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Sowjet-Architektur

Ko(s)mische Konstruktionen

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Zwei Bildbände erwecken Bauwerke der versunkenen Sowjetunion zum Leben. Die Bilder dokumentieren Konstruktionen der sowjetischen Raumfahrt und ihre Übersetzung in die Alltagsarchitektur der 15 Teilrepubliken.

Text: Stefan Kreitewolf

In der Sowjetunion genossen die Raumfahrt und die Raketentechnik allerhöchste Priorität. Mit dem Start des ersten künstlichen Erdsatelliten Sputnik im Jahr 1957 und mit dem ersten bemannten Raumflug mit Juri Gagarin vier Jahre später erreichte der Kalte Krieg  eine neue Stufe: Es begann ein Wettstreit um die Vorherrschaft im Weltraum. Diese Weltraum-Begeisterung manifestierte sich auch in den futuristischen Formen der sowjetischen Baukunst. 

Philipp Meuser ist den Architekturpionieren dieser Ära gefolgt. Sein Buch „Architektur für die russische Raumfahrt. Vom Konstruktivismus zur Kosmonautik: Pläne, Projekte und Bauten“ (mehr Details siehe unten) schreibt dabei nicht weniger als Geschichte. In dem Buch werden einst als geheim eingestufte Materialien zur Raumfahrtarchitektur gezeigt, unter anderem der Plan der ersten jemals konzipierten Weltraumstadt. Hinzu kommen die bislang unter Verschluss gehaltenen Bauten für die sowjetische Raumfahrt in Baikonur, Kaluga oder den geschlossenen Städten bei Moskau.

In Meusers Buch berichten nicht nur Akteure der sowjetischen Raumfahrt, sondern auch Architekten wie Viktor Asse, der Planer des bis zum Zerfall der UdSSR geheimen Sternenstädtchens, und Galina Balaschowa, die Innenarchitektin und Entwurfszeichnerin sowjetischer Raumkapseln. Bei der Lektüre darf man neben all den Insider-Informationen aber auch schmunzeln, angesichts der Bonbonfarben der russischen Raumstationdesigns der 1950er-Jahre oder der Gigantomanie in Baikonur.

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Erholungsheim Druschba, Jalta, Ukraine, 1985. Foto: Frédéric Chaubin

In dem Bildband „CCCP. Cosmic Communist Constructions Photographed“ (mehr Details siehe unten) belebt Fotograf Frédéric Chaubin 90 Bauwerke aus der Schlussphase der Sowjetunion. Mit den poetisch anmutenden Bildern illustriert er die letzte Blütezeit der Kreativität der untergehenden Weltmacht zwischen 1970 und 1990. Anders als in den 1920er- oder 1950er-Jahren ist in den Fotografien keine einheitliche „Schule“ oder „Epoche“ zu erkennen. Die Bauten erwuchsen indes aus dem Chaos des implodierenden Sowjetsystems. Zugleich waren den Architekten damals keinerlei Grenzen gesetz.

Der aus dieser schöpferischen Freiheit entstandene Stil-Mix fängt auch die Weltraum-Obsession jener Zeit ein. Oft scheint die Architektur wie von einem anderen Stern auf die Erde geschwebt zu sein. Modellskizzen einer Mondbasis bringen folgerichtig das Galaktische in die Baukultur. Architektur outta Space: Ein Forschungsinstitut trägt zum Beispiel eine abgestürzte fliegenden Untertasse auf seinem Dach. Der 312 Seiten starke Band spielt auch mit der Vermessenheit der sowjetischen Idee, den Weltraum beherrschen zu wollen und zeigt, wie dieser Gedanke auf der Erde in Bauten realisiert werden sollte.


Philipp Meuser: „Architektur für die russische Raumfahrt. Vom Konstruktivismus zur Kosmonautik: Pläne, Projekte und Bauten„, Dom Publishers, Berlin, 2016, 412 Seiten, 78 Euro, ISBN 978-3-86922-219-6192.

Frédéric Chaubin: „CCCP. Cosmic Communist Constructions Photographed“, Taschen Verlag, Köln, 2015, 312 Seiten, 39,99 Euro, ISBN 978-3-83652-5190.


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