – mit flexiblen, nutzungsneutralen Großräumen, fließenden Übergängen zwischen Essen und Kochen, Schlafen und Körperpflege, dazu abtrennbaren Räumen zum Arbeiten, Gäste-Beherbergen, zum Flüggewerden. Doch nützt das alles wenig, wenn die Lage nicht stimmt.

Die Umfragen unter Senioren sind seit Jahren eindeutig: Mehr als die Hälfte findet ein Leben in Wohngemeinschaften attraktiv. Nicht nur für Alt-68er ist die Alten-WG eine realistische Option. Wo die Verwandtschaft nervt oder ganz fehlt (wie in der Ein-Kind-Familie), sucht man sich eben Wahlverwandte zum Wohnen. Das ginge auch im großen, womöglich mit Fahrstuhl versehenen Einfamilienhaus, zumal die Grundstücke oft noch Anbau-Reserven bergen. Und wenn dann noch der Trend des „Co-Working-Space“ die Siedlungen erreicht, müssen die Bewohner auch nicht ständig weg, weil der Büroraum gleich um die Ecke liegt. Hier kann es in den Siedlungen Synergien geben zwischen rüstigen „Alt-Siedlern“ und Zuzüglern.

Planerisch setzt dies jedoch auch eine gewisse Kreativität voraus, was die Bauleitplanung angeht. In den innenstadtnahen Wohngebieten vieler Großstädte ist diese prekäre Durchmischung schon im Gange. Der Run auf die Kernstädte dürfte bald die erreichbare Peripherie und die Zwischenstadt erfassen und, richtig gelenkt, zu mehr Quartiersqualität führen.

Auch die Dörfer werden bunter

Und die realen Dörfer, typologisch ferne Vorbilder auch so vieler Einfamilienhausweiden? Soweit sie reizvoll und mit Anschluss an eher urbane Infrastruktur liegen, können auch sie nach Einschätzung der Demoskopen am Leben bleiben. Die Zentrifugalkräfte der technischen Entwicklung und die neuen Verdrängungsprozesse in den Zentren werden weiter Stadtflüchtlinge als „Neo-Provinzler“ hierher treiben. Im überschaubaren, authentischen und dabei preiswerten Rahmen dieser traditionellen „Cluster“ lassen sich wertvolle „glokale“ Heimat-Experimente anzetteln.

Künftig wird es also auch an den Peripherien wohl weit bunter und „unordentlicher“ zugehen als zu der Zeit, als das reine „Familienheim“ normal war. Auch hier schlägt sich baulich nieder, dass heutige und künftige Gesellschaften nicht nur einen sozialen Kern haben, sondern viele Kernformen.

Christoph Gunßer ist freier Fachautor in Bartenstein (Baden-Württemberg).

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