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Standpunkt

„Phase 0“: Chance & Risiko

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Als Wunderwaffe in Bezug auf Probleme mit Kosten und Terminen bei Bauvorhaben wird neben „BIM“ gerne die „Phase 0“ propagiert. Selbst wer gar nicht die einzelnen Leistungsphasen der HOAI und ihre Bedeutung kennt, spricht davon. Diese etwas unscharfe Wortschöpfung lebt davon, dass die Leistungsphase 0 in der HOAI gerade nicht definiert, sondern stillschweigend vorausgesetzt wird. So können denn auch alle das darunter verstehen, was sie sich wünschen:

Öffentliche Bauherren brauchen eine gute, professionelle Beratung bereits im Vorfeld eines Projektes, um Probleme und Aufgabenstellungen so zu formulieren, dass die angebotenen Lösungen brauchbar und angemessen sind.

Wir als Planende wünschen uns eine durchdachte und klare Aufgabenstellung und träumen von Auftraggebern, die vor Projektbeginn wissen, was sie wollen, und danach ihre Vorstellungen möglichst nicht mehr ändern.

Bürgerinnen und Bürger sowie Nutzergruppen wünschen sich vor Entscheidungen zu großen Architektur- und Stadtentwicklungsvorhaben, wie Kultur-, Verkehrs- oder Schulbauten, in einem gut gesteuerten und moderierten Prozess beteiligt zu werden.

Private Bauherren schließlich subsumieren unter der „Phase 0“ gerne all das, was vor einem Projektstart notwendig sei und was im Vorfeld abrechenbarer Leistungen nach der HOAI im Zweifel als Akquisition gilt.

Niemand wird die Notwendigkeit bezweifeln, vor einer Investition zu prüfen, ob, wo und in welchem Umfang sie wirtschaftlich und sinnvoll ist. Wie kann eine solche Selbstverständlichkeit überhaupt zum Thema werden? Wurde diese wichtige Stufe im Bauprozess tatsächlich manchmal unterbewertet, vielleicht auch im Sinne fehlender dafür zur Verfügung stehender Finanzmittel? Müssen Kommunen wie private Projektentwickler solche Ausgaben aus der „Portokasse“ begleichen und entsprechend niedrig halten?

So unscharf der Begriff „Phase 0“ sein mag, die Verantwortung dafür liegt eindeutig beim Bauherrn. Sie ist sogar in den Nachhaltigkeitsbausteinen des Bewertungssystems Nachhaltiges Bauen des Bundes (BNB) enthalten. Und die frisch aktualisierte DIN 18205 beschreibt minutiös, was eine „Bedarfsplanung“ enthalten muss. Nur zu deren Honorierung sagt sie leider nichts aus. Viele Kolleginnen und Kollegen sind in diesem Aufgabenfeld seit vielen Jahren freischaffend oder als Angestellte und Beamte tätig und befassen sich auf hohem fachlichem Niveau mit der Durchführung von Nutzer- und Beteiligungsprozessen, mit Machbarkeitsstudien für private und öffentliche Investoren sowie mit der Abwicklung von Wettbewerbs- und Vergabeverfahren. Die Honorierung dafür wird auf dem Markt ermittelt.

Wir müssen in jedem Fall darauf achten, die Machbarkeitsstudie in der „Phase 0“ nicht mit dem städtebaulichen Entwurf zu verwechseln. Ergebnisse und Empfehlungen von Machbarkeits- und Standortuntersuchung-¬
en, wie zum Beispiel die des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung für das Museum des 20. Jahrhunderts am Berliner Kulturforum, sollten dennoch in möglichst ergebnisoffenen städtebaulichen Wettbewerben vertieft zur Diskussion gestellt werden. Zu früh getroffene Entscheidungen und zu genaue Vorgaben schränken die Freiheit der Entwerfenden unnötig ein und können dadurch zu unbefriedigenden Ergebnissen führen.

Die in einem Planungsprozess erforderlichen Leistungen sind auch mit einer „Phase 0“ nicht erschöpfend zu beschreiben. Denn Entwerfen ist und bleibt ein iterativer Prozess mit vielen Beteiligten, für dessen Gelingen Planende gemeinsam mit ihren Auftraggebern die Verantwortung übernehmen müssen und wollen.

Christine Edmaier, Präsidentin der Architektenkammer ­Berlin.

Mehr Informationen und Artikel zum Thema Transparenz finden Sie in unserem DABthema Transparenz.

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