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Wohnliche Psychiatrie

Raum als Therapeutikum

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Wohnzimmer im Krankenhaus: Wo vorher zwei Krankenzimmer waren, schuf der Architekt Jason Danziger einen Wanddurchbruch mit Spitzbögen.

Wie ein Architekt und ein Arzt gemeinsam eine psychiatrische Station mit wohnlicher Umgebung planten

Text: Heiko Haberle

Eine Antipsychiatrie-Bewegung kritisierte vor bald 50 Jahren das System der klinischen Psychiatrie mit ihrem intensiven Einsatz von Medikamenten. Sie brachte 1971 im kalifornischen Berkeley die erste Soteria hervor. Mit diesem griechischen Wort für „Rettung“, „Wohl“, „Heilung“ wird ein stationäres Konzept bezeichnet,bei dem die Patienten gemeinsam in einer wohnlichen Umgebung leben. Üblicherweise sind solche Einrichtungen in Villen untergebracht. Ein Novum ist der Umbau einer bestehenden Station eines Krankenhauses – jetzt geschehen an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin.

Hier wird jetzt gemeinsam gegessen, gespielt, geredet.

Hier wird jetzt gemeinsam gegessen, gespielt, geredet.

Dort war durch den Umzug in einen Neubau eine Station in einem der historischen Klinikbauten frei geworden, für die sich der zuständige Oberarzt Dr. Martin Voss eine Soteria wünschte. Eine wohnliche Umgebung schien ihm aber in dem Altbau mit langem Mittelgang und Zwei- oder Vierbettzimmern schwer umsetzbar, doch der mit ihm befreundete Architekt Jason Danziger konnte sich sehr wohl neue Raumzuschnitte und unterschiedliche Stimmungen vorstellen. Es folgte eine außergewöhnlich enge interdisziplinäre Zusammenarbeit bis ins Detail, zu der Voss und Danziger betonen, wie viel sie von der jeweils anderen Disziplin gelernt haben. Dazu gehörten gemeinsame Besuche von Fachkongressen und anderen Soterien, Patientengespräche und die Auswertung einer Masterarbeit, die die Wünsche von Patienten und Mitarbeitern wiedergab – und nicht zuletzt viele Planungsrunden mit dem Stationsleiter Götz Strauch und den anderen Mitarbeitern. Mit dem geballten Fachwissen konnte schließlich auch die Bauabteilung der Alexianer GmbH, die Trägerin der Klinik ist, davon überzeugt werden, einen externen Planer zu beauftragen. Allerdings nur unter der Auflage, der Umbau dürfe nicht mehr kosten als eine herkömmliche Sanierung der Station, die man sonst dort vermutlich umgesetzt hätte.

Vergleicht man die Soteria mit der darüberliegenden herkömmlichen Station, wird deutlich, was mit geringen Mitteln geleistet wurde. In den neu gestalteten Räumen bewegt man sich ohne die an solchen Orten übliche Beklemmung, denn in der Soteria wurde alles weggelassen, was an eine Klinik erinnert: Krankenbetten, Handläufe an den Wänden, Kantenschützer, Neonlicht. Das hilft den Patienten, die Hemmschwelle zu überwinden, sich in einem Krankenhaus helfen zu lassen, aber auch Eltern, die ihr Kind nur ungern in eine psychiatrische Einrichtung geben wollen. Die Soteria richtet sich an Menschen unter 35, die sich in einer psychotischen Krise befinden. In diesem Zustand seien die Patienten sehr reizempfindlich und ihre Wahrnehmung sei oft massiv verändert, wie der Mediziner und Psychiater Voss erklärt: „Die Gesamtwelt zerfällt in Einzelteile. Unser Ziel war daher, das große Ganze sichtbar zu machen und alle Details zu vermeiden, die keinen Sinn ergeben.“ Es gibt also keine geheimnisvollen Kästen, wie WLAN-Boxen, die unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Zimmer tragen einstellige Nummern statt kryptischer Codes. Ein Tisch sieht aus wie ein Tisch, ein Stuhl wie ein Stuhl und das Wohnzimmer ist ein echtes Wohnzimmer mit echtem Holzboden. Auch Räume mit unklarer Funktion wurden vermieden. Die Verwaltungsarbeit geschieht außerhalb, das einzige Büro in der Soteria kann durch eine verglaste Tür eingesehen werden.

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In den Fluren werden Farben mit Licht kombiniert.

Räume ohne Gebrauchsanweisung

Bis hierhin konnte der Besucher vielleicht noch gar nicht genau beschreiben, was an der Soteria so überzeugt. Aber jetzt wird es klar: Alles ist einfach zu erfassen und selbsterklärend. Im Mittelpunkt stehen die Räume und ihre Wirkung auf die Bewohner. „Die Atmosphäre übernimmt hier eine aktive Funktion“, erklärt Jason Danziger. Der Architekt beschreibt sein Konzept als „Rich Environment“ und meint eine Umgebung mit ruhiger Grundstimmung, angereichert mit dezenten Ereignissen, wie besondere Licht- und Farbstimmungen und Orte, die zum Aufenthalt einladen. So gelingt ein Gleichgewicht zwischen Reizarmut insgesamt und Stimulation an bestimmten Stellen, wobei „reizarm“ nicht „steril“ bedeutet. Dafür sorgen die Farben Grün, Gelb, Hellblau und Violett, die keine wissenschaftlichen Hintergründe haben, sondern einfach gefielen, denn Voss hält die Farbpsychologie für nicht tragfähig: „Wichtiger als die Farben selbst ist, wofür man sie nutzt.“ Zum Einsatz kommen sie an ausgewählten Stellen: in den unteren Wandbereichen der Schlafräume, an Unterzügen oder in den Nischen, wo zuvor Deckenlampen eingelassen waren.

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Im Büro lässt die farbige Decke den Raum niedriger wirken.

So wie dort reflektiert an vielen Stellen indirektes Licht die kräftigen Farben, sodass das eigentlich vorherrschende Weiß und Hellgrau immer anders erscheint. Danziger ergänzt: „Außerdem wirkt das Tageslicht mit seiner wechselnden Helligkeit und unterschiedlichen Lichtstimmungen einladend auf die Bewohner.“ Mit farbigen Fensterlaibungen hat der Architekt eine „aktive Umgebung“ mit viel Variation bei kleinem Aufwand geschaffen. Die Farbe wird auch genutzt, um die Proportionen der Räume zu beeinflussen, ohne Decken abhängen zu müssen. In den Fluren sorgt ein grauer Bereich bis zur Türhöhe für einen menschlichen Maßstab. Die Einzelzimmer erscheinen dank farbiger Decken niedriger, das gleich hohe weiße Wohnzimmer deutlich höher. Die baulichen Eingriffe hielten sich in Grenzen: Ein großes Bettenzimmer wurde geteilt, an anderer Stelle ein Zwei- und ein Vierbettzimmer zusammengelegt, um das große Wohnzimmer zu erhalten. Dabei wurde der Wanddurchbruch mit dem Spitzbogenmotiv versehen, das auf den Fluren und an der Fassade auftaucht. Das Wohnzimmer ist mit seiner offenen Küche und einer Verglasung zum Gang ein Mittelpunkt, der die strenge Axialität des Bestandes bricht.

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Betten, Tische und das Lichtregal wurden eigens entworfen.

Vor allem in den Schlafräumen fällt das geradezu idealtypische Mobiliar auf, in dem der Spitzbogen als flache Variante wieder auftaucht. Die einzelnen oder stapelbaren Betten, Schreib- und Nachttische entwarf der Architekt selbst. Die Medienleisten, die auf der vormaligen Krankenstation unter anderem für die Sauerstoffzufuhr benötigt wurden, durften nicht entfernt werden, weshalb der Architekt sie in neue „Lichtregale“ integrierte. Weiteres Mobiliar wurde hinzugekauft und ist von hoher Qualität, was Voss mit einer besonderen Wertschätzung erklärt, die er den Bewohnern zukommen lassen möchte. Zwar sei der Aufenthalt freiwillig, doch es bestehe zumeist keine Wahlfreiheit, in welche Klinik man gehen wolle. Die Soteria leistet eine Pflichtversorgung für die Stadtteile Wedding, Moabit, Mitte und Tiergarten, wo viele Menschen in prekären Verhältnissen leben. „Von vielen wird die ästhetisch ansprechende Umgebung auch als ein Zeichen von Respekt erlebt“, berichtet der Arzt.

Heilsames WG-Leben

Die Bewohner der Soteria waschen und putzen selbst und helfen in der Küche. Als Besucher erkennt man nicht sofort, wer Patient ist und wer hier arbeitet, denn die Mitarbeiter sind immer mit den Patienten zusammen, teilen sich mit ihnen Kühlschrank und Kaffeemaschine, Sofa und Zeitung. Viele Bewohner bleiben mehrere Monate in der Soteria. „Unsere Beobachtung ist, dass die Patienten das wohnliche und alltagsnahe Umfeld gut annehmen und daher Behandlungsabbrüche seltener sind“, bemerkt Voss. Dank der gelebten Normalität sieht er häufig, dass auch sehr stark beeinträchtigte Patienten schnell in den Alltag integriert werden können und weniger Verhaltensauffälligkeiten zeigen als auf einer klassischen psychiatrischen Station. „Ein Patient, der woanders einen Pudding an die Wand geworfen hatte, sagte, das würde er hier nie tun, weil es viel zu schön sei.“ Aussagen wie diese sind für den Mediziner ein Beispiel dafür, wie die Gestaltung der Umgebung die gesunden Anteile der Bewohner fördert, statt Defizit-orientiert zu arbeiten. „Das entspricht dem modernen Ansatz der Psychiatrie. Die Architektur spiegelt somit auch unsere therapeutische Haltung.“

Für den Mediziner ist die Soteria also ein Erfolg. Ebenso für den Architekten Jason Danziger, der inzwischen auch die Nervenklinik der Charité berät und am St. Hedwig-Krankenhaus eine Bestandsanalyse für die Station der allgemeinen Psychiatrie durchführt – womit er in ein eigentlich nur wenigen Architekturbüros vorbehaltenes Planungsgebiet vordringen konnte. Dabei sagt Danziger: „Meine Ansätze waren nicht besonders außergewöhnlich. Wir haben einfach überlegt, was uns Menschen guttut.“ Und er ergänzt: „Abgesehen von den technischen und baurechtlichen Anforderungen, glaube ich, dass Krankenhausprojekte gar nicht so kompliziert sind. Wichtig ist nur, dass wir Architekten nie die Menschen vergessen, die die Räume nutzen. Mit einfachen Antworten kann man da schon mehr machen als bisher.“

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