Artikel drucken Artikel versenden

Städtischer Klimaschutz

Dicht, aber grün

Diesen Artikel teilen:


Für globalen Klimaschutz brauchen wir kompakte Städte, jedoch gegen Überhitzung aufgelockerte Quartiere. Wie gehen deutsche Städte mit dem Konflikt um? Drei Statements.

Hamburg: Dächer begrünen
Als erste deutsche Großstadt hat Hamburg eine umfassende Gründach-Strategie ins Leben gerufen. Deren Ziel ist es, mindestens 70 Prozent sowohl der Neubauten als auch der geeigneten zu sanierenden, flachen oder flach geneigten Dächer zu begrünen. Die Gründachstrategie ist Teil einer nachhaltigen Stadtentwicklung: Mindestens 6.000 Wohnungen sollen in der Hansestadt jährlich entstehen. 2013 waren es sogar mehr als 10.000. Wo so viel neuer Wohnraum geschaffen wird, sind Ideen gefragt, die den Bürgern neue Freiräume eröffnen. Hier fügt sich die Gründachstrategie in die Hamburger „Qualitätsoffensive Freiraum“ ein: Bauliche Verdichtung soll immer mit einem grünen Mehrwert und einer Verbesserung der Freiräume in den Quartieren einhergehen. Gründächer vereinen diese Ansprüche und bieten der Anwohnerschaft und den Beschäftigten neue Erholungs- und Nutzflächen.

In der nächsten Dekade sollen in Hamburg Gründächer mit einer Gesamtfläche von etwa 100 Hektar entstehen. Das entspricht rund der doppelten Fläche von Planten un Blomen. Allein im Wohnungsneubau ergibt sich, auf fünf Jahre gerechnet, ein Gründachpotenzial von 44 Hektar, im Gewerbeneubau von 66 Hektar. 20 Prozent der neu begrünten Flächen sollen Bewohner oder Beschäftigte als Freiflächen nutzen können. Ein Förderprogramm für Neubauten und Bestandssanierungen setzt Anreize. Bis zu 60 Prozent der Kosten pro Quadratmeter können Grund- und Gebäudeeigentümer als Zuschüsse erhalten, die sie nicht zurückzahlen müssen. Darüber hinaus reduziert sich für sie die Niederschlagswassergebühr um 50 Prozent. Die Hamburger Gründachstrategie wird wissenschaftlich von der HafenCity Universität begleitet.
Behörde für Umwelt und Energie Hamburg

Berlin: Stadtfläche umbauen
Die verdichtete Stadt der kurzen Wege ist nach wie vor das Leitbild der Stadtentwicklung und bietet auch für den Klimaschutz viele Vorteile. Im Interesse einer verbesserten Anpassung an den Klimawandel muss die Stadt dagegen aufgelockerter und weniger dicht werden. Damit ist ein Spannungsverhältnis, aber kein unauflösbarer Widerspruch bezeichnet. Denn bei guter Planung können wir durchaus beides haben: mehr Wohnraum und gleichzeitig mehr klimatische Entlastung in der Stadt. Beides geht dann zusammen, wenn wir nicht nur die Grünflächen betrachten, sondern auch die Dichte und Funktionsvielfalt des städtischen Grüns. Werden strategisch wichtige Grünbereiche aufgewertet und für den Klimawandel ertüchtigt, dann kann Berlin auch ohne einen Zuwachs an begrünter Fläche von der Kühlungs- und Verdunstungswirkung des verbleibenden Stadtgrüns profitieren. Das übergeordnete Ziel aller dieser Maßnahmen ist es, die Stadtoberfläche so umzubauen und zu qualifizieren, dass auch ein wachsendes Berlin seine Lebensqualität im Klimawandel erhält. Wenn strategisch wichtige Grün- und Freiflächen gesichert werden, wenn eine systematische Dach- und Fassadenbegrünung erfolgt, wenn das verbleibende Stadtgrün aufgewertet wird, wenn versiegelte Flächen für Niederschläge durchlässiger werden, wenn kühle Wohlfühlorte in den Quartieren entstehen – dann kann Berlin klimaangepasst wachsen.
Senat von Berlin

München: Öffentlichen Raum ertüchtigen
Mit dem neuen Klimabelang lässt sich Verdichtung begründet steuern. Die unverzichtbaren Belüftungszonen sollten in ihrer Versiegelung gebremst werden, die Düsenwirkung von Straßen kann die Durchgängigkeit der Luftströmungen ebenfalls befördern. Eine Stadtordnung, die sich auf das bedrohliche Klimageschehen einstellt, weist auch den Weg der Verdichtung. Dort, wo die Infrastruktur unter der Straße liegt und die öffentliche Verkehrserschließung leistungsfähig ist, also im Hauptstraßennetz, kann Verdichtung auch im Bestand den Belüftungszweck unterstützen. Bisher begrenzt das Baurecht (§ 34 BauGB) die Verdichtung, wie sie diese auch, zum Teil in den „Gartenstädten“ unerwünscht, zulässt. Dieses Korsett kann und muss jetzt aufgeschnürt werden. Das gibt der Stadtentwicklung neue Perspektiven und Entwicklungschancen. Die mangelhafte, chaotische Struktur der Nachkriegsentwicklung kann damit langfristig korrigiert werden. Verbindet man die mögliche Bautätigkeit im Bestand mit der dringenden Ertüchtigung des öffentlichen Raumes auch in den Erdgeschosszonen, kann sich die Lebensqualität für die Bedürfnisse aller Generationen deutlich steigern lassen.

Die Notwendigkeit der Stadtkühlung schafft auch den Anlass, ein durchgängiges Fußwegkonzept zu entwickeln, das dem Individualverkehr die Priorität nimmt, Winde leitet und den öffentlichen Raum stärkt. Reduzierter Individualverkehr und begrünter öffentlicher Raum als Netz in der Stadt sind Klima-Ziele, die ernsthaft angepackt werden müssen. Es stellt sich heraus, dass Stadtverdichtung und Klimaverbesserung, als Gesamtaufgabe betrachtet, der Stadtentwicklung einen neuen positiven Schub geben können.
Wolfgang Czisch, München

Alle Texte sind Auszüge aus größeren Veröffentlichungen, die Sie hier finden: Berlin, Hamburg und München.

Mehr Informationen und Artikel zu den Themen heiß und kalt finden Sie in unserem DABthema heiß & kalt.

Passend zum Thema





Kommentare

Wir freuen uns über Ihre Beiträge und bitten Sie, die Regeln dieses Forums einzuhalten:

  • Bitte nennen Sie uns Ihren Namen und Ihre e-Mail-Adresse. Anonyme Statements werden nicht veröffentlicht. Ihre e-Mail-Adresse wird selbstverständlich nicht mit veröffentlicht und nur im Falle von Rückfragen durch die Redaktion genutzt.
  • Schreiben Sie zur Sache.
  • Teilen Sie etwas Neues mit.
  • Nennen Sie Argumente.
  • Bitte keine Beleidigungen.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zurückzuweisen.
Texte können erst nach Freischaltung durch die Redaktion erscheinen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*