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Ortskerne

Gesunde Orte

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Iphofen (Bayern): Neu und alt ergänzen sich beim Dienstleistungszentrum der Büros Jäcklein (Volkach) und Böhm & Kuhn (Iphofen).

Damit Dörfer und Kleinstädte lebendig bleiben, braucht es spezielle Planungsinstrumente – und engagierte Menschen.

Text: Heiko Haberle

Die Großstädte boomen – mit Konsequenzen für die ländlichen Räume, wo sich Kleinstädte und Dörfer entleeren. Von vitalen Gemeinden ist vielerorts kaum noch etwas spürbar. Doch zahlreiche institutionelle Akteure, engagierte Bürgermeister, Planer und Initiativen versuchen hier mit unterschiedlichen Strategien gegenzusteuern. Denn es gibt andere Möglichkeiten, als den ganzen Ort zum Outlet-Center zu machen, wie dies Bad Münstereifel und vielleicht bald auch Dinkelsbühl tun.

Wie in den Städten, ist der Schlüssel dazu das Zentrum. Doch „eine systematische Aufwertung der Ortskerne hat in Kleinstädten und Dörfern nie wirklich stattgefunden. Dabei sind dort die Probleme oft viel größer als in den Metropolen“, findet Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, die sich in ihrem für den Herbst angekündigten Baukulturbericht 2016/17 mit den Räumen jenseits der Metropolen befasst. Für den Bericht wurde eine Kommunalumfrage durchgeführt, bei der Probleme und Widersprüche zutage kommen: So sehen fast 60 Prozent aller Gemeinden Beeinträchtigungen durch Einzelhandel auf der Grünen Wiese. Fast 40 Prozent  haben Gewerbeleerstand – meist im Zentrum.

Sich auf das Zentrum konzentrieren

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Gotha (Thüringen): Townhouses im Stadtzentrum statt Einfamilienhäuser auf der Grünen Wiese.

Nicht so in Burbach im Siegerland, denn außerhalb des Ortskerns werden hier keine Einzelhandelsflächen genehmigt. Stattdessen entstand im Zentrum ein Supermarkt, auf dessen Dach eine Turnhalle steht. Im nordhessischen Fritzlar und im thüringischen Gotha gibt es keine Neubaugebiete mehr. In Gotha konnten stattdessen auf über 40, oft durch Abriss frei gewordenen Grundstücken, kleinteilige Neubauten realisiert werden. Fritzlar beschränkt sich auf den senioren- und familiengerechten Umbau des historischen Bestands. Solche Ansätze sind noch Ausnahmen, denn 84 Prozent aller Gemeinden weisen nach der Kommunalumfrage der Bundesstiftung Baukultur neue Einfamilienhausgebiete aus, obwohl fast 33 Prozent Wohnungsleerstand beobachten.

Planungspolitik betreiben

Eine Gemeinde, die politische und planerische Instrumente schon lange besonders konsequent nutzt, ist das südöstlich von München gelegene Weyarn. Es richtet seine Entwicklung an zwei Leitbildern aus: „Wir möchten ländlicher Raum bleiben“ und „Wir planen die Zukunft mit dem Bürger“. Dafür gibt es ein regelmäßig tagendes Kinderparlament und ein „Mitmachamt“, das die Arbeit thematischer Bürger-Arbeitskreise mit der Verwaltung koordiniert. Mit einer eigenen Bodenpolitik sichert sich Weyarn Grundstücke und damit Planungsspielräume: Eigentümer, die landwirtschaftlichen Grund bebauen oder veräußern wollen, müssen zwei Drittel der Flächen zum doppelten Landwirtschaftspreis an die Gemeinde verkaufen. Diese nutzt das Bauland für kommunale Einrichtungen oder vergibt es an junge Familien oder Gewerbebetriebe im Erbbaurecht für 149 Jahre.

Gestaltung regeln

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Iphofen (Bayern): Das Dienstleistungszentrum integriert sich in den Ortskern und bezieht den historischen Bestand der Alten Schule ein.

Ein anderes Instrument kann eine Gestaltungssatzung sein, wie sie im unterfränkischen Iphofen das Bauen im historischen Ortskern regelt. Sie fordert die Wahrung der kleinteiligen Bebauungsstruktur, verbietet unter anderem Flachdächer, sichtbares Ziegelmauerwerk, Fassadenbleche und Kunststoff-Verkleidungen, Rauputz und Rollläden. Das klingt streng, scheint aber Kreativität freizusetzen, denn tatsächlich entsteht im historischen Ensemble gelungene zeitgenössische Architektur, etwa jüngst das kommunale Dienstleistungszentrum der Architekturbüros Jäcklein aus Volkach und Böhm & Kuhn aus Iphofen. „Wir sind keine Behinderungsbehörde, sondern wollen beraten und lenken“, so Bürgermeister Josef Mend. Für die Bauherren entstehen sogar Anreize, denn mit den Auflagen gehen Fördergelder einher. Das stimmige Gesamtbild überzeugt Touristen und Bewohner gleichermaßen, denn die Altstadt ist zum beliebten Wohnort, besonders für junge Familien geworden.

Wettbewerbe veranstalten

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Luckenwalde (Brandenburg): Der zur Bibliothek umgebaute Bahnhof war eine Initialzündung.

Elisabeth Herzog-von der Heide, Bürgermeisterin im brandenburgischen Luckenwalde, hat ein anderes Mittel der Wahl: „Unsere wenigen Neubauten sollen von großer Qualität sein. Daher habe ich meine Liebe zu Wettbewerben entdeckt. Die unterschiedlichen Meinungen und Ideen empfinde ich als Bereicherung.“ Das beste Beispiel ist das stillgelegte Bahnhofsgebäude, das nach einem EU-weiten Wettbewerb von der ARGE Wronna, Feldhusen, Fleckenstein zur Bibliothek umgebaut wurde. Der windschiefe goldene Anbau erhitzte zwar die Gemüter, bringt der Kleinstadt aber noch immer viel Aufmerksamkeit. Es folgten eine neue Polizeistation und demnächst eine Feuerwache.

Neue Leitbilder finden

Das stark geschrumpfte Industriestädtchen Luckenwalde ist auch ein Beispiel dafür, wie man realistisch seine Potenziale einschätzt und eigene Themen findet. „Luckenwalde kann man nicht in eine traditionelle Tracht pressen“, sagt die Bürgermeisterin. So wurde statt einer falschen Provinzidylle die uneinheitliche und außerhalb des Zentrums auch mal lückenhafte Bebauung akzeptiert. Das Zentrum selber wurde durch einen neuen Park gestärkt und die Baugeschichte des „roten Luckenwalde“ mit Erich Mendelsohns berühmter Hutfabrik, einem Stadttheater und mehreren Arbeitersiedlungen zu einem wichtigen Bezugspunkt. „Man muss erst Ideen formulieren und dann die passenden Förderprogramme dafür finden, nicht umgekehrt“, erklärt Herzog-von der Heide.

Nicht nur in Ostdeutschland sind neue Konzepte mit ungewöhnlichen Nutzungen gefragt. Das schrumpfende oberfränkische Selb sorgte vor einigen Jahren mit seinem „Haus der Tagesmütter“ für Aufsehen, einem kleinteiligen, bunten Entwurf junger spanischer Architekten, der aus einem Europan-Wettbewerb hervorging. Und dass Ortskerne sogar eine Zukunft als Arbeitsort haben, bewies das nicht gerade zentral gelegene niedersächsische Dannenberg, wo Staab Architekten für einen Textilhersteller eine Werkserweiterung bauten, die sich ortsbildverträglich integriert.

Die Mitten zu stärken hält auch Reiner Nagel von der Bundesstiftung Baukultur für den wichtigsten Ansatz. „Viele Orte haben keine Willkommensgeste mehr“. Das galt auch für Wettstetten bei Ingolstadt, das zwar wegen der Nähe zum Audi-Werk einen Boom als Schlafort erlebte, im Zentrum aber verwaist war, bis es durch Bembé Dellinger Architekten eine neue Ortsmitte mit Rathaus, Bürgersaal, Kindergarten und Demenzheim erhielt. Solche Nahtstellen zur Öffentlichkeit, eine Gaststätte, ein Dorfladen oder ein Gemeindebüro, diese „Türen zur Welt“, wie Nagel sie nennt, fehlen vielerorts. So wundert es kaum, dass in einer ebenfalls für den Baukulturbericht 2016/17 durchgeführten repräsentativen Bevölkerungsumfrage nur 51 Prozent aller Interviewten angeben, zum Einkaufen hauptsächlich in das Ortszentrum zu gehen. Nur 36 Prozent gehen meistens hier hin, wenn sie andere treffen wollen.

Unkonventionelle Wege gehen

Ein Thema zu finden, rät auch Reiner Nagel kleinen Gemeinden und ihren Bürgern: „Sich zusammentun, einen Bus mieten und gute Beispiele angucken.“ Und dann klein anfangen: Der erste Schritt könne ein neues Betriebskonzept für den Dorfplatz oder ein regelmäßig stattfindender Flohmarkt an einem ungewöhnlichen Ort sein. Es ist beachtlich, wie sehr partizipative Konzepte, Improvisation und Zwischennutzungen auf der institutionellen Ebene angekommen sind – gerade, wenn es um das Land geht. Bestehende Netzwerke und zumindest im Westen viel privat genutztes Eigentum scheinen hier die persönliche Ansprache zu begünstigen. „Bürgerbeteiligung ‚on demand’ funktioniert nicht mehr. Insofern interessieren uns gerade auch neue Systeme des gemeinschaftlichen Handelns und der Verantwortungsübernahme“, sagt Marta Doehler-Behzadi, Geschäftsführerin der IBA Thüringen, die das polyzentrische Thüringen als „Stadtland“ interpretiert und den verbreiteten Leerstand als Ressource begreift.

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Dingden (NRW): Das in Goldfolie gehüllte ehemalige Lehrerhaus macht mit großer Geste klar, dass es etwas zu tun gibt.

Auch im Forschungsprojekt „Baukultur konkret“ des Bundesbauministeriums stehen zunächst die Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen, der gegenseitige Austausch, die Kenntlichmachung von Handlungsbedarf oder das Sammeln von Ideen im Vordergrund. Da finden sich dann eine Baukulturbibliothek im bayerischen Perlesreut, ein in Goldfolie verpacktes Haus im niedersächsischen Dingden oder eine folgenreiche Exkursion des Gemeinderats von Baiersbronn im Schwarzwald ins baukulturell vorbildliche Vorarlberg. Nach dieser Initialzündung wurde das Thema Baukultur auf die politische Agenda gehoben, der Bau einer Stahlbeton-Sporthalle gestoppt und stattdessen, wie nun generell für kommunale Neubauten, Holz eingesetzt.

Die Menschen motivieren

Auch außerhalb von „Baukultur konkret“ stößt man immer häufiger auf unkonventionelle Ansätze. In Arnsberg im Sauerland werden leerstehende Läden für Tanzkurse oder gemeinschaftliche Abendessen genutzt. Nicht weit entfernt, in Altena, das in den letzten 20 Jahren ein Drittel seiner Einwohner verloren hat, wurden 13 leere Läden nach dem „Pop-up“-Prinzip kurzzeitig vermietet – sieben Mieter blieben in der Innenstadt. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels hat die Stadt außerdem mehr Flüchtlinge aufgenommen, als sie müsste und für jede geflüchtete Familie einen Kümmerer aus der Bürgerschaft eingesetzt. Es mag vielleicht zu weit gehen, wenn wie in Altena, Freiwillige die Fußgängerzone pflastern, doch bürgerschaftliches Engagement ist heute eine Grundvoraussetzung für belebte Orte: In Niedersachsen sind selbstbetriebene Dorfläden in einem Netzwerk zusammengeschlossen. Im nordrhein-westfälischen Olfen baut eine Bürgerstiftung ein ehemaliges Gemeindehaus zum Vereinszentrum um. „Die Menschen sind die wichtigste Voraussetzung“, sagt Marta Doehler-Behzadi. „Dort, wo Leute auf gute Ideen kommen, entsteht etwas Neues, nicht zuletzt ein Wir-Gefühl, das Bindung und Attraktivität entfaltet.“

So möchte etwa der Kulturverein Schwarzwurzel im südthüringischen Steinach „Augenöffner“ sein für die Potenziale vieler Gebäude, die oft nur als Schandflecke gesehen werden. Begonnen hat er in einer alten Fabrik für Christbaumschmuck; er nutzt solche Räume temporär für Ausstellungen oder Theaterstücke, um sich mit der Geschichte des Ortes zu befassen oder den Identitäts- und Heimatbegriff zu hinterfragt. Bürgermeister Ulrich Kurtz beobachtet aber noch, dass Architektur und Baukultur eine untergeordnete Rolle spielen, selbst Denkmale seien zu wenig geschätzt. „Die Bürger für neue Ideen zu gewinnen, ist zunehmend schwieriger in einer auf Individualisierung ausgerichteten Gesellschaft.“

Gemeinsam planen

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Pischelsdorf (Steiermark): So wie hier, wird bei den Ideenwerkstätten von nonconform vor Ort im Planungsgebiet diskutiert und gearbeitet. Auch Kinder bringen sich mit ihren Ideen ein.

Auch in Österreich. Für Motivation und Ideenfindung hat Roland Grubers Büro nonconform eigene Methoden entwickelt, die er nun auch in Deutschland anwendet und mit denen die ganze Bevölkerung einbezogen wird. Schließlich kann sich nicht jeder Ort auf engagierte Einzelpersonen verlassen, die wie der Architekt Peter Haimerl und der Sänger Thomas E. Bauer dem unbekannten Ort Blaibach im Bayerischen Wald einen Konzertsaal und eine neue Ortsmitte gleich mit bescherten. Für Roland Gruber muss Bürgerbeteiligung vor allem schnell gehen. Sein Team ist drei Tage in einem Ort zu Gast, lässt sich erzählen, worauf der Ort stolz ist und was ihn von anderen unterscheidet. „Nach hunderten Gesprächen hat man einen Bauchladen von Ideen und kann Tendenzen ablesen. Dann gibt es in jedem Ort noch ein paar ‚Spinner‘ mit verrückten Ideen. Eine solche Idee mit der allgemeinen Tendenz zu verbinden, führt oft zum Ziel.“ Die drei Aktionstage werden Wochen vorher vorbereitet und die zu bearbeitenden Themen leicht zugänglich, unter anderem online, aufbereitet, um auch nicht kulturaffine Kreise und Jugendliche zu erreichen. Lokale Planer werden beteiligt, um nicht als Fremde aufzutreten. „Und wir finden vorher raus, wer als Multiplikator wichtig ist aber vielleicht inkognito bleibt. Stichwortgeber der Bürgermeister sind oft lokale Künstler, Historiker oder Unternehmer“, erklärt Gruber. „Wer jetzt glaubt, dass solch ein Prozess bei ihm im Ort nicht funktionieren würde, irrt!“

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Illingen (Saarland): Aus einer Ideenwerkstatt ging das Konzept für einen neuen Marktplatz mit großer Freitreppe zum Bahnhof hervor. Die Umsetzung hat begonnen.

Vermutlich funktioniert es, weil Grubers Team Wert auf eine bodenständige Atmosphäre legt. Es wird viel gegessen und getrunken, denn „Politik wird am Stammtisch gemacht, nicht im Konferenzraum.“ Die Diskussionen und Arbeiten finden direkt im Aufgabenbereich statt und führen ganz direkt zu einer anderen Wahrnehmung des Problem-Ortes. In Illingen im Saarland beginnt nun die Umsetzung von Ergebnissen einer solchen Werkstatt. „Was zwölf Jahre ungeklärt war, wurde in drei Tagen gelöst“, sagt Gruber überzeugt. Es entsteht ein „Neuer Markt“, an dem sich Wohnungen, Büros, ein Supermarkt und ein Heim für junge Pflegebedürftige befinden werden. Eine Freitreppe führt zum höher gelegenen Bahnhof. Der dafür erforderliche Teilabriss einer ehemaligen Wurstfabrik wurde zum Bürgerfest.

Für Roland Gruber stellt die Neuerfindung unserer Dörfer und Kleinstädte die wichtigste Planungsaufgabe überhaupt dar. „Architekten können sich dabei gerade in dieser Leistungsphase Null viele abgegebene Aufgaben wieder zurückholen – zumindest, wenn sie es schaffen, Barrieren ab- und Vertrauen aufzubauen. Man muss fragen und zuhören und darf auch mal keine Meinung haben und nicht wissen, wie es geht.“ Architekten sollten nicht als die „Gscheiten“ wahrgenommen werden. Dann würden sie auch wieder geliebt und nicht als die Schlaumeier aus den Ortskernen gejagt.

 

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