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Engagement

Aufwertung für Arme

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Deutschlands schlechteste, billigste Siedlung ist noch im Notzustand der Nachkriegszeit. Engagierte Bürger modernisieren jetzt – wollen sie aber für die Bewohner bezahlbar halten.

Text: Christoph Gunßer

Wie einfach das war, was man in den 1950er-Jahren als „Schlichtwohnungen“ baute, ist leicht vorstellbar: keine Bäder, kein warmes Wasser, Kohleöfen und Etagenklos. Kaum vorstellbar ist, dass es noch heute in Deutschland elf bewohnte Mehrfamilienhäuser in diesem Entstehungszustand gibt. Sie stehen im pfälzischen Kaiserslautern und gehören der Stadt. Nachdem ihr Siedlungsname „Kalkofen

in Verruf geraten war, laufen sie jetzt unter der Bezeichnung „Asternweg“. Die Stadt vermietet sie nicht, sondern vergibt sie für ein sogenanntes „Nutzungsentgelt“, eine Nebenkostenpauschale von rund 75 Euro im Monat.

Deutschland ganz unten: Wohnungen in Schlichtbauten mit dem Standard der Nachkriegszeit und Spuren von 70 Jahren Verschleiß.

Hier leben die Verlierer der Gesellschaft. „Asternweg – eine Straße ohne Ausweg“ hieß vor zwei Jahren eine TV-Doku zur besten Sendezeit, in der das Elend der Leute, die hier wohnen, publik gemacht wurde. Vielleicht war die Sendung etwas rührselig, doch seither bewegt sich etwas in „Deutschlands letztem Slum“, zaghaft zwar, aber erste Arbeiten sind im Gange. Allzu lang beließ man die Häuser „im baulichen Zustand der Errichtungsjahre“, wie es offiziell heißt: Die nüchtern verputzten Zeilen mit Zweispännern vermitteln die Atmosphäre ihrer ärmlichen Entstehungszeit. Was Historiker spannend finden mögen, war im Alltag schlicht Vernachlässigung. Wände verschimmelten, der Putz blätterte von den Wänden, Höfe und Treppenhäuser vermüllten. Um den Ruf des sozialen Brennpunktes zu verbessern, wurden vor Jahren (auf Drängen von Anwohnern) die Straßen nach Blumen benannt. Straßenschilder kosten nicht viel – blühen wollte hier trotzdem nichts. Es herrschten weiter unglaubliche Zustände für ein so reiches Land. Die Stadt Kaiserslautern ist allerdings nicht reich, sondern hat Schulden in Milliardenhöhe – mit über 12.000 Euro die pro Kopf bundesweit höchsten. Für die „ganz unten“ hatte man da, neben den üblichen Transferleistungen, kein Geld übrig.

„Soziale Stadt“ als Signal

Durch die Aufnahme des Quartiers ins Bundesprogramm „Soziale Stadt“ und die starke Aufstockung der Fördermittel konnte im vorigen Jahr ein erster Block am Geranienweg für 306.000 Euro saniert werden; ein zweiter folgt in diesem Jahr. Neue Fenster, Wärmedämmung, Bäder, Küchen, doch weiterhin Einzelöfen, die jetzt aber mit Gas beheizt werden – der Standard ist einfach und war auch nur möglich, weil viele Arbeiten von angelernten Kräften einer Beschäftigungsinitiative erledigt wurden. Auch die Leute vom städtischen Bauunterhalt wurden endlich aktiv.

Was anderswo Standard ist, ist hier ein Vorzeigeprojekt: Ein erstes Haus präsentiert sich gedämmt und farbig gestrichen.

Nun ist man stolz auf das erste Vorzeigeprojekt; die Signalfarben künden von einem Anfang. Doch bis alle Häuser auf diesen Stand gebracht sind, werden Jahre vergehen, wenn nicht vorher schon die Prioritäten wanken. Das ganze Stadtviertel „Im Grubentälchen“ ist Fördergebiet, und es gab schon böses Blut, dass für die (zunächst hier eingewiesenen) Flüchtlinge mehr getan würde als für die schon Ansässigen. Es wehen auffallend viele Deutschlandfahnen am Asternweg, wo links der „Slum“, rechts kleine Siedlungshäuser liegen. Von wegen „Willkommenskultur“ und „Arrival City“ – am unteren Rand der Gesellschaft ist der Frieden brüchig. Es wird geschimpft und gepöbelt. Eigenheimbesitzer renommieren vis-à-vis vom „Kalkofen“ mit Gipsbalustraden aus dem Baumarkt. Die Flüchtlinge mussten bald umziehen; Bewohner anderer Bauten im Gebiet rückten nach. Immerhin richtete die Stadt im Asternweg eine Kinderbetreuung und ein Bürgerbüro ein, wo auch auf den Frieden im Quartier geschaut und Beschwerden nachgegangen wird.

Bei den Maßnahmen der „Sozialen Stadt“, die bundesweit seit 1999 an 715 Standorten geholfen haben, werden Teilhabe und Integration großgeschrieben. Das seinerzeit von der rot-grünen Bundesregierung initiierte, zwischenzeitlich mit jährlich nur noch 40 Millionen Euro Förderung fast ausgetrocknete Programm wurde 2015 unter Bauministerin Hendricks wieder auf 150 Millionen Euro hochgefahren. Der Bedarf ist riesig: Segregation und Verwahrlosung grassieren, nicht nur im Asternweg.

Selbsthilfe: Verein greift ein

In dieser prekären Lage, wo es vielen im Gebiet noch viel zu langsam vorangeht, bewegt sich auch etwas „von unten“, aus der viel zitierten Zivilgesellschaft. Unter dem Eindruck der plötzlichen Medienöffentlichkeit wurde im Sommer 2015 der Verein „Asternweg e. V.“ gegründet: Privatleute, die zum Teil hier aufgewachsen sind, teils aber auch Bürger von draußen, die beschämt und empört waren von den publik gewordenen Schicksalen und Missständen in ihrer Stadt, setzten sich für besseres Wohnen ein.

Zu den Vereinszielen gehören laut ­Satzung die „pädagogische Begleitung für Kinder, gesundheitliche Aufklärung von Bewohnern, Übernahme von Paten­schaften, Anschaffung von Spielgeräten und Förderung der sportlichen Betätigung von Kindern, Ausrichtung von Veranstaltungen unter anderem zur Verbesserung der allgemeinen Lebenssituation vor Ort“ – so die professionell gemachte Website asternweg.org.

Dafür wirbt man regional und überregional um Spenden und Sponsoren, mit wachsendem Erfolg. An die 70.000 Euro kamen im ersten Jahr zusammen. Die Medien berichteten ausführlich vom Asternweg. Das Fernsehen kam nochmals, um nachzuhaken. Daraufhin ging auch der Oberbürgermeister bald demonstrativ mit Siedlungskindern zur Lauterer Kirmes …

Doch unter den Bewohnern gab und gibt es auch erhebliches Misstrauen, etwa wenn der städtische Baudezernent von der „langfristigen Aufwertung“ der Siedlung spricht. Man will mitentscheiden können, was genau geschieht.

So etwas wird in Kaiserslautern nicht vermietet, sondern gegen geringes „Nutzungsentgelt“ vergeben.

Bauen an der Basis

Von Anfang an entwickelte der Verein deshalb auch bauliche Ambitionen: Gegenüber der Quartierskneipe „Zum Ilse“, auf der „guten Seite“ des Asternwegs – dort trifft man sich, um Siedlungsthemen zu besprechen, und von dort stammt auch der zweite Vereinsvorsitzende – wird jetzt ein Wohnblock in Eigenregie saniert.

Zu diesem Zweck schlossen Stadt und Verein im Herbst 2015 einen Kooperationsvertrag. Darin ist festgelegt, dass die Vereinsmitglieder „nach vorheriger Abstimmung mit dem städtischen Referat ­Gebäudewirtschaft eigenverantwortlich Renovierungsarbeiten in Wohnungen und Treppenhäusern vornehmen“ dürfen. Ehrenamtliche Helfer, die dabei zum Einsatz kommen, bekommen von der Stadt einen Ehrenamtsvertrag. Und ganz wichtig: Die Stadt übernimmt die Gewährleistung für die ausgeführten Arbeiten.

„Als Eigentümerin der Schlichtwohnungen verfolgt die Stadt das gleiche Ziel wie der Verein“, erklärte Baudezernent Peter Kiefer. Die klamme Stadt ist froh, wenn die Betroffenen selbst mitanpacken. Wie bei einer Besichtigung spürbar war, verschafft das den Menschen auch Selbstvertrauen. Vieles lässt sich im „informellen Sektor“ zudem rascher und billiger organisieren. Die Elektro-Rohinstallationen schrieb die Stadt noch selbst aus. Um die Freilegung des Mauerwerks, die Fenster, die Heizung und den weiteren Ausbau kümmert sich der Verein mit seinen Leuten und Spon­soren. Die Arbeiten im Haus Nr. 35 sind derzeit im Gange; dann will man an den benachbarten Treppenaufgängen weitermachen.

Mehr als Symbolik: Mithelfen statt meckern

Auch wenn die Stadt den Verein mit ihren Baumaßnahmen zuletzt „überholt“ hat – die ersten Wohnungen am Geranienweg wurden gerade bezogen –, sind die eigenen Aktivitäten der Leute vor Ort von unschätzbarem Wert. Sie fühlen sich dadurch als Partner ernst genommen, eingebunden. Wo die „Asozialen“ sonst nur am Rande stehen und „betreut“ werden, bekommen sie hier – teilweise – eine aktive Rolle, so etwas wie Würde, und zumindest die Kinder eine Perspektive. „Asternweg – Straße mit Ausweg“ heißt es denn auch im Vereinslogo und: „Wir machen sozial benachteiligte Menschen stark fürs Leben!“ Spenden sind unter www.asternweg.org unkompliziert möglich.

Christoph Gunßer ist freier Fachautor. Er lebt in Bartenstein (Baden-Württemberg).

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